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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-11 · Heft 19 (11.5.1900) · p. Seite 224

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 19 (11.5.1900)
Date
1900-05-11
Page
Seite 224 (sequence 10)
Language
German
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224 und die Jünglinge kleideten sich mit Ehren- und Kriegsgewand. Ein Jeder saß unter seinem Weinstock und Feigenbaum, und Niemand schreckte sie." Dieses Bild friedlichen Volksmib Familienglückes sollte, ach, nur ]\i bald erlöschen. Nur zu bald kam der, der sie schreckte, der unersättliche Römer. Dein eisernen Druck der ganz anders gearteten Militärmacht vermochte das Bauernländchen trotz aller Tapserkeck ans die Dauer nicht zu widerstehen. Unter seinem korrnmpirten und korrumpirenden Hauche verdorrten die rreieu Institutionen, mit ihnen die Kraft des Landes und Volkes. Schließlich mußten die Juden ihr theures Vaterland verlassen und ihre geliebte ländliche Beschäftigung aufgebeu, um in der Fremde vorzugsweise durch Handel ihr Dasein zu fristen. Wie unglaublich, daß man angesichts der tausendjährigen vielfach beglaubigten Thatsachen dieses Volk der angeborenen ausschließlichen Neigung zunr Handel, ja zum Wucher beschuldigt. Was den letzteren betrifft so habe ich nachgewiesen, daß den Israeliten durch ihre strengsten und heiligsten Gebote sogar das Zinsnehmen im Lande, im Gegensatz zu allen anderen Kulturvölkern des Alterthums, untersagt war. Gegen den Handel aber hegten die ideal gesinnten Israeliten, so lange sie ihr selbständiges Staatswesen besaßen, einen großen, ja ull ge rechtfertigten Widerwillen: trotz der äußerst günstigen Handelslage Palästinas hat es kaum ein ausgeprägteres Agrarvolk gegeben als die Juden. Hauptsächlich erst im babylonischen Exil erlernte und betrieb ein Theil von if)uen den Handel, und nur die bittere Nothwendigkeit ließ eine immer wachsende Zahl der Juden „ohne Ar und Halm" dabei beharren und nach vielhundertjähriger Gewöhnung naturgemäß auch Geschmack daran finden. Wie noch zur Römerzeit an der jüdischest Volksseele die Vorliebe für Laudwirthschaft und Handwerke, die Abneigung gegen bell Handel haftete, das prägt sich deutlich aus in der Lehre und Lebensführung der beiden jüdischen Sekten, auf welche, als die letzten Erscheinungen der Agrarpolitik Israels, jetzt noch ein schneller Blick gewendet sei. (Näheres über diese wie andere, besonders theoretische Kundgebungen der Agrar- und Sozialpolitik des Alterthums finden sich in dem trefflichen Buche von Prof. Dr. Georg Adler: Geschichte des Sozialismus und Konnnnnismus, 1. Theil, Leipzig 1899.) Tie Mitglieder des im 2. Jahrhundert v. Ehr. gegründeten Vereins der Essäer waren vor allein gesetzestreue Juden und standen als solche durchaus auf dem Boden humaner Sozialpolitik. Als Aseetikern, die den irdischen Besitz mißachteten, genügte ihnen aber die nur zeitweilige Gütergemeiuschaft und Schuldenerlassung nicht. „Den Reichthum," berichtet Josephus, „halten sie für nichts, dagegen rühmen sie sehr die Gemeinschaft der Güter, und man findet keinen unter ihnen, der reicher wäre als der Andere. Sie haben das Gesetz, daß Alle, die in ihren Orden eintreteu mallen, ihre Güter zum gemeinsamen Gebrauche hergeben müssen, so daß man bei ihnen weder Mangel noch Ueberfluß merkt, sondern sie haben alles gemein wie Brüder." Wie aus anderen Stellen deutlicher hervorgeht, hatten die Essäer keine Gütergemeinschaft in dem Sinne, daß Produktion und Produktionsmittel gemeinschaftlich waren, vielmehr fand nur ein brüderlicher Ausgleich, eitle Gemeinschaft bezüglich der Benutzung und Konsumtion statt. Jnunerhin war hier der erste