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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-04 · Heft 18 (4.5.1900) · p. Seite 216

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 18 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
Seite 216 (sequence 14)
Language
German
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216 Das Gemeinsame dieser vier verschiedenen Kindertypen ist, daß sie alle noch träumen, schwärmen, ganz in ihrer goldenen^. Märchenwelt leben und weben, cm jeden Menschen und auch an Lohn und Strafe glauben. Von Zeit zu Zeit halte ich gern die Gedanken, welche in mir beim Besuch der Strrbe meiner Kinder anfkeimen, und meine mit ihnen geführten Gespräche auf dem Papier fest. Hier folgen einige dieser Abschnitte. 18. Ellul 188 . . . . Tinte und Feder sind mir lästig geworden. Sie konnnen mir wie Marterwerkzeuge vor. Die tobten Bücher in meinem Zinnner machen mich traurig. Um die Langeweile zu verscheuchen, ging ich in die Kinderstube. Die Kleiner: ließen sich durch mein Erscheinen in ihrem stürmischen Treiben nicht unterbrechen. Sie kletterten auf die Stühle, zerrten an ben Tapeten, sprangen umher, balgten sich herum, schrien lind lachten aus vollen: Halse. Ich blickte mich um; es loar eine förmliche Umwälzung. Alle Geräthe lvaren nmgestürzt und durcheinander geworfen, die Tinte war unlgeschüttet, die Hefte zerknüllt, allseits die größte Verwirrung. Noch vor einer Stunde war alles in Ordnung, jetzt herrschte ein wahres Chaos. Ich aber, anstatt zu zürllen, betheiligte mich noch an der jallchzenden Zerstörungsarbeit meiner kleinen Vandalen. Freut euch eurer Kindheit, ihr Kleiner:! Die Zeit konnnt, da werdet ihr schon ruhig imb gelassen werden. Nur sachte, und ihr loerdet eure munteren Stimmen schon senken, werdet eure schönerr Köpfchen beugen und ganz wohlerzogene Menschlein werden. So lebet denn jetzt wenigstens ein volles Leben dahin und laßt eurer froher: Laune die Zügel schießen. Ihr kleinen Jrrden, lachet nach Herzenslust aus vollem Halse, treibt es toll, vermummt euch als Körrige urrd Prinzen, Helderr und Sieger. Bald werden die Stärkerer: korrrnren nrrd errch Mores lehrerr urrd erlch rechtzeitig wisserr lasserr, rvo die Grerrzerr eurer Freiheit arrfarrgen. Jetzt gehört euch noch die garrze Welt, ergreift Besitz von ihr. Lürrnt rrnd tollt herum, so viel es euch gefällt, ich will euch nicht zrrr Zucht mahnerr. Ich will euch rricht ans derrr Paradiese der Kirrdheit vertreiben. Es kränkt nrich roerrig, daß meirre Kinder rricht fleißig gerrug sind rrnd sogar die Fertigstellurrg ihrer Aufgaben zuweilen verrrachlässigen. Der Tag ist groß. Ihr werdet rroch Zeit gerrug haben, zu lernen, vielleicht mehr als rröthig. Ihr rverdet rroch die Bücher satt bekorrrrrren. Die rverderr vorr solcher: ausgedörrterr und verschrumpften Merrscherr wie ich genracht. Es ist Schade, daß ihr dafür eure golderre Kindheit, dieSäfte eures jrrngenLeberrs hergebt. Ich errtsinne rrrich nrerner eigenen Jugend rrnd ein Schauer durchläuft mich. Kaum rvar ich fünf Jahre alt, so wurde ich schorr in das Cheder gesperrt, rvurde meiner Freiheit beraubt urrd an das Siddur, das Chumesch und die Gerrrara gefesselt. Ich rverde euch nicht arr die Bücher fetten, meine Kinder. Das Leber: ist nicht in der: Bücherrr. Leset mit eurem kleiner: Aeuglein irr den: großen Buch der Natur, horchet arrf die Stimrrren lebendiger Menschen — das ist klüger. Ich will euch, ihr meirre f(einen Freunde, rricht vollstopferr rrrit Regeln und Gesetzen, rrrit Spitzfirrdigkeiten und thörichter Bücherrveisheit. All das Haber: Menschen ersonrrerr, nur unseren Geist zu tobten urrd uns das Leben sauer zrr rrracherr. Fern sei es vor: nrir, derr Bücherstanb rrnd der: Tirrtengeruch aus ureinern Arbeitszimnrer zu euch hinüberzubringen. Ich will den Terrrpel eurer Kindlichkeit nicht errtlveiherr. Ich will nicht strenge mit euch sein, und auch auf den väterlicher: Respekt verzichte ich von ganzem Herzerr. In eurer lieben und fröhlichen Gesellschaft will ich