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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-05-04 · Heft 18 (4.5.1900) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 18 (4.5.1900)
Date
1900-05-04
Page
Seite 212 (sequence 10)
Language
German
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212 Aber wenn auch der Mord, dem der bedauernswerte Winter zum Opfer gefallen ist, aufgeklärt sein wird, das Sittenstück aus dem Anfänge des 20. Jahrhunderts ist auch danu noch nicht beendet. Der Antisemitismus, der die Fäden so trefflich zu verwirren verstandet: hat, wird schon dafür sorgen, daß auch danll noch die Ritualmordlüge weiter gedeiht. Gin Stück soziale Krage, mit besonderer Rücksicht auf die Bibel. Von Dr. Max Hirsch, Landtagsabgeordneter. II. um Theil ähnlich, anderntheils und besonders mit Schluß ganz anders verlief die Agrarpolitik in der anfänglich unbedeutenden italischen Gemeinde, die berufen war, mit staunenswerther Thatkraft und Konsequenz die ganze antike Kulturwelt nicht nur zu erobern, sondern nach ihrem Gepräge umzuformen. Auch Rom begann und dauerte etwa sechs Jahrhunderte laug im wesentlichen als Banernstaat, dessen politische und namentlich kriegerische Leistungen angesichts der mittelalterlichen Schweizer- und der heutigen Buren-Republiken uns nicht Wunder nehmen können. Der freie selbstbewirthschaftete Grundbesitz war die Vorbedingung des Bürgerrechts und des Kriegsdienstes. Aber gerade durch die fast unaufhörlichen Ansprüche des letzteren gerieth die große Masse der Gemeinfreien in immer stärkere Schuldverbindlichkeit gegen den Adel, welche zumal bei der angestammten römischen Härte zttr gänzlichen Verarmung und Schnldsklaverei führte. Da erhob sich die Bauernschaft, hier ganz spontan, ohne die Leitung eines hervorragenden Staatsmannes. „Als im Jahre 259 seit Gründung der Stadt für einen gefahrvollen Krieg die Aushebung veranstaltet ward," so berichtet Mommsen, „weigerte sich die pflichtige Mannschaft, dem Gebot zu folgen. Wie darauf der Konsul Publius Servilius die Anwendung der Schuldgesetze vorläufig snspendirte mtd sowohl die schon in Schuldhaft sitzenden Leute zu entlassen befahl als auch den iveiteren Lauf der Verhaftungen hemmte, stellten die Bauern sich und halfen den Sieg erfechten." Aber sofort nach dem Friedensschluß mit dem äußeren Feinde wurden die Schttldgesetze wieder mit vollster Strenge gehandhabt. Die Erbitterung der kriegerischen Bauern wuchs, und am Schluffe eines neuen Krieges kehrte das Heer nicht nach Rom zurück, sondern besetzte unter Führung der großentheils plebejischen Kriegstribunen den später sogenannten Heiligen Berg und machte Miene, dort eine neue Plebejerstadt zu gründen. Diese „Sezession" brachte den Senat zur Besinnung; der Dietator Manius^Valerius, gleich Solon von altem Adel, aber gerechter, volksfreundlicher Gesinnung, vermittelte das Verträgniß. Außer den transitorischen Bestimmungen, namentlich zur Abstellung der drückendsten Schuldnoth, zur Versorgung einer Anzahl Landlente durch Gründung von Kolonien, wurde den Plebejern gegen ihre Rückkehr nach Rom eine ständige, mit bedeutender Macht ausgestattete Vertretung, die Volkstribunen, gewährt. Diese große Errungenschaft wirkte auf Jahrhunderte für die Erhaltung des kleinen Grundbesitzes und sür die Kräftigung und Vergrößerung des Staates. Die immer weitere Begründung von Ackerbaukolonien in den eroberten italischen Gebieten, welche großentheils mit römischer: Kleinbauern besetzt wurden, vermehrte sogar den Bauernstand