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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-04 · Heft 18 (4.5.1900) · p. Seite 215

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 18 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
Seite 215 (sequence 13)
Language
German
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215 Klagen ltnb Beschwerden feiner Glaubensgenossen dem Landesfürsten oder der Hoskammer behufs Entscheidung zu unterbreiten nnb eine wahrheitsgemäße Aufstellung der innerhalb der Jndenschaft stattfindenden Vergehungen. Exzesse u. s. \v. unter Angabe der zu zählenden Geldstrafen alljährlich bei Elltrichtung des Tributs einzureichen. Es wird dabei besonders betont, daß das Verschweigen irgend eines Delikts den Verlust des Geleits für ben „Obsr-Vorgäuger" jui* Folge haben und daß eine Verminderung oder Erhöhung der in Vorschlag gebrachten Strafen höheren Orts Vorbehalten bleiben sollte. Das Patent verkündet außerdem die weitere Zulassung des damaligen Rabbiners Moses Kohn^), mit dem Bemerken, daß er auf den Handel und Wandel der Judenschaft zu achten, das Interesse des Landesfürsten zu wahren und in seinem Amte, „wie einem trewen rechtschaffener! Rabiner obligget," sich zu verhalten habe. Für den Schutz, den die Juden im Münsterscherr Gebiete genießen, haben sie der im Geleitsbriefe enthaltenen Bestimmung gemäß einen jährlichen Tribut zu entrichten, dessen Höhe und Zahlnngsternrin int vorliegenden Dokumente nicht angegeben sind. Die Besetzung einer durch Abgang eines Schutzjnden freigervordenen Stelle wird von der Erlangung des beim Landesfürsten nachgesnchterr Schutzes nnb von der Leistung einer Kaution im Betrage voll 400 Rthlr. abhängig gemacht. Fremden Juden verbietet Clemens August den Aufenthalt in seinem Larrde, auch untersagt er ihnen, urn die Handelsinteressen der vergleiteten Juden zu schützen, unter Androhung der Waaren-Konfiskation das Hausiren ohne seine Erlaubniß. Mit der an die einzelnen Obrigkeiten des Landes gerichteten Anweisung, die zugelassenen Juden in Ruhe wohnen, den erlaubten Handel treiben zu lassen und ihnen überhaupt den erforderlichen Schutz zu gelvähren, sowie mit dem Hinweise darauf, daß eine diesbezügliche Uebertretung mit MO Goldgulden bestraft werden würde, schließt das Patent, bezüglich dessen sich übrigens der Fürstbischof Veränderungen einzelner Bestinunnngen ausdrücklich vorbehält. EUILLETON In der Kinderstube. Aus den Erinnerungen eines hebräischen Schriftstellers. Mitgetheilt von 91. Brciini n. liebe ich es, mein Arbeitszimmer zu verlassen, und in die Kinderstube zu gehen, um mit diesen meinen kleinen Menschlein ein Stündchen zu verplaudern. Es sind wonnevolle Augenblicke, die ich hier verbringe. In der Stube meiner Kinder bin ich fern von dem Gewühltes Marktes, des Lebenswie des litterarischen Marktes. Meine eigene Kindheit mit ihrem ganzen Zauber und all ihrer Süßigkeit steigt vor mir auf. Ein erfrischender Than senkt sich auf mein von des Lebens Mühsal etwas gebücktes Haupt. Kaum trete ich über die Schwelle, und die Kleinen laufen mir entgegen, hüpfen um mich herum, schmiegen sich an mich, '> In dem Geleitsbriefe wird der Rabbiner „Mopses Kehn" genannt. klettern mir auf die Schultern, zausen mich am Bart, stecken mir die Hände in die Taschen und zerren mich hin und her. Die Stube lviderhallt von frischen, Hellen Lachsalven, von einem lieblichen Gezwitscher, von kindlichen: Geplauder und süßen Trillern. Es sind ihrer vier, die diese Stube beioohuen, zwei Mädchen und zwei Knaben. Die Aelteste ist 0, der Jüngste etwas über 4 Jahre alt. In der Stube herrscht Friede und Munterkeit; Neid, Eifersucht, Haß und Mißgunst sind hier unbekannte Dinge. Wenn man sich zankt, so ist es über Kleinigkeiten; es dauert eine Weile, dann sind die jungen Gemüther wieder gut, eine allgemeine Versöhnung greift Platz. Das ältere meiner Mädchen, Mirjam, ist ein kluges lebhaftes Kind, stink und geschmeidig an Bewegungen und Gedanken. Sie hat eine Menge Bekanntschaften unter den Kindern und ist sehr gesellig. Ihr Verstand ist nicht tief, aber regsain. Sie hat eine starke und reiche Phantasie, ist stets nnulter und beweglich wie ein Vögelchen, voll Leben und übersprudelnden Lachens. Ich kann nicht in ihrer Nähe weilen und traurige Gedanken hegen. In dem Lichte ihres feinen Gesichtchens und ihrer braunen Augen erscheinen mir die Dinge in Heller, schattenloser Beleuchtung. Meine zweite Tochter, Rebekka, ist 7>- Jahre alt. Ihre schwarzen, funkelnden Aeuglein haben einen weichen, herzerquickenden Blick. Sie ist sehr barmherzig und schwärmerisch veranlagt, voller Gefühl und leicht zu rühren. Wenn sie spricht, klingt ihre Stimme leise und gedämpft und ihr Lachen ist von einem bezaubernden Kichern begleitet. Man scheut sich ordentlich, in ihrer Nähe ein Wort zu sprechen, welches auch nur einen Schatten von Heuchelei oder Lüge enthielte. Mein älterer Sohn Moses zählt etwas über sechs Jahre. Er spricht wenig und hört viel, und wie mir scheint, denkt er auch viel nach. Wenn ich mich mit ihn: in eine Diskussion über „ernste" Fragen entlasse, konunt er mir vor wie ein kleiner Philosoph mit einem eigenen wohldnrchdachten System. In vielen Fällen fragt er: „Warum? Wozu?" und antwortet sich meist selber, nach seiner eigenen kindlichen Logik. Wenn ihn: das geringste Unrecht widerführt, nimmt er es nicht leicht; erfordert von allen absolute Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Auf Kompromisse und Konzessionen läßt er sich nicht ein. Mit seinen Altersgenossen oerkehrt er wenig, am liebsten spielt er allein in einem Winkel des Zimmers. Er hat ein kleines Weltlein für sich, welches er allein ausfüllt. Er leidet es nicht, daß man ihn in Gesellschaft von Großen wie ein kleines Kind anspricht. Aus Komplimenten und einfältigen Schmeicheleien macht er sich nichts. Manche von meinen Hausfreunden nennen ihn „kleiner Wildfang", andere nennen ihn „der stolze Kleine"; er aber macht sich nichts daraus, was man von ihm hält und über ihn sagt. Er spricht seine wenigen Worte und besorgt seine kleinen Angelegenheiten nach eigenen: Sinn, ohne erst die Erwachsenen um Erlaubniß zu bitten. Er fürchtet sich vor ihnen nicht, beträgt sich aber auch nicht keck ihnen gegenüber. Der Jüngste, Josef, ein fünfjähriger Knirps mit einem Engelsgesichtcheu nnb schönen Augen, von raschen, anmnthigen kindlichen Bewegungen, ist zutraulich, unterhält sich gern mit Erwachsenen und hört ihnen gern zu. Seine klugen Antworten beweisen, das; sein Geist schon erwacht ist. Er sängt schon an über die Menschen, mit denen er umgeht, sich Rechenschaft zu geben, itnb charaktensirt sie oft mit klugen Worten.

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