Fall im kulturentwickelten Alterthum, daß ein gewisser Kommunismus als dauernde Ordnung auf religiöser Basis eingeführt wurde. Die Einrichtung konnte aber bei aller Festigkeit ihrer Anhänger zwar jahrhundertlangen Bestand, aber keine allgemeine praktische Bedeutung gewinnen, schon weit der Eintritt in den Ordert sehr erschwert und die Mitgliedschaft daher auf wenige tausend Menschen beschränkt war. Als Keim 311 späteren religiös-kommunistischen Ideen rmd Bewegungen blieb aber das Essäerthum nicht ohne Einfluß. Das zeigte sich schon bet der Entstehung und Entwickelung der zweiten, vorher angedeuteten jüdischen Sekte, die ich als solche selbstverständlich nur während ihrer ersten auf die Judenheit beschränkten Zeit bezeichne. Auch abgesehen von essäischem Einfluß war das Christenthum von seinem Stifter dazu bestimnlt, das Gesetz des Judenthums zu erfüllen; es war beseelt voll demselben sozialen Geiste der Nächstenliebe und Barmherzigkeit, welcher in der Thora urrd bei ben Propheten einen oft so ergreifenden Ausdruck gefunden. Allein bei beu gänzlich veränderten Zeitverhältnissen der Römerherrschaft und bei der Erwartung eines bevorstehenden luessianischen Reiches konnte das Christenthinn weder die alten agrarischen Vorschriftelt praktisch durchführen noch lleue festsetzen. Von einer spezifisch christlichen Agrarlind Sozialpolitik kann wenigstens lvährend langer Jahrhunderte keine Rede sein. Insbesondere ist der noch heute verbreiteten Annahme zu widersprechen, wonach das Urchristenthum dem Kommunismns gehuldigt und volle Gütergemeinschaft geübt habe. Die einzige klare Bibelstelle, auf welche diese Annahme sich stützt, findet sich in der Apostelgeschichte; sie berichtet von der christlichen Urgemeinde zu Jerusalem: „Alle aber, die gläubig waren geworden, waren bei einander und hielten alle Dill ge gemein. Ihre Güter itub Habe verkauften sie und theilten sie aus unter Alle, nachdem jedermann noch war. Die Merlge aber der Gläubigen war Ein Herz und Eine Seele; auch keiner sagte von seinen Gütern, daß sie seine wären, sondern es ivar ihnen alles gemein." Dieser enthusiastischen Schilderung, die sehr lebhaft an die Konsumtions- Gütergelneinschaft der Essäer erinnert, wird aber durch eine Reihe anderer biblischer und sonstiger Angaben entschieden widersprochen, auch bezüglich derGerneinde zu Jerusalem. Und wenn selbst eine kurze Zeit dort die geschilderte Gemeinschaft bestand, so lvar sie keinesfalls von Dauer und konnte es unmöglich fein, da die zugebrachten lind verkauften Vermögensstücke doch bald 31t Ende gehen mußten ulld kein gemeinschaftlicher Erlverb die Einkünfte erneuerte. In Wirklichkeit zeichneten sich die Urchristen ganz überwiegend durch große gegenseitige Hilfsbereitschaft unb brüderliche Betätigung aus; sie wirkten dadurch für die Erhaltung und Verbreitung des gilten Geistes auch bezüglich der Agrarpolitik, welcher in der Volksseele Israels und in den alten reformatorischeu Vorschriften seine Wurzel hatte. Das Gesainmtergebniß meiner Darlegungen, ist in der Hauptsache ein zweifaches. Einerseits ein negatives: daß alle Maßnahmen und Gesetzesvorschriftell des Alterthums, gleichviel ob sie vorwiegend politischer oder religiöser Art waren, gleichviel ob sie friedlich oder durch Revolution, gleichviel ob sie von siegreich erobernden oder von unterliegenden Völkern ausgeführt wurden, die Agrarverhältnisse zwar eine Zeit lang gesund erhalten urrd verbessert, eine dauernde Lösung der Agrarfrage aber nicht herbeigeführt haben. Andrerseits aber ergiebt sich in schlagender Uebereinstimmung der Thatsachen auch ein positives Resultat: daß zu allen Zeiten und

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