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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-11 · Heft 19 (11.5.1900) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 19 (11.5.1900)
Date
1900-05-11
Page
Seite 222 (sequence 8)
Language
German
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222 geschickt zurückweist. In dieser Vertheidigungsschrift: „Ueber das Alter des jüdischen Volkes" heißt es Buch H, Kapitel 81): „Apivn erzählt: Antiochus habe im Ternpel ein Lager und einen auf diesem liegenden Menschen, und vor ihm einen Tisch mit Speisen von See- und Landvögeln gefunden; der Mann sei über ihre Ankunst zuerst verwundert gewesen, habe aber dann bald den Göttern für die Ankunft des Königs gedankt, als wenn dieser ihm die wichtigste Hilfe bringen würde. Dann sei er vor ihm auf die Knie gefallen und habe mit ausgestreckter Rechten um die Freiheit gebeten. Als mm der König ihn aufforderte, sich zu setzen und ihm zu sagen, wer er sei und weshalb er sich dort aufhalte oder, weshalb er hier speise, habe der Mann unter Seufzen und Weinen seine Noth geklagt. Er sagte, er sei ein Grieche, und als er das Land durchwanderte, sei er plötzlich von den Fremden ergriffen, zum Tempel geführt und dort eingeschlossen worden. Dort würde er von Niemanden! gesehen, aber mit allerlei Speisen gemästet. Erst habe er sich über diese unerhofften Wohlthaten gefreut, dann habe er Verdacht geschöpft und Furcht bekommen, schließlich habe er von den Dienern das schändliche Gesetz vernommen, nach welchen! er gefüttert würde. So machten sie es in jedem Jahre zu einer bestimmten Zeit. Sie ergriffen einen fremden Griechen, mästeten ihn ein Jahr lang, führten ihn dann in einen Wald, wo sie ihn tödteten und brächten seinen Körper ihren Ceremonien gemäß zum Opfer und kosteten von seinem Fleische. Dabei leisteten sie einen Eid, gegen die Griechen Feindschaft zu hegen. Dann würfen sie die Reste des Ermordeten in eine Grube. Weiter erzählt Apion, Jener habe gesagt, nur wenige Tage seien ihm noch vergönnt, und er habe den König angefleht, ihn aus dem drohenden Unheile zu befreien. — Eine solche Fabel ist nicht nur voll tragischen Effekts, sondern auch voll abscheulicher Unverschämtheit." Treffend beweist Josephus, daß die Geschichte von dem gefangenen Griechen in jeder Beziehung unmöglich gewesen sei, besonders deshalb, weil die Juden unter keinen Umständen ihren hochheiligen Tempel auf diese Weise entweiht hätten. „Was soll ich nun von Apion sagen," fährt er dann mit flammender Beredsamkeit fort, „als daß er, ohne diese Dinge im geringsten zu untersuchen, unglaubliche Erzählungen vorgebracht hat? Aber es ist schmählich, lvenn ein gelehrter Mann nicht die wirkliche Wahrheit überliefert. Er kannte die Heiligkeit unseres Tempels, aber davon schwieg er. Dagegen ersann er sich die Gefangennahme eines Griechen, die schändliche Mästung mit vorzüglichen Speisen, den Eintritt gemeiner Leute an den Ort, wo selbst die vornehmsten Juden nicht eintreten dürfen, wenn sie nicht Priester sind. Es ist dies also die abscheulichste Gottlosigkeit und eine absichtliche Lüge, um die zu verführen, welche die Wahrheit nicht untersuchen wollen. Durch solche schändliche Frevel, wie sie vorhin erzählt sind, suchen sie uns herabzusetzen." Die Geschichte dieser Blutbeschuldigung ist deshalb so interessant, weil sie — wie es scheint — der erste Versuch war, den jüdischen Ritus in Zusauunenhang mit Menschenopfern zu bringen und im Großen und Ganzen der Typus