Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- Seite 201 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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201 verschlechtert. Die Gütchen verfielen entweder den Gläubigern oder sie wurden den bisherigen Eigenthümern gegen Abgabe von fünf Sechstel des Ertrages, einer zumal bei dem kargen Boden furchtbaren Belastung, belassen. „Die Hypvthekensteine," so klagte Solon, „fesselten zahllos der Mutter Erde dunkelfarbiges Land," und Aristoteles berichtet: „So befand sich der gesammte Boden des Landes in den Händen weniger Besitzer, und die Armen mußten mit Weib und Kind den Reichen geradezu Frohndienste leisten. Ihr Antheil am Ertrage der Felder, die sie für die Reichen bearbeiten mußten, belief sich nur auf ein Sechstel. Dieser Frohndienst war für das Volk das Drückendste und Bitterste au den Verfassungszuständen." Dazu kam, daß die anderen, von ihren Güternvertriebenen Landlente als Sklaven theils daheim, theils sogar ins Ausland verkauft wurden. Sv mancher war, so heißt es in Svlons Gedichten, „der hier unwürdige Sklavenbande trug, im eigenen Vaterlande vor dem Wink des Herrn erzitternd," andere wieder „waren ja, da das Gesetz es heischte oder frevle Willkür es erzwang, verkauft als Sklaven, andere, von der Schuldenlast erdrückt, in fernes Land entfloh'» und hatten dort, bei fremden Menschen irrend, selbst der Muttersprache Laut verlernt." Glücklicherweise fühlte nicht nur der menschenfreundliche Dichter, ob auch selbst den Vornehmen und Reichen angehörend, die Schmach solcher Behandlung der eigenen Volksgenossen, auch diese selbst fanden das Joch unerträglich und empörten sich wider ihre Dränger. Nach „langandauernden Parteikümpfen zwischen Adel und Volk" (Aristoteles) wurden endlich in der eines freien Volkes würdigen Weise die Vermittlnngsvorschläge des weisen Solon angenommen. Sie bestanden hauptsächlich in zivei ties in das geltende Recht einschneidenden Maßnahmen. Erstens ivurde die Haftung der Schuldner mit ihrer Person aufgehoben, nnd zwar mit rückwirkender Kraft, so daß alle Schuldsklaven frei wurden; und zweitens wurden durch die sogenannte „Seisachtie" (Lastenabschnttelung) alle Schuldforderungen annullirt, wodurch die Güter den freien Bauern als freies Eigenthum zurückerstattet wurden. Der große „Versöhner" krönte und sicherte aber sein wirthschaftlich-svziales Befreiungswerk durch eine politische Verfassungsänderung, auf deren Boden die Demokratie sich mehr und mehr entfaltete. Mit Recht wird die solvnische Agrarreform, nvthgedrungen revolutionär ihrem Inhalte und doch friedlich ihrem Hergange nach, von den Geschichtsschreibern als eine Großthat des attischen Volkes gepriesen. Wenn man bedenkt, daß die wunderbaren kriegerischen Erfolge Athens zu Wasser und zu Lande, die Rettung der europäischen Freiheit von asiatischer Despotie nnd mit ihnen die unvergleichliche Kulturblüthe nur auf der Grundlage einer selbständigen Bauernschaft möglich war, so wird mau den überraschenden Zusanunenhang einer wesentlich ökonomischen Umgestaltung mit den höchsten politischen und geistigen Schöpfungen nicht verkennen. Allerdings trat in den folgenden Jahrhunderten die Entwicklung von Gewerbe, Handel, Kunst und Wissenschaft, kurz der städtischen Geschäfte, immer mehr in den Vordergrund; dennoch blieb die gesundete Agrarverfassung, freilich lange Zeit durch die „Kleriusien" (Loosvertheilungen) ^der., weitverbreiteten Kolonisation unterstützt, als sicherer Untergrund des Staatslebens wirksam, EUILLETON Aer Becher des Propheten. Von Paula F a b e r. IV. hue sich noch weiter bitten zu lassen, erzählte der alte Elsässer nun dem Gatten seiner Tochter von den drei Besuchen des Fremden, von der wunderbaren Wendung zum Guten, die fein und seiner Angehörigen Geschick seitdem genommen nnd schloß mit den Worten: „Sv kann ich wirklich nicht umhin, zu glaube», es sei ein Höherer geivesen, der uns damals ausgesucht und unserem Thun seinen Segen ertheilt hat. Meinen Sie nicht auch?" Sein Schwiegersohn >var der Erzählung »üt großem Antheil gefolgt. „Ich habe ucich von jeher sehr für Zeichen und Wunder interessirt", — sagte er dann, ohne direkt eine eigene Ansicht zu äußern, — „tvieivohl mall in unserer iiugläubigeu Zeit dergleichen ja seltener und seltener hört. — Darf ich den Becher nicht einmal sehen?" „Aber sehr gern, kommen Sie bitte mit »ach oben, ins Speisezimmer. Nach und nach werden sie dort doch endlich mit ihrer Taseldeckerei fertig sein." Gesagt, gethan. Oben prangte bereits die Tafel im vollsten Schmucke, und in der Mitte, vor den Ehrenplätzen, stand, in der Nachmittagssonne funkelnd, der Becher des Propheten. Elsässer nahm ihn vom Tisch und reichte ihn dein jungen Manne hin. „Gefällt er Dir?", fragte die mit ihrer Mutter hinzntretende Henriette. Der Angeredete konnte einen Ruf des Erstaunens nicht nuterdrücken. „Das ist ja unser Apselkelch! Wir haben zu Hause genau dasselbe Stück. Und jetzt fällt mir ein," - eine plötzliche Erinnerlmg schien ihm auszudännilern — „wir besaßen ja früher deren zwei. Mein Vater hat den einen einmal auf einer Reise verschenkt, zum wahren Knmmer meiner Mutter, die auf die beiden Prunkstücke sehr stolz ivar." Er ivandte sich hastig zu seinem Schwiegervater, der in ivortloser Spannung seiner Rede folgte. „Wann, sagten Sie, war jener Fremde hier?" „Vor achtzehn Jahren zuerst." „Dann weiß ich nicht, — soll ich nrich freuen oder es bedauern, daß ich den Schleier des Geheimnisses lüften kann? Aber jener Fremde ist unzweifelhaft mein Vater gewesen. Hier", — er hob rasch den Becher auf und wies auf einen verschlungenen Namenszug auf der Innenseite des Sockels, — „richtig, hier sind die Initialen meiner Eltern, I. E. E., Jakob und Eva Elias. Das Seitenstück dazu steht daheim in meinem Arbeitszinnner auf meinem Schreibtisch. Daß ich nicht gleich auf den Gedanken gekommen bin! Aber erstens siedelten wir einige Jahre später nach Haniburg über" — „Und dann ist doch der Familienname ein anderer!" warf Frau Hannah halb ungläubig ein, „Unter Kaiser Joseph mußten wir Alle ja andere Familiennamen annehmen. Und mir ist die Erinnerung an meine ersten in Wien verlebten Jugendjahre so ganz entschwunden aß ich ohne jenen Pokal nie darauf.gekommen wäre, zwischen