Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- Seite 202 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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202 „Herrn Elias aus Wien" und meinen thenren Vater einen Zusammenhang zu suchen. Jetzt ist mir freilich alles klart Mein Vater hatte, wie er später erzählte, schon während deS Wiener Aufenthaltes des verstorbenen Baron Frank verschiedentliche Geldgeschäfte für Jenen besorgt. Nachdem hat er in dessen Auftrag. — ich weiß es jetzt noch sehr ivohl — mehrfach Reisen unternommen, über die er aber, auch ivohl auf Veranlassnng jenes räthselhaften Menschen, immer ein gewisses Geheimniß bewahrte. Der Herr Baron, der äußerlich strenggläubige Katholik, legte aus vermuthlich sehr triftigen Gründen großen Werth darauf, daß Niemand erfuhr, woher seine Geldmittel kamen, wieviele polnische Juden ihm durch ihre Goldsendungen seinen unerhörten Luxus bestreiten halfen l „Ach." unterbrach er sich Plötzlich, als ein abermaliger Erinnerungssträhl seinen Geist durchblitzte, „er sprach einmal heimkehrend von einer ihm außerordentlich sympathischen Familie, die er kennen gelernt, von einem besonders schönen Passahfest, das er mit derselben gefeiert hatte. Das war also hier. Und das wnnderliebliche kleine Mädchen, von dem er soviel erzählte" — er ergriff die Hand seiner Verlobten. „War unsere Jetta!", ergänzte Elsässer, der langsam begann, sich von seiner Ueberraschuug zu erholen. In ihm stritt die Geuugthuung, erfahren zu haben, >ver der anziehende Unbekannte gewesen, mit den, Bedauern, von dem Glauben an überirdisches Walten Abschied nehmen zu inüsseu. „Auf ihren, Haupt hat seine Hand segnend geruht." „Daß er dies noch erlebt hätte!", rief Moritz schmerzlich. „Ist er schon lange heimgegangen?", fragte seine Schwiegermutter theilnehmend. „Beide Eltern ruhen schon seit mehreren Jahren auf dem Friedhof in Ottensen bei Hamburg. Wie glücklich würde der Vater über die Tochter, die ich ihm zngeführt hätte, gewesen sein, ,vie glücklich darüber, daß seine guten Wünsche in reichem Maße erhört worden sind. Er ivar ein selten hvchsinniger, edler Mensch!" „Das muß er gewesen sein!", rief Elsässer mit fast jugendlichem Enthllsiasmus. „Nur die Wünsche eines wirklich durch und durch guten, rechtschaffenen Menschen können eine derartige Kraft haben, vermögen eine Fürsprache für Andere vor Gottes Thron zu sein. Denn das lasse ich mir nicht auSrede», sein Erscheinen hat uns Allen Segen gebracht. Und wäre es auch nur dadurch gewesen, daß es uns mit neuer Lebens- und Schaffensfreudigkeit erfüllte. Wenn ich aus jenen Becher blickte, habe ich seiner Worte gedenken müssen: „Es wird noch besser, werden!" Hier!," ries er, mit plötzlichem Entschluß und reichte den Pokal dem jungen Paare hin, „nehmt Ihr ihn jetzt, gesellt ihn nach fast zwei Jahrzehnten seinem Ebenbilde wieder zu. Gedenkt bei seinem Anblick dessen, der ihn mir gegeben, wie meiner, der ihn heut Euch gibt, — mit ebenso warmen Wünschen für Euer ferneres Leben, wie sie mir einst mit denselben zu Theil wurden. Mögen sie ebenso wirksam sein! Möge der Kelch Euch Glück bringen, wie er uns Glück gebracht hat, immer und immer!". * Auch Elsässers Wünsche sind in Erfüllung gegangen. Bis aus den heutigen Tag halten seine Nachkvinmen