immerfort bis gegen Ende des sechsten Jahrhunderts der Stadt. So weit ergiebt sich also offenbar eine merkwürdige Aehnlichkeit in den Hauptzügen mit der Entwickelung der Agrarfrage, in Attika. Zu der erwähnten Zeit aber machten sich in Rom die verhängnißvollen Folget: der fortgesetzten immer gewaltigeren Kriege und Eroberungen attch für die agrarischen Verhältnisse geltend. Der übermäßige Militärdienst lastete schwer auf den kleinen Wirthschaften und ihren Besitzerit, während der Nutzen und Getvinn lediglich den Vornehmen zufiel. Diese waren es, die das eroberte Lattd, den „öffentliche!: Acker" (ager publicus), wie er ans alter Zeit noch wie zum Hohn genannt wurde, zumal in Süditaliett okkttpirten und ohne Entgelt durch billigste Sklavenarbeit ansbeuteten, den freien Kleiubesitz gänzlich überwuchernd. Es kaut so weit, daß im tiefsten Frieden nach Karthagos und Maeedoniens Niederwerfung die Zahl der waffenfähigen Bürger um Tausende sich verminderte, daß es in dem fruchtbaren Etrurien keinen freien Bauern mehr gab, und daß ein Redner auf dem Forum ausrufen konnte: „Das Wild hat sein Lager, den Bürgern aber ist nichts geblieben als Luft und Sonnenschein, und die, welche die Herren der Welt heißen, nennen keine Scholle mehr ihr eigen." Der Redner war kein anderer als der Erneuerer des licinisch-sextischen Agrargesetzes — matt verstand unter diesem Ausdruck damals ungefähr das Gegentheil wie heute — Tiberius Sempronins Gracchus. Danach sollten alle Aneigner der umfangreichen Staatsländereien nur 500—1000 Morgeit — je nach der Zahl der Söhne — behalten dürfen, der Rest aber sollte iit Loosen von je 30 Morgen an Bürger mtd italische Bundesgenossen in Erbpacht gegeben werden mit der Verpflichtung, das Land zum Ackerbau zu benutzen und eilte mäßige Pacht an die Staatskasse zu zahlen. Mit den Geschäften der Feststellung des seit Jahrhunderten mißbrauchten Staatseigeitthums, dessen Einziehung und Attftheilung wurde eine stättdige Behörde von drei Männern eittgesetzt. Der Antrag, an sich durchaus gerechtfertigt und auch im direktett Staatsinteresse heilsam, ja nothweudig, konnte gegenüber dem Eigennutz der durch beu Senat vertretenen Reichet: leider nttr durch eine Gesetzwidrigkeit zur Annahme gelangen, und der von wahrer Volks- ::nd Vaterlandsliebe beseelte Urheber ward bald darauf von der wüthenden Adelsrotte mit Stuhlbeinen und Knütteln erschlage::. Sein jüngerer Bruder, der neun Jahre später, genialer und kühner, zur Rettung Roms die Verfassung zu ändert: uttteruahm, erlitt gleichfalls den Tod im schnöden Bürgerkampfe. Trotzdem ward aber das „sempronische Ackergesetzt fast völlig durchgeführt mit dem großartigen Erfolge, daß binnen sechs Jahren die Zahl der waffenfähigen, d. h. grundbesitzenden römischen Bürger von 319 000 auf 395 000, also um 76 000 stieg. — Aber der Niedergang ivar damit nur auf kurze Zeit unterbrochen, tun sich dattn in verstärkten: Maaße fortzusetzen. Der Bauernstand verfiel immer mehr, der Großgrundbesitz mit seinen Sklavenscharen wuchs und konzentrirte sich weiter; trotz aller bedrohlichen Anzeichen, trotz der furchtbaren Sklaven- und Gladiatoreu-Aufstände, trotz der Einbrüche tapferer Germanenschaaren, trotz immer wachsender innerer Parteiung und Korruption geschah nichts Ernstliches mehr, um den Hauptgrund alles Unheils ernstlich zu bekämpfen. Von allen gracchischen Maßnahmen wttrde nur eine einzige, die prinzipwidrige Getreidevertheilung au die Massen, aufrecht-

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