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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-11 · Heft 19 (11.5.1900) · p. Seite 218

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 19 (11.5.1900)
Date
1900-05-11
Page
Seite 218 (sequence 4)
Language
German
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218 unter die Geheimschriften zählt. Da dürste es denn interessant sein, aus der Schrift eines Gelehrten, den die Antisemiten noch vor einigen Jahren gern als Autorität zitirten, zu erfahren, daß es schon eine ganze Reihe von Uebersetzungen einzelner talmudischer Traktate giebt, und zwar sowohl in deutscher wie in lateinischer, französischer und anderen Sprachen. Was aber noch viel wichtiger für den Interpellanten sein dürfte, ist der Umstand, daß der gesammte Talmud fast ausschließlich zu antisemitischen Zwecken schon vor zweihundert Jahren durchforscht und alle nur irgendwie „verdächtigen Stellen" ins Deutsche übertragen wurden, und zlvar von keinem Geringeren als von Johann Andreas Eisenmenger, dessen „Entdecktes Judenthum" ja eine Hanptquelle der antisemitischen Gelehrsamkeit geworden ist. Der erwähnte Gelehrte, Dr. Erich Bischofs in Leipzig, dessen „Kritische Geschichte der Talmud-Uebersetzungen aller Zeiten und Zungen" (Frankfurt a. M., I. Kauffmaun), ein sehr werthvolles und interessantes Buch, ist auch der Ansicht, daß eine Uebersetzung des Talmud eine dringende Forderung sei, aber freilich nicht aus antisemitischen, sondern ans wissenschaftlichen Gründen. Er sagt am Schlüsse seines Werkes: „Nur aus deutschem Boden, durch eine Bereinigung deutscher Gelehrter zur Arbeit nach einheitlichem Plan ist die große Aufgabe lösbar. Die zu den Vorarbeiten der Ausarbeitung und der Drucklegung etwa erforderliche eine Million Mark ist für das Reich eine Bagatelle." Vielleicht gelingt es dem Interpellanten, eher wie anderen, Herrn von Miguel dazu zu veranlassen, daß er diese Suinme in das nächste Budget für eine Talmud-Uebersetzung aufnimmt. Wie man sieht, zerfällt die Idee von Geheimschriften in ni ch ts , so w ie man derselben nur irgend wie auf den Leib rückt. Wir Juden haben weder Geheimschriften noch geheime Ueberlieferungen. Unsere ganze religiöse Litteratur ist in einer Sprache geschrieben, die erlernt und verstanden werden kann, und die hervorragende christliche Gelehrte zu allen Zeiten erlernt und verstanden haben. Daß der Interpellant und seine Gesinnungsgenossen, daß die Litterarhistoriker voll Könitz, Schlochau und Bartenstein sie nicht gelernt haben und nicht verstehen können, ist doch wahrhaftig nicht unsere Schuld. Auch mit der einfachsten Logik muß man erkennen, daß Schriften, die authentisch übersetzt iverden können, nimmermehr Geheimschriften genannt werden dürfen. Von geheimen Ueberlieferungen aber könnte, wie es in einem offenen Briefe des Rabbiners Dr. Ackermann an den Interpellanten heißt, nur dann die Rede sein, wenn diese entweder in einer nur dein Eingeweihten verständlichen Sprache geschrieben, oder nur der mündlichen Fortpflanzung anheim gegeben wären. Hier trifft aber keiner dieser beiden Fälle zu, denn selbst die von der jüdischen Lehre festgehaltene mündliche Tradition einer Anzahl von Gesetzen war thatsächlich nur durch mehrere Jahrhunderte eine nlündliche. Alle Gesetze dieser Lehre sind seit mehr als zweitausend Jahren ausgeschrieben und können von demjenigen, der die Sprache erlernt, ebenso gut gelesen und verstanden werden wie die des Pentateuch. Es kommt aber noch ein besonderer Umstand hinzu, der auch schon in jener Sitzung des