das schöne Gedenkstück hoch irr Ehre». Bei allen feierlichen Gelegenheiten, besonders aber an, Sederabend schmückt der Apfelkelch ihren Tisch. Ist ihnen auch auf ihrer Erdenfahrt nicht eitel Freude zu Theil geworden, scheint auch leider dem Becher im Lauf der Jahre die ihm vom Urahn zugeschriebene Talismaneigenschaft etwas abhanden gekommen zu sein, so daß er dieselbe durchaus riicht immer zu bewähren vermag, — es ist ihrren doch auch Glück genug beschieden gelvesen, und sie haben nie vergessen, dem Herr» für das Gute, was ihnen geivorden, innig zu danken, wozu jener stumme Gegenstaild, dessen Geschichte sie alle kennen, eine immer von Neuem beredte Aufforderung ist. Und mit liebevoller Anhänglichkeit ruhen dann die Blicke der Urenkel der schönen Henriette auf dem treuen Gefährten ihrer Familie durch Generationen, ans dem Becher des Propheten. Jüdische Sagen und Volksmärchen. Mitgetheilt von Bi »ja min Segel. II. David, Rönig von Israel lebt ewig! än einer fernen großen Stadt lebte ein großer Kaiser. Einmal, in den ersten Tagen des Monats, standen die Inden _ Abends auf dem freien Platz vor der Synagoge und verrichteten das Gebet zur Begrüßung des Neumondes. Dabei sangen sie. wie es vorgeschrieben ist, dreimal laut den Vers: „David, König von Israel, lebt ewig". Da wollte das Unglück, daß der Kaiser gerade vvrbeiging. So >vie er diesen Vers hörte, ging er erbost nach Hause und Tags darauf ließ er die Aeltesten der jüdischen Gemeinde zu sich rufen »rnd sprach sie also an: „Gestern hörte ich, lvie ihr schriet: David, König von Israel, lebt ewig. Wenn als euer König David noch iminer lebt, so müßt ihr ihn mir hier zur Stelle schaffen, sonst bleibt euch nur die Wahl, euch z»l taufen oder ich verjage euch aus allen meinen Ländern." Die Aeltesten der Juden erschraken sehr als sie die Worte des Kaisers vernahinen und antworteten: „Wir glauben, daß König David ewig lebe, dem» das haben uns unsere Vorfahren seit unvordenklichen Zeiten überliefert, aber »vir »viffeir nicht, >vo sein Verweilen ist, daher können »vir ihn nicht hierher bring»»»." Sie flehten den Kaiser an, seinen Befehl zurückzunehmeu, doch dieser verblieb bei seiner Forderung. Er überließ ihnen drei Tage Bedenkzeit, nachher »vollte er ihnen einen Teru»in bestinunen, bis zu »velchern sie Zeit hätten, den Aufenthalt des Königs David zu ermitteln, falls sie es »»icht vorziehen sollten, die Taufe zu nehmen oder das Land zu verlassen. Die ganze Gemeinde fastete und betete alle drei Tage in Sack und Asche. Am vierten Tage standen die Aeltesten ivieder vor dem Antlitz des Kaisers. Sie boten ihn» ihr ganzes Vermögen an, damit er sie nur in Ruhe lasse. In früheren Zeiten nämlich geschah es häusig, daß »venn einrnal die Kaiser oder Könige Geld brau»hten für verschiedene Ausgaben, so ersannen sie gleich einen Vorwand, um es von den Jude»» herauspreffe»» zu köniren. Vor den Christen fürchteten sie sich, denn diese sind zahlreich und haben Waffen zur Verfügung, u»»d »venn sie sich zusammenthun, sind sie mächtiger als der Kaiser, aber die Juden dürfen keine Waffe»» führen. Die Juden boten also den» Kaiser ihr ganzes Verinögen, er aber antivortete: „Wenn ihr »nir den König David nicht zur Stelle schafft, so >v«rde ich euch nmbringen lassen und die übrigen »verde ich