ein Kind seirr rvie ihr urrd den Errrst des Lebens eine Weile vergessen. Komrrrt, ihr Kleirren, wir wollen tanzen, wollen lustig seirr. Habt keine Angst vor ureinern bekümmerten Gesicht rrrit derr strengen Falten, ich bin nicht gekommen, um euch eine Lektion zu geben, sondern von euch zu lerrren, ihr Lieben, das Räthsel des Lebens sollt ihr nrir lösen, die Geheimnisse des Wachsens und stillen Gedeihens mir deuten. Nicht meine armselige Weisheit, die ich auf der Schulbarrk errvorben, will ich euch bringen. Ein Strahl eurer unschuldigen Kindlichkeit, ein Fünkcherr eurer Munterkeit ist mir lieber als alle die Gelehrsamkeit, die in meinen Bücherrr steckt, als alle Eneyklopädierr und Schulbücher der Moral urrd der Weltweisheit zusarnrrrengenornrnerr. Seid rrrunter, rrreine Kirrderchen, seid murrter und fröhlich rrach Herzenslust. Euer Vater ist darüber rricht böse. Er will rricht die Zuchtruthe des Pädagogen über euch schwingen. w Spverstsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Älch wende urich au Sie, als Kollegen urrd Streiter für die Interessen des Jndenthnms, zn dem Zwecke, Sie auf die Sachlage irr den rrothleiderrden Bezirken Südrußlauds aufnrerksanr zn rrracherr urrd arr Ihr stets lvaches Mitgefühl für die zahlreicherr Leiden unserer Glaubeusnud Stanrnresgenosserr zu appellirerr. Die Jrrderr irr derr zwei am rrreisten vorr der Mißerrrte betroffenen Gouvernements Cherson urrd Beßarabien besteherr außerhalb der großer: Städte irr der Masse arrs Kleinhändlern, Harrdwerkeru rrrrd verschiederrerr Harrdlangerrr, deren Existerrz aufs engste mit dem Wohlstarrde der ackerbautreibenden Landbevölkerrnrg verbunden und also vorn Zrrstairde der Errrte abhängig ist. Die diesjährige Kalamität, bei der fast alle Aussaat zu Grunde gegarrgerr ist, hat mehr beim 5000 Familien buchstäblich um jeden Erwerb gebracht bis zur rrächsterr Ernte ini September rrrrd dies legt den nrinder oder bloß drrrch das rrorurale Elend des Jrrderrthurrrs Betroffenen die moralische Verpflichtung arrf, Mittel und Wege zu suche::, benfeiben bis dahin über die schlimmste Noth zu Helsen. Die russischen Inder: sirrd sich dieser Pflicht rvohl bervußt urrd rrracherr rrach derr Urrrstäudeu garrz außerorderrtliche Arrstreugurrgerr, um derselbe!: nachzukourrueu. Arrf Anregung des „Woschod" bildeten sich irr Rußland drei Hauptkomitees, zur Sanrurlung urrd Verl Heilung von Unterstützungen in St. Petersburg. Moskau urrd Odessa und in: Ganzen sind bis jetzt etrva 100000 Rubel eingegangen, davor: in der Redaktion des „Woschod" 85 000 Rubel. Zugleich rvurden von den Komitees Vertrauensrnänner an Ort und Stelle gesandt, um derr Unrfaug der Noth zu untersuchen und eine angemessene Organisation der Vertheilurrg der Unterstützungerr ins Werk zrr setzerr. Es steht jetzt völlig fest, daß die urrurngürrglich nöthigen Sumrnen rricht unter 250000 Rubel betragen können urrd andererseits es lvohl kaum zu hoffen ist, in Rußland mehr als weitere 50 000 Rubel zu saurrnelu. Bei der oben skizzirteu Sachlage rverderr unsere derrtschen Glaubensgenossen rvohl keinen Grund finden, uns Mangel au Opferwilligkeit und werkthätiger Sorge vorzurverfen. sie rverderr begreifen, daß dieser Aufruf an glücklichere urrd besser srtuirte Staurruesverwaudte bloß durch den Druck der Noth hervorgerufeu ist. Ich stelle es Ihnen anheim, rverther Herr Kollege, in Ihrer Einsicht und Kenntniß der deutsch-jüdischen Verhältnisse, die zrveckmäßigste Art und Weise ausfindig zu rrracherr, rvie die Sache am besten in Gang zu bringen ist, erlaube nrir aber, die Bildurrg eines besonderen Hauptkomitees in Berlin in Vorschlag zu bringen, in Verbindung mit der Organisation der israelitischen Gerueiudeu, oder arrch außerhalb derselben; dies Komitee wird dann den Erlaß von Aufrufen, Bildung örtlicher Komites k. in die Hand nehrnen. St. Petersburg, 26. April. Hochachtungsvoll M. G. Syrkin, Chef-Redakteur des „Woschod". Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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