Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- Seite 203 (sequence 13)
- Language
- German
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zum Laude hinausjageu. Das Bermögerr wird also so wie so mir zufallen." Er bestimmte ihnen eine Zeit von vierzig Tagen, binnen welcher sie den Aufenthalt des Königs David zu erforschen und ihn vor das Antlitz des Königs zu bringen hatten, widrigenfalls sollte das Urtheil vollzogen werden. Was sollten nun die Inden thun? Sie schickten Gesandte, je zwei und zwei, nach alleir Enden, und Richtungen der Welt, überall hin, nach allen Städten und Ländern, wo weise und alte Männer lebten, aber Niemand wußte etloas von dem Verbleiben des Königs David. Inzwischen rückte der vierzigste Tag iuuner näher. In der Stadt thaten die Juden Bllße, fasteten und beteten, aridere bereiteten sich auf den Tod vor. Da traf es sich, daß zwei von ben Abgesandten unterwegs vernahmen, daß in einem fernen, sehr fernen Lande im Osten eine Stadt vorhanden sei, wo die Menschen nicht starben. Die Stadt hieß Lus, und der Erzvater Jakob hatte ihr den Segen ertheilt, daß ihre Söhne niemals die Qualen des Todes erlitten. Dort wurden also die Menschen sehr alt. Wenn sie in die hohen Jahre kamen, fingen die Greise an klein zu werden und wurden immer kleiner, daß sie schließlich aussaheil wie Kinder, und zum Schlaf wurden sie in Wiegen gleich Kindern eingelullt. Doch büßten sie weder Verstand noch Gedächtnis; ein. Später schrumpftell sie immer mehr ein und wurden so groß wie neugeborene Säuglinge. Danll schloß man sie iu silberne Gefäße ein, und bewahrte sie in einem besonders für diesen Zweck beftiminten Gebäude. Die Qualen des Sterbells aber bleiben ihnen erspart und der Tod erscheint nie in ihrer Mitte. Wie unsere Abgesandten voll dieser Stadt hörten, beschlossen sie, sich dorthin zu begeben, um sich zu erkundigen, ob dis alten Leute nicht etlvas voul Köllig David und seillem Verbleiben wüßten. Sie sllchten dort den ältesten der Einwohller auf, der aber wußte ihnen feinen Bescheid zu geben, er sagte jedoch, daß er eillen Urgroßvater hätte, der möglicherweise etwas davon lvüßte. Doch auch dieser lvußte llichts, und wies sie wiederum all feinen Urgroßvater. Dieser war schon so alt, daß er wie ein kleines Kind aussah und in einer Wiege geschaukelt wurde. Er hörte die Erzählung ullserer Abgesalldteil bis zu Ende an, bann sagte er zu ihllen folgendes: „Hier gebe ich euch einen Knäuel goldller Fäden. Fasset beu Faden an dem einen Ende, den Knäuel lasset zur Erde fallen. Der Knäuel wird vor euch einherrollen und ihr folgt seiner Spllr. Ihr werdet in einen tiefen, wilden Wald kommen. Der Knäuel wird euch an einen uralten, ausgehöhlten Baum führen. In der Höhlung liegt ein goldener Schlüssel und gegenüber ist eine Thüre. Mit dem Schlüssel öffnet dann die Thür und ihr befinbet euch beim König David." Sie ließerr beu Knäuel rollen und banden ben Faden an dem einen Ende fest, damit sie den Weg wieder fänden. Der Knäuel rollte dahin, sie gingen drei Tage Wald aus, Wald ein, endlich gelangtest sie all den ausgehöhlten alten Baum. Sie fanden richtig den Schlüffel, schlossen die Thüre auf und befanden sich in einem Gemach, dessen Wände von lauter Gold waren. Man rnerkte gleich, daß hier ein König lvohnen rnußte. Da saherr sie eine weitere Thüre, und darüber stand geschrieben, daß, wer sie öffnen wolle, zuerst die Psalmen singen müsse. Das thaten die Abgesandten, worauf sich die Thüre öffnete, imb sie betraten ein Gemach, das noch schöner war als das erste. Wieder fanden sie eine Thüre über der gu