Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1900)
- Date
- 1900-05-04
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 im Lande befinde. Herr Araten fügte weinend hinzu, das; setne Gattin schwer krank sei und eine ungünstige Antwort, die er nach Hause brächte, ihren Tod bedeuten würde. In tiefer Erregung sank er dein Kaiser zu Füßen. Der Kaiser forderte ihn aus. sich zu erheben und sagte hierauf huldvoll: „Ich werde neue Weisungen an die Behörden geben, damit dieselben ihre Pflicht und Schuldigkeit thun."— Bei dem Kreisgerichte in Neu t itsch e i u sind verflossenen Sonnabend abermals drei Personen wegen der vorjährigen antisemitischen Ausschreitungen in Vsetin zu Kerkerstrafen von zwei bis acht Wochen verurtheilt worden. — Sie haben bereits aus beu politischen Blättern die hochwichtige Nachricht entnommen, daß der Kassationshof das Urtheil gegen den wiegen Ermordung der Anna Hruza vom Schwurgericht in Kuttenberg zum Tode verurtheilten Hilsner aufgehoben und ein neues Verfahren vor einem aubeveu Kreisgericht angeordnet hat. Sie können sich denken, wie unsere hiesigen Antisemiten darüber rasen — aber das schadet nichts! — Zur Charakteristik des Kuttenberger Gerichts mag folgende Geschichte dienen: Auf eine Anfrage des Münchener Landgerichts hat die Kutteuberger Staatsanwaltschaft den weisen Bescheid gegeben, daß sie auf die Frage, ob gegen Rabbiner Dr. Goldberg eine Strafanzeige vorliege, keine Auskunft geben könne, weil die Akten des Prozesses Hilsner beim Kassationshofe lägen. Diese an die justiziäre Gerichtsweisheit des Städtchens Schilda gemahnende Antwort hat das Münchener Gericht ebenso taktvoll lvie humoristisch mit dem Kommentar glossirt: „Auch aus der jüngst erhaltenen Ausklmft bei der Staatsaulvaltschaft am k. k. Kreisgerichte Kuttenberg geht hervor, daß zur Zeit eine Anzeige gegen Dr. Goldberg wegen Theilnahme an dem mehrerwähnten Morde nicht erstattet ist und daß ein Verfahren gegen denselben nicht schwebt; denn hiervon hätte der Staatsanwalt auch ohne Kenntniß der dem Kassationshofe in Wien vorliegenden Akten gegen Hilsner Kenntniß haben müssen." — Der Gerichtssekretär Dr. Rudolf A b e l es lvurde zum Laudesgerichtsrath in Wien ernannt. — Nach fast40 jähriger Lehrthätigkeit in der erfolgreichsten Weise ist hier im Alter von 64 Jahren der Neligionslehrer derKnltnsgemeinde, Herr Aron Schn ürrnach er gestorben. Der Verstorbene wurde seines ausgezeichneten Wirkens wegen vor einigen Jahren durch die Verleihung des silberne:! Verdienstkreuzes geehrt. — In Lemberg ist vom Vorstande der Lemberger Kultusgemeinde ein Kongreß der israelitischen K n l t n s g e:n e i n d e n Galiziens für den 1. und 2. Mai einberufen worden. Auf der Tagesordnung sind folgende Angelegenheiten: 1. Die ökonomische Lage der galizischen Inden, Präventivmittel. 2. Einführung der polnischen Sprache als Amtssprache in säunntlichen Kultusgemeinden Galiziens. 3. lieber die Nichtzulassung der jüdischen Kandidaten in öffentliche Aemter (Landesbank, Landesausschuß, Magistrate und Staatsämter). 4. Entsprechende Repräsentanz der konfessionellen jüdischen Interessen im Landesschulrathe. 3.a) Stipendien für jüdische Kandidaten des Lehrerstandes, lvelche befähigt sind, in den Volksschulen Religionsunterricht zu ertheilen; I)) Bestiunnung, daß jüdische Feiertage Ferialfeiertage für Inden in Civil- und Strafgerichten sind idaß mithin für Juden Verhandlungen an jüdischen Feiertagen nicht anberaumt werden). Rußland. L. T. Odessa, 22. April. Hier ist im 63. Jahre seines Lebens De. nied. Jakob W a s s i l j e w i t s ch Gold gestorben, der 35 Jahre lang Arzt der Odessaer Landschaft war. Derselbe war einer der ältesten Aerzte der Landschaft, und zu seinen! Leichenbegängnisse erschienen seine Kameraden, die ganze Uprawa des Odessaer Landkreises mit dem Vorsitzenden an der Spitze, sämmtliche Beigeordnete, der Adelsmarschall des Gonverueinents, viele hiesige Aerzte und noch andere hervorragende Persönlichkeiten. I. W. Gold lvurde 1837 hier geboren. Die medizinischen Studien beendigte er an der Universität Kiew 1858. Im März 1865 lvurde die Landinstitution im Odessaer Kreise eingeführt. Djt. Gold war der erste Arzt und zwar der Einzige im Odessaer Kreise. Er unterbreitete der ersten Landversammlnng eine ausführliche Denkschrift über die Organisation der Medizin ans dem Lande auf eine rationelle Weise. Dieses Projekt diente als Basis der jetzt eingeführten land-sanitären Organisation. Der Verewigte war auch der Erste, der einen Plan des Kampfes rnit den Epidemien aus dem Lande ansarbeitete. Er lvar es, der vorschlug