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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-27 · Heft 17 (27.4.1900) · p. Seite 200

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 17 (27.4.1900)
Date
1900-04-27
Page
Seite 200 (sequence 10)
Language
German
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20 ausgestaltet und zu allgemeiner Beachtung emporgehoben worden ist. Es wurde eindringlich darauf hingewiesen, daß auch die moderne Laudwirthschast unter schweren Schäden leidet, deren gründliche Prüfung und thunlichste Abhülfe der Gesellschaft und dem Staate als ernste Pflicht obliegt. Freilich, wo die ivirklichen und hauptsächlichen Mißstände liegen, ob in den Dingen, die bisher am lautesten verkündet und beklagt wurden, oder in anderen, vielfach gegentheiligen, das kann nur eine vorurtheilsfreie Untersuchung entscheiden. Einen bescheidenen Beitrag hierzu an der Hand der Geschichte zu liefern durch einen kurzen Ueberblick über die Agrarfrage und Agrarpolitik bei den hervorragendsten Völkern des Alterthums ist der Zweck dieses Vortrags. * Das letzte Ziel der sozialen Weltverbesserer, die volle Gemeinschaft aller Produktionsmittel, bildet in Wirklichkeit den ersten Ausgangspunkt der gesellschaftlichen Entwicklung bei allen Völkern. Das ursprünglich einzige sachliche Produktionsmittel besteht — neben dem persönlichen Produktionsmittel der Arbeit — in dem Grund und Boden, und dieser war bei primitiven Zuständen nothwendig Gemeingut. Für die Jäger- und Hirtenstämme gab (und giebt) es nur ein Eesammteigenthum an dem weiten Gebiet, das sie jagend oder ihre Herden weidend durchstreiften. Wuchs die Bevölkerung über den Unterhalt nach der gegebenen Produktionsweise hinaus, so mußteir entdeckende (okkupirende) oder erobernde Wanderungen — der Ursprung der Völkerwanderungen — ein größeres oder ergiebigeres Stammesgebiet schaffen. So blieb es im wesentlichen auch, als zu der Jagd oder Weide allmälig ein nomadisirender, noch recht oberflächlicher Ackerbau hinzukam, wie ich ihn selbst noch vor Jahrzehnten im Inneren Algeriens beobachtet habe. Je mehr aber bei steigender Volkszahl der Ackerbau die Hauptsache wurde und damit Seßhaftigkeit erfolgte, desto mehr trat innerhalb des Stammes die Wirthschaft der einzelnen Familien, im iveiteren oder engeren Sinne, produzirend und konsumirend, hervor. Die Familien erlangten nicht das Eigenthum, sondern zunächst nur die Nutznießung, in der Regel nur die jährliche, an einem Theile des gemeinschaftlichen Ackerlandes, das zu dem Zwecke zu gleichen Portionen unter die Familienhäupter verloost wurde. Das übrige, meist weit umfangreichere Stannnesgebiet blieb auch dann noch als Weide und Wald zur völlig gemeinsamen Benutzung. zugleich bei zunehmender Bevölkerung Rauin fürweitere Periodische Vertheilung bietend. Diese» Stammes- und Familiensozialismus finden wir noch heute nicht nur in fremden Welttheilen, sondern auch in weiten Ländern Europas, so vor allein als Gemeindesozialismus (Mir) in ganz Rußland, als Familien- oder Hauskommunion bei den Südslaven, während, allerdings neben ländlichem Privateigenthum, die germanische Allmende in Süddeutschland, Deutsch-Oesterreich und der Schweiz fortdanert. In den anderen Ländern und Gegenden entwickelte sich mit zunehmender Jndividualistrung und Intensität der Wirthschaft die zeitliche Nutznießung zu sehr verschiedenen Zeiten — in Deutschland erst vom 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung ab — zu ständigem und erblicheul Privateigenthum an Acker- und Wiesenland, wie schon früher an