Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- Seite 204 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Hebungen ergeben. Nachher jedoch fing er an, deutsche Büch zu studiren und wurde wankend iin Glauben. Doch mußte er seine Gedanken oerbergen, da er nicht Herr seiner selbst war. Daher sann er auf ein Mittel, das Haus seines Schwiegervaters zu verlassen. Zu diesem Zwecke gab er vor, daß er in eine ferne Stadt reisen wolle, um dort einen Handel zu beginnen und sich von der Arbeit seiner Hände zu ernähren. Im Herzen aber dachte er, wenn ich nur mein Geld von ihm herausbekommen habe, mache ich mich auf nach Alexandrienl) in Aegypten und ergebe mich dort dem Studium der unheiligen Wissenschaften und Künste. Denn er war schon so sehr mit dem Glauben zerfallen, daß ihn das Herz zu diesen Dingen immer stärker hinzog. Der Alte widersehte sich anfangs dem Plane, doch der Junge wußte ihr: zu beschwatzen: „Was hat es für einen Zweck immer über den Büchern zu sitzen und sich von den Eltern ernähren zu lassend Ich will versuchen auf eigenen Beinen zn stehen." Der Alte gab endlich nach, doch mußte sich der Junge durch Handschlag verpflichten, bevor er die Reise antrat sich von dem alten Rabbi in seiner Heimathstadt, der sein Lehrer gewesen, zu verabschieden. Nun reiste er auf ben Sabbath in seine Heimath. Am Freitag Abends, nach dem Gottesdienst, saß unser junge Mann beim Tische des Rabbi mitten unter den anderen Jüngern. Als der Rabbi anfing „Thora" -) zu sagen, wurde dem jungen Ketzer sehr heiß, die Worte des Meisters konnte er nicht ertragen, denn im Herzen war er schon gründlich verdorben. Er legte also seine Pelzmütze ab und im bloßen Käppchen ging er hinaus um in der schönen Sonunernacht einen Spaziergang 31t machen. Draußen versank er in Sinnen, da er ja etwas so Wichtiges vorhatte, und im Gehen entfernte er sich immer mehr von denl Hause, bis er ganz vom Wege abirrte. Als er aus dem Sinnen erwachte, konnte er den Weg nach Hause nicht finden. Er fing an, aufs Gerathewohl vor sich hinzugehen, ging und ging, wohin ihn die Füße-trugen, bis er von der Ferne eine Stadt sah. Als er aber näher hinzukam, merkte er, daß es nicht eine Stadt, fonbern ein Gebüsch war. Aber im Gebüsch funkelte ein Lichtlein. Dem Lichtlein ging er nach, es kam aus einem Hanse, wo eine Bäckerei war. Er klopfte au, und da er sehr hungrig war, bat er um ein dritten, prachtvollen Saale der Heiligen Schrift, in ben Kethubnn. Da zeigt er sich, lute er leibte und lebte, sein Buch in der Hand, die Harfe spielend, ein unsterblicher König. Die Kunst, ihll so zu finden, lehrt ein zusammeugeschrumpfter, kindisch gewordener Greis, der Träger der alten Ueberliefernng. — Schade nur, daß die Tehillini so massenhaft und so mechanisch hergesagt werden müssen — und Schade, ach! — daß David statt eines Riemens nicht Goliaths Schwert in seiner siegreichen Hand führt und damit nicht dem Tyrannen den Kopf abhaut. Dies meine Erklärung, die ich Ihnen als Zeichen meiner Dankbarkeit und Aufmerksamkeit darbieten wollte. Mit hochachtungsoollem Gruße M. S ch w a l b, Prediger au St.-Martini-Kirche. Nachs ch rist. Die Hauptsache habe ich vergessen; die Bitte, Ihre ganze Anthologie zu veröfientlichen — vorausgesetzt, daß sie manches Gleichwerthige bietet." — Die Sage von Lus. der Stadt, in der man nicht stirbt, befindet sich bekanntlich schon im Talmud. 