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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-11 · Heft 19 (11.5.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 19 (11.5.1900)
Date
1900-05-11
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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64. Jahrgang. Nr. 19. Allgemeine Berlin, 11. Mai 1900. eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 8*- Ludwig Philippson-Sonn. Vertags-Crpedition: Lerlin, Jerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgein. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Karpeles. Leitartikel: Geheimschriften. — Die Woche. — Vierte ordentliche Generalversammlung des Rheinischen Rabbiner-Verbandes. — Das Märchen vom Ritualmord vor 1900 Jahren. Von Arthur Mayer. — Ein ^-tück soziale Frage, mit besonderer Rücksicht aus die Bibel. III. Von Dr. Nt a x Hirsch. — Zur Geschichte der Juden in Westfalen. II. Von Dr. Lewinsky'- Hildesheim. — Feuilleton: In der Kinderstube. I Von R. Brainin. — Litterarische Mittheilungeu. — Sprechsaal. Der Vemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Stettin, Dessau, Dresden, Hamburg, Essen, Düsseldorf, Frankfurt a. M., Mülhausen, Wien, Budapest, Odessa, Newhork. — Bon Nay und Fern. Geheimschriften. Berlin, <s. Mai. ie Interpellation, die das Mitglied des Herrenhauses, Herr von Hertzberg-Lottin, an die Staatsregierung zu richten beabsichtigt, hat einen neuen Diskussionsstoff in die erregte Debatte geworfen. Der Interpellant wünscht, daß „durch eine authentische Uebersetzung aller .jüdischen Geheimschriften der Belveis geführt wird, daß diese Schriftell keinen Anhalt für den Volksglauben bieten, der annimmt, daß tu diesen Geheimschriften die Verwendung von Christenblnt für Ritualzwecke" geboten werde. Es fragt sich nun, ob der Interpellant und feine Genossen irgend eine Vorstellung von solchen Gelseimschriften haben. Was sind denn eigentlich Geheimschriften? Es können doch nur solche geheim sein, die geheim gehalten werden. Daß es aber derartige Schriften nicht giebt noch geben 'ann, das hätte der Interpellant sich von jedem Bibliographen und von den Litterarhistorikern der einschlägigen Gebiete leicht sagen lassen können, ehe er seine Interpellation Ungereicht hat. Wie sollte es denn möglich sein, daß solche Schriften entstehen und sich durch Jahrhunderte innerhalb nner Religionsgemeinschaft forterhalten können, ohne daß iner der vielen Renegaten, die, nachdem sie das Judenthum verlassen, ihre früheren Glaubensgenossen in der niederträchtigsten Weise angegriffen und verleumdet haben, darüber sehr ausführliche Mittheilungen gemacht oder jene Geheimschriften gar im vollen Wortlaut veröffentlicht hätte? Von der Existenz iner solchen geheimen Litteratur kann also, wie jeder vernünftige Mensch einsehen wird, nicht die Rede sein. Sollte aber vielleicht die Litteratur der Kabbala, also der indischen Mystik, gemeint sein, so wäre an sich nichts dagegen inzuwenden, wenn Jemand den sehr nutz-und zwecklosen Versuch '.nachen würde, dieses weite Litteraturgebiet zu übertragen. Melcher positive Ruhen dabei herauskommen würde, ist aber leicht zu ermessen. Man kann dreist behaupten, daß es unter den gesammten Juden auf dem weiten Erdenrund nur sehr wenige giebt, die einen Einblick in diese Litteratur haben, und ebenso kann man behaupten und beweisen, daß alle Anderen von der Existenz einer solchen Litteratur noch nicht einmal eine Ahnung haben. Daß dieses Schriftthum aber irgend welchen Einfluß anf die Lebensgestaltnng und ans die Anschauungen der Juden jemals gehabt hat, oder^irgend einen Anhaltspunkt für die Btntlüge böte, dürfte selbst der verbohrteste antisemitische Gelehrte nicht auszusprechen wagen. Aber der Interpellant und diejenigen, die hinter ihm stehen, haben etwas ganz anderes gemeint. Sie verstehen unter Geheimschriften beit Talmud und den Schulchan Aruch, Das geht aus der Geschichte dieser Interpellation, die ja nicht zum ersten Male auftancht, deutlich hervor. In den lebten acht Jahren ist dieselbe Interpellation nicht weniger als elfmal eingebracht worden, zweimal im deutschen Reichstage, dreimal in der sächsischen Kammer, einmal in Württemberg, einmal in Baden und einmal im preußischen Herrenhause. Ueberall hat man die Petition entweder für ungeeignet zur Erörterung im Plenum gehalten, oder man ist über den Antrag mit großer Majorität zur Tagesordnung übergegangen. Selbst die erste sächsische Kammer, die doch bisher immer reaktionärantisemitischen Bestrebungen sich sehr zugänglich erwiesen hat, faßte s. Z. den Beschluß, die Petition anf sich beruhen zu lassen; und als ein Gesinnungsgenosse des Herrn von Hertzberg, der Freiherr von Dnrant, den Antrag im Herrenhause ein brachte, die Petition um Nebersetzung des Schnlchan-Aruch aus Staatskosten der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen, da antwortete ihm der Negierungskommissar sehr zutreffend, daß jenes Werk „seit Jahrzehnten und Jahrhunderten Gegenstand der Erörterungen der Professoren und Orientalisten gewesen ist, daß also das Material längst vorhanden ist, ivas jetzt verlangt wird." Er hätte noch hinzufügen können, daß der Schulchan Aruch bereits ins Deutsche übertragen ist, und zivar zur Beruhigung der Interpellanten und seiner verehrten Genossen von entern Renegaten, Heinrich Georg F. Loewe lHamburg 18'>7 — 89, 5 Bünde). Der Zweck, der Uebersetzung war keinesfalls ein judenfreundlicher; diejenigen, welche irgend ivelche geheime Lehre des Jndenthnms wittern, können sich also aus diesem Werke getrost ihre Belehrung holen. Mit Recht wurde aber in jener Sitzung des preußischen Herrenhauses vom 29. April 1891» von den Vertretern der Regierung darauf hingewiesen, daß kein Gelehrter sich durch eine solche Uebersetzung imponiren noch in seiner abweichenden Meinung beirren lassen werde. Dasselbe gilt von den Uebersetzungen des Talmud, den Herr von Hertzberg wohl auch

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