im Odessaer Kreise periodische Zusammenkünfte der Landärzte zu veranstalten, um die Medizinalangelegenheiten im Kreise zu organisiren, und als Delegirter des L dessaer Landkreises betheiligte er sich an fünf Versammlungen der Aerzte und Vertreter der Landschaft. Die Nothwendigkeit einsehend, Dorfspitäler einznrichten, erösfnete der Heimgegangene ein kleines Spital mit sechs Betten, ans freiwilligen Gaben entstanden. Am 11. Januar 1890 feierte Dr. Gold sein 25 jähriges Aintsjubiläum. Dieses Fest lvurde vou bem Landeskreise und den Aerzten mit großer Einmüthigkeit gefeiert. Der Kongreß der Landärzte beschloß damals, zu seinen Ehren einen Fond zu Gunsten derjenigen Aerzte zu gründen, deren ökonomische Lage Unterstützung erheischt. — Wir persönlich beklagen in dem Verewigten einen alten Genossen und Freund. Möge ihm die Erde leicht sein! Von Nah und Fern. — Der Lehrer an der jüdischen Gemeinde-Knabenschule Raphael Cohn hat aus Anlaß seines fünfzigjährigen Amtsjubiläums den Adler der Inhaber des königlichen Hausordens von Hohenzollern erhalten. — Dem Privatdozenten in der philosophischen Fakultät der Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin, Dr. Alfred Wohl, ist das Prädikat „Professor" beigelegt lvorden. — Die Kaiserin hat der Frau Bankier Ta ei a G old sch midt hier das silberne Frauen-Verdienstkreuz arn lveißen Bande verliehen. — Professor Leopold Cohn in Breslau ist für das lausende Sommersemester beurlaubt, zum Zwecke einer wissenschaftlichen Studienreise; seine angekündigte Vorlesung über „Griechische Paläographie" fällt daher aus. — Dr. Max Doctor, bisher zlveiter Rabbiner an der Storchshnagoge zu Breslau ist an Stelle des nach Berlin berufenen Dr. Eschelbacher zum Rabbiner in Bruchsal gewählt worden. — In Hildesheim wird das „Mayer Mayerhos Stiftshaus" mit Genehmigung der Regierung einen Neubau erhalten, und mit dem „Wilhelm Wolf Dux und Henriette Dux Stifte" vereinigt werden. — Der Redakteur der antisemitischen Deutschen Zeitung" in Krefeld, I. Jöcken wurde wegen eines Artikels über Mädchenhandel, in dem die jüdische Religionsgesellschaft scharf angegriffen lvar, am 19. d. zu einer Woche Gefängnis; verurtheilt. — Ein in seiner Art wohl einzig dastehendes Vermächtniß machte ein katholischer Bürger von Ky llb urg (Eifel), Er hinterließ sein Besitzthum im Werthe von'50 000 Mark der dortigen jüdischen Gemeinde, die bisher noch kein Gotteshaus besitzt, mit der Bestimmung, daß dort eine Synagoge errichtet lverde, andernfalls die Gemeinde den Platz erst nach 50 Jahren veräußern darf. — Der Maler Michael Muckacsy, der am 1. d. M. in E n d e n i ch bei Bonn gestorben ist, soll nach Zeitungsmeldungen als Sohn eines armen jüdischen Tischlers in Muncacs in Ungarn geboren worden sein und früher den Rainen Michael Lieb geführt haben. - Auf Veranlassung von Freunden und Verehrern des bekannten Malers Professor Moritz Oppenheim hat der Frankfurter Kunstverein es unternommen, zur nachträglichen Feier des 100jährigen Geburtstages des Meisters eine größere Ausstellung seiner Werke dem Pnblikun! vorzuführen. Den Bemühungen von Freunden ist es gelungen, zahlreiche Gemälde zu diesem Zwecke zu vereinigen. Die Ausstellung wird eröffnet werden, sobald die Gemälde alle eingetroffeu sind, was in etwa acht Tagen zu erwarten ist. — In Frankfurt a. M. lvill die orthodoxe Religionsgesellschaft noch eine ziveite Synagoge erbauen, Baron Wilhelm v. Rothschild hat dazu eine Spende von 80000 Mark zugesagt. — Zum Oberrabbiner von Metz ist nunmehr Rabbiner Dr. Netter in Saargemünd ernannt worden. — Der Finanzinspektor Maurice Bloch in Paris ist zum Direktor des Rechuungsamtes im Kolonialministerium, der Sclmliuspektor Eduard Petit ist zum Generalinspektor des öffentlichen Unterrichts ernannt worden. — Der türkische Generalkonsul Simon Sachs in Stockholm erhielt den türkischen Medjidieorden 2. Klasse. — In Sofia tagt jetzt eine von säunntlichen jüdischen Gemeinden Bulgariens beschickte Versammlung, die über die Wahl eines Landesrabbiners, über die Schaffung eines jüdischen Consistoriums und über die Mittel zur Bekämpfung des Antisemitismus in Bulgarien Beschlüsse fassen soll. — In N e w York will ein jüdisches Komitee den jüdischen Soldaten, lvelche im Bürgerkriege und in dem Kriege gegen Spanien gefallen, ein Denkmal setzen. Die Agitation geht von den jüdischen Mitgliedern der Grand Armay aus, unter denen Jsaac Eckstein, der viele Jahre hindurch Post-Commander war, einen hervorragenden Rang einuimmt. Druck und Verlag von Rudolf Rio sie in Berlin. Verautwortluh für die Redaklwn: Max Bauchwitz in Berlin.