Haus und Garten, und wie weit später durch die staatlichen Gemeinheitstheilungen, auch an Weide und Wald. Gewiß geschah dies wie mit Nothwendigkeit, so überwiegend auch zum^ Vortheil der Landwirthschaft und der ganzen Kultur. _ Aber durch das Thor des private» Grundeigenthums war zugleich für die Ungleichheit, die Ausbeutung, die Knechtung und Verelendung nicht nur Einzelner, sondern ganzer Volkesbestandtheile — Klassen ~ der Zugang geöffnet. Schon durch die ungleiche Kinderzahl mußte, nach Aufhören der periodischen Vertheilung gemäß der Kopfzahl, die größte Ungleichheit des Grundbesitzes und damit, bei fehlender oder geringer Gewerbthätigkeit, auch der ganzen Lebenshaltung entstehen, welche durch Mißwachs, Viehsterben, Krankheit, Kriegsschäden, schlechte Wirthschaft n. s. w. noch verstärkt. durch die übermächtige Eigensucht der Begüterten in Stadt und Land oft rücksichtslos ausgebentet wurde. Meist infolge von Nichtabzahlung der Schulden, nicht selten auch durch rechtswidrige Vertreibung, gingen die Bauerngüter verloren. um Latifundien;n bilden, auf denen die früheren freien Eigenthümer mit Weib und Kind als besitzlose Arbeiter, in der Regel mit beit kriegsgefangenen oder gekauften Fremden all Sklaven frohuden mußten. Die soziale Frage in ihrei ursprünglichsten nnd wohl auch schlimmsten Form war erschienen, und, da die Gemeinwesen des Alterthunu fast ausnahmslos in Krieg nnd Frieden auf der körperlicher und sittlichen Kraft ihrer freien Gruudeigenthümer beruhten mit der sozialen Frage zugleich die politische: die Gefahr de» Verderbniß, der Schwäche und des Untergangs des Staates Letzteres, wie die ganzen Verhältnisse im Alterthum, im zwischen Staat und Gesellschaft noch kaum ein Unterschied be stand, machte die Agrarfrage im Wesentlichen zur Aufgabe de, Gesetzgebung. So arbeiteten denn alle namhaften Kulturvölkei wenigstens von Zeit zu Zeit nachdrücklich an ihrer Lösung Die Erhaltung einer möglichst großen Zahl freier selbständige, Landwirthe war eine, ja die Lebensfrage für den Staat, und hierzu waren in der Hauptsache zwei Dinge erforderlich: de, Schutz des kleinen Grundbesitzes gegen Belastung uni Aufsaugung durch den Großbesitz, und, eng damit zusammen hängend, der Schutz der persönlichen Freiheit derkleine, Grundbesitzer und der anderen Einwohner. Der Schutz de großen Grundbesitzer erschien int Alterthum niemall als soziale oder Staatsaufgabe, da vielmehr gerade di Uebermacht dieser bevorzugten Klasse und deren stete Mißbrauch den Krebsschaden am Leibe der antiken Wel. bildeten. Ich werfe zunächst einen Blick aus das alte Griechen land, dessen innere und großentheils auch äußere Geschick,! von den Klassenkämpfen zwischen Reich und Arm, vv allem von den Gegensätzen im Grundbesitz beherrscht wirk Da es nicht möglich ist, in knappem Rahmen die Bei hältnisse der vielen Städte-Staaten, in welche Hellas zersplittei war, auch nur summarisch zu behandeln, so beschränke ich mir, auf Attika. Dieses Staatswesen ist ja nicht nur dainteressanteste und wichtigste, sondern auch das typisch für die Mehrzahl der anderen, während das kriegerisch Sparta mit seinen sozialaristokratischen Einrichtungen zu Gunsten des herrschenden Stammes seine eigenen Bahneu einschlug. In Attika hatte sich im 7. Jahrhundert v. CH. die Lag: der freien Bauern durch Erbzersplitterung, Scheitern von Kolvnisatiousbestrebungen, Eintreten der Goldwirthschast und starke Verschuldung bei enormen Zinsen — 18 Prozent war damals der gewöhnliche Zinsfuß in Athen — außerordentliw

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