für viele spätere Beschuldigungen ist. Diese kleine, aber außerordentlich charakteristische Erzählung und ihre vorzügliche Widerlegung scheint übrigens Professor Strack entgangen zu sein, wenigstens y Bibliothek der griechischen und römischen Schriftsteller über Juden. Leipzig 1865. I. Band. schreibt er in seinem verdienstvollen, ausgezeichneten Buche: „Ueber das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit" über diesen Fall und seine Geschichte nichts. Gin Stück soziale Frage, mit besonderer Rücksicht ans die Bibel. Vv» Dr. Max Hirsch, Laiidtagsabgeordneter. UI. _g, ch konnte mir nicht versagen, einige Bibelstellen wört lich anzuführen, denn diese Worte sind nicht nur zn- KS& treffend und schön, sie lassen durch die Details, durch den Ton ihrer Darstellung den ganzen Charakter der Zeit und des Volkes hervortreten. Auch andere Nationen haben für die Schwachen und Bedrängten manche gute und kluge Maßrege! ergriffen und Gesetze verkündet, bei denen zwar vorzugsweise das Staatsinteresfe maßgebend war, doch auch das Mitgefüh! wenigstens bei einem Theile der Gesetzgeber eine Rolle gespielt hat. Aber so warm und tief aus dem Herzen, so ganz aus den; Bronnen der Gottes- und Menschenliebe entströmend wie bei den Israeliten ist nirgend und niemals die Sozialpolitik eine» Volkes betrieben lvorden. Und im Verein mit solchen; Idealismus, wie er sonst nur bei einzelnen Propheten und Sängern erscheint, bewundert man zugleich den praktischen Sinn, der die Verwirklichung des Guten mit aller Kraft an strebt, die wirthschaftlichen und psychologischen Schwierigkeiten voraussieht und zu überlvinden sucht. Nicht nur allgemeine Gefühle, Grundsätze und Gebote liegen uns hier vor, sondern wirkliche, ins Einzelne ausgearbeitete und zur Durchführung fertige Gesetze, und so tritt uns in dieser frühen sozialen Reform die lvunderbare Vermählung von tiefem Gefühl und scharfem Verstand entgegen, welche Israel durch die Jahrtausende charakterisirt hat. Es dürfte auch nicht persönliche Pietät oderVoreingenoin menheit sein, die mich in den angeführten und vielen ähnlichen Vorschriften die Offenbarung einer, zumal für das frühere Alterthum einzigen kollektiven Nächstenliebe erkennen läßt. Zum Zeugniß unter vielen, daß auch Nichtjuden denselben Eindruck empfangen haben, will ich nur den Professor de; Theologie Dr. Franks Buhl nennen, der in seinem kleinen Buche: „Die sozialen Verhältnisse der Israeliten" (Berlin 1899; den Gegenstand mit großer Sachkenntniß und Objektivität behandelt. Hier s finde ich u. a. folgende Aeußerung, dir gerade in ihrem Zusammenhang beweiskräftig ist. Nachden: Buhl hervorgehoben, daß „die gewöhnliche alttestamentlichr Anschauung den materiellen Gütern einen hohen Werth bei legt," daß im Alten Testament „der Wohlstand durchgängig als ein wirkliches Gut und als ein Segen betrachtet wird," — also im Gegensatz zur ascetischen Auffassung — fährt ei (S. 104) fort: „Infolge dieser Grundanschauung und noch mehr kraft der ihr innewohnenden tiefenHumanitat mußte die alttestamentliche Religion die Milderung der sozialen Nvthstände als eine nicht abzuweisende Pflicht betrachten.- Auch die Gesetze (wie die Propheten und Lehrdichter) enthalten solche Mahnungen, die durch die Aufforderung, sich in die Lage des Nothleidenden zu versetzen, um dadurch seine Wünsche nachempfinden zu können, tief und wirksam begründet werden." Wahrlich, wenn Israel in den meisten Künsten des

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