Herrenhauses vor vier Jahren angedeutet worden. Wo sind die Autoritäten, welche eine solche Uebersetzung vornehmen oder begutachten könnten? Es giebt keine Akademie, welche so viele Orientalisten, die auch mit der späteren jüdischen Litteratur vertraut sind, in ihrer Mitte hätte. Selbst die morgenländische Gesellschaft in Leipzig wäre kaum in der Lage, ein solches Tribunal von Autoritäten aus diesem Gebiete aus ihrem eigenen Kreise zu wählen. Und selbst wenn dies alles gelänge, würden diese Autoritäten von antisemitischer Seite anerkannt werden? Gewiß nicht! Die größten Orientalistcll unserer Zeit sind von ihnen in der unverantwortlichsten Weise angegriffen und geschmäht worden, sobald sie gegen ihre Lügen und Verleumdungen austraten. Männer wie Nöldecke, Stade, Strack, Bickell n. A. finb von ihnen verhöhnt und verspottet worden, weil sie die Existenz von Geheimschriften und die Möglichkeit eines Blutmvrdes mit Entschiedenheit in Abrede gestellt haben. Diejenigen Autoritäten aber, die etwa die Antisemiten zu stellen hätten — wir wüßten allerdings keine einzige zu nennen, die Anspruch auf solche Bezeichnung machen dürfte — würden wir wahrscheinlich mit Fug und Recht ablehnen inüffen. Es ist also gar nicht möglich, daß hier irgend welche Einigung zu Stande käme. Nur aus rein wissenschaftlicher Basis ließe sich eine Talmud-Uebersetzung ermöglichen, die als authentisch gelten dürfte, und auch nicht ein Hauch von dem bösen Geist, der unsere Tage durchzieht, dürfte in dieses Werk hineinkommen. Aber die Interpellation des Herrn von Hertzberg-Lottin hat noch eine andere Seite. Könnten die Juden, die doch noch Niemand öffentlich und parlamentarisch als Staatsbürger zweiter Klasse zu bezeichnen die Kühnheit gehabt hat, nicht mit demselben Recht verlangen, daß die gesammten Schriften der altchristlichen Litteratur, alle Werke der Scholastiker und Mystiker des Mittelalters, authentisch und aus Kosten des Reichs ins Deutsche übertragen werden sollten, um den Nachweis zu erbringen, daß der Blutaberglaube als Veranlassung vorr Verbrechen aus religiösem Wahirsinn nicht dort irgend welche Stütze habe, nachdem diese wahnwitzige Verdächtigung nicht nur im zweiten und dritten Jahrhundert und auch noch später gegen die Christen und dann von diesen wieder gegen die Monisten ausgesprengt worden ist? Es ist längst bekannt, daß in China die „Litteraten" Aufrufe verbreiten, in denen e» heißt: „Nieder mit den Fremden, tödtet die Missionäre! Sie stehlen oder kaufen unsere Kinder und schlachten sie, um aus den Augen, aus den Herzen und anderen Körpertheilen Zaubermittel und Medizin zu bereiten." Und vor achtzehnhunderi Jahren hat der christliche Kirchenvater Tertullian eine Schrift gegen die Heiden gerichtet, die in dem Satze gipfelt: „Wir heißen die verachtetsten Menschen wegen des geheimnißvol! geübten Brauches, Kinder zu morden und zu verzehren. Wi> werden so genannt, aber ihr sorgt nicht darum, es zu beweisen. Beweiset es also, wenn ihr es glaubt, oder glaubt es nicht, da ihr es nicht bewiesen habt!" Diese beherzigens werthen Worte gelten auch heute noch für den Interpellanten des Herrenhauses und dessen Gesinnungsgenossen. Nie Woche. ~ Wien, 8. Mai. Konitzer Affäre liegen wesentliche neue Mel düngen nicht vor. Amtlich wurde mitgetheilt, daß es endlich gelungen sei, die Besitzerin des unweit der Fundstelle des Kopfes Winters aufgefundenen, mit „A'* gezeichneten Taschentuches mit Sicherheit zu ermitteln, und zwar in der Person der Ehefrau eines höheren Beamten.

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