0 Aegypten gilt dem Volke noch immer als Hauptsitz aller gottwidrigen und unreinen Lehren und Wissenschaften. 0 „Thora" heißt eine Art Tischpredigt, die der Nabbi über moralische und religiöse Themata hält. Stück Brod. Wie er da saß und die Gabe verzehrte, am ein kräftiger, hochgewachsener Bursche in die Stube, setzte einen großen Korb auf den Boden und händigte dem Bäcker den Erlös für das verkaufte Gebäck ein. Der Ankönnuling fragte den Bäcker, wieviel solch ein Gebäckausträger den Tag verdiene, der Bäcker sagte so m:d so viel. Nun sing der junge Gelehrte an, den Bäcker zu bitten, daß er ihn auch in Dienst nehme. Doch jener weigerte sich: „Ihr seid ein zartes Kind, in Seidengewändern, Ihr seid zu etwas besserem geboren, als zu solch grober Arbeit. Was könnte ich mit euch anfangen?" Doch Jener ließ sich nicht abweiseu, sondern bat in einem fort: „Ich werde euch treu dienen, werde keine schwere Arbeit scheuen. Nehmt mich nur an." Der Bäcker gab nach. Nun zog der junge Gelehrte den Seidenrock aus, zog eine grobe Jacke an, umgürtete sich mit einem Strick, nahm den Korb auf die Schultern und fing an, Gebäck auszutragen. Das ging so eine lange Zeit. Einmal war Soldatenaushebung. In der Stadt wußte man, daß beim Bäcker ein Hergelaufener, ein ziemlich starker Kerl, diente und Ulan nahm ihn ohne viel Federlesens zu den Soldaten. Bei dell Soldaten jedoch hatte er Glück, man machte ihn bald zum Gefreiten, dann zunl Wachtmeister, schließlich brachte er es zum General. Es erging ihm sehr gut, er hatte Orden utib allerhand Ehren, aber im Herzen trug er doch die Sehnsucht llach der Heimath und den Seinigen. Einmal brach ein Krieg ans. Da befahl der Kaiser unseren! General, die Soldaten zu fuhren, weithin, nach einem anderen Land. Und der Weg führte ihn durch seine Heimathstadt, wo der alte Rabbi wohnte. Unser General konunandirte: „Halt!" und dachte bei sich, ich will einmal hineingehen und Nachsehen, was der Alte rnacht. Sowie er die Schwelle übertrat, erblickte er sich in der Seidenpekesche mit dem Käppchen auf dem Kopf. Der Rabbi hatte eben seine „Thora" beendet und rief: „Nun laßt Wasser zum Händewaschen herunneichen und laßt uns das Tischgebet sprechen." Der jungeMann erschrak und stand verwirrt und beschürnt da. Der Rabbi musterte ihn und sprach: „Nun, rnein Kind, gelüstet es dich noch innner, nach Aegypten zu gehen, um die unreinen Wissenschaften und Künste zu studiren?" An: Sonntag gab ihm der Rabbi seinen Segen beim Abschied und sprach: „Fahre heim, lvidrne dich lvie bisher dem Studium der heiligen Lehre und bleib ein frounnes Kind." Der Schwiegervater war nicht lvenig erstaunt, als er seinen Eidam plötzlich wiedersah. Dieser erzählte ihm die ganze Wahrheit, thatBnße, und blieb sein Leben lang ein gottesfnrchtiger Mann. Sprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! ^T^ie ich soeben zufällig bemerke, fehlt in meiueul Aussatz iu JjSJ Nummer 44 v. I. der Allgemeineu Zeituug des Judeuthums Jarotschiu. Ich uehlue au, daß wegen der drei aufeiuanderfolgendeu ziemlich gleichlauteuden Städteuameu Jarotschiu weggeblieben. Iu lueiuem Kouzept ist's vorhanden. Vielleicht tragen Sie es der Vollständigkeit wegen gefälligst in Ihrer geschätzten Zeitung nach. Also: Jarotschiu hat nach dein statistischen Jahrbuch 3535 Seelen, darunter 242 jüdischen,— im Jahre 1857 2000 —512, im Jahre 1827 1480 — viele Juden. Sch w ersenz, 9. April. Hochachtungsvoll M. Grün selb. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.