lesen stand, daß sie sich nur vor dem aufthue, der zuvor dreimal die Psalmell der Reihe nach gesllugeu habe. Die Abgesandten setzten sich hin und thaten, wie befohlen. Vor ihnen öffnete sich dann die Thüre und sie traten in einen Saal, dessen Glanz sie sofort blendete. Doch auch hier war eine Aufschrift über der Thüre angegeben, die besagte, daß man, um ills Innere zu gelangen, zuvor siebenmal die Psalmen absingen müsse. Sie ahnten, daß sie null bald ben König selber erblicken würdelk. Mit schwerem Herzen gillgen sie daran, das Geforderte gn verrichten. Das erste Mal ging es uoct) ziemlich glatt voll statteil, aber gleich darallf befiel sie eine solche Schwäche, daß sie einer Ohnmacht nahe lvaren. Aber drinnen erbarmte man sich ihrer. Die Thüre that sich auf, unb all der Schwelle erschieil ein hoher Greis, grau lvie eine Tallbe. Alls dem Jnnerell drallg ein Licht, daß es die Augell blendete. König David saß ans seinem Throne, auf dem Haupte hatte er eine Krolle, in der einen Hand hielt er das Psalmenbuch, in der anderen die Harfe. Zu feinen Füßen lag ein großes Schwert. Das lvar das Schwert des Goliath. Der Greis, der ihneil geöffllet hatte, — das lvar kein ailderer als Eliah, der Prophet — sprach zu ben Abgesandten, die am gallzell Leibe bebten: „Kehret ruhig in die Heimath zurück, Gott wird euch helfen." In derselben Nacht hatte der Kaiser daheim einen Traum. König David erschien ihlil in seiner ganzen Majestät, drohte ihm mit einer Peitsche und rief: „Du begehrtest mich zu sehen, hier bin ich, aber mein Volk laß fortan in Ruhe. Damit du aber diesell Traum mehr für ein eitles Trugbild hältst, laß ich dir ein sichtbares Andenken meiner Anwesenheit zurück: drei blaue Zeichen am Leibe. Gleich am Morgell mußt du die Juden rufen lassen und ihnen sageri, daß bu ihnen Ruhe giebst." Anl llächsten Morgen hatte der Kaiser richtig drei blaue, schmerzliche Zeichen am Leibe. Er ließ auch lvirklich die Juden rufen und erklärte ihneil, daß er von feinem bösen Vorhaben abstehe. Die Juden lvaren sehr erstalmt, der Kaiser konnte sich nicht beherrschen und sagte zu ihnen: Ich habe eurell König David gesehell, und erzählte ihnen die ganze Geschichte, h Der Traum ein Leben. War einmal ein reicher Gutspüchter, der wählte für seine Tochter eillen fromnlen und gelehrten jungen Mann zum Gatten. Eillige Jahre lang saß der junge Mann im Hause seines Schwiegervaters, dem Stlldium der heiligen Bücher llnd fronlmen *) Als ich eine andere, zugleich kürzere und weniger ansprechende, früher aufgefnndeue Variante dieser Volkssage im „Globus" 1891 veröffentlichte, ging mir bald darauf nachstehellder Brief bou M. Schwalb in Bremen zu. Der berühmte christliche Kanzelredner deutet die einzelneil Züge der Sage in einer geistreich-sinnigell Weise an. Auch aus anderen ©rimben verdient das Schreiben in seinem vollen Wortlaut weiteren Kreisen bekannt geniacht zu werden: „Bremen, ben 7. November 1891. Gestatten Sie mir, sehr geehrter Herr, einem Ihnen unbekannten und Sie leider nicht kellnenden Mam», Ihnen meinen Dank zu sagen für das köstliche Maschal, das Sie im „Globus" (in der 18. Nummer dieses Jahrganges), veröffentlicht haben. Ich habe mich, — lvie hoffentlich mancher Andere — an seiner Form und an seinem Inhalt sehr ersrent. Wie gehaltvoll uub wahr ist doch dieses schöne Sinngedicht! Der Psalul (— gleichviel, wie er, oder, genauer gesagt: wie sie. die vielen anonymen, hießen —) lebt ewiglich! Man sucht ihn. besonders in den Zeiten der Roth, der Bedrängniß. und findet ihn, lveun mall betend, die Tehilliltt beteub, ihn sucht, im