Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- Seite 199 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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199 welchen einst unsere Glaubensgenossen ihr häusliches Gluck fanden, in welchen aber auch die Häscher der Inquisition in Dei gloriam Bestürzung und Schrecken verbreiteten. Nach außen haben die Häuschen außer der schweren Thüre nur wenige kleine Oeffnungen, Fenster kann man sie nicht heißen. Dagegen besitzen die Hütten, so klein sie sind, einen Lichthof < Patio). Man zeigte mir ein niederes, unansehnliches Haus mit weitläufigem, winkeligem Mauerwerk,,Ia Z^naAvAa" — sagte mein Führer. Heute noch nennt man es so. Auch nicht die geringste Spur konnte ich entdecken, was auf die ehemalige Bestimmung dieses eigenthümlichen, verfallenen Bauwerks hätte Hinweisen können, als eine Nische gegen Osten, in der einst der ]*HK gestanden haben mag. Die Oeffnungen einer Abtheiluug fiiib noch mit alten Holzgitteru versehen. Wahrscheinlich die Frauenabtheilung. Ueber dem Eingang zeigt ein kleines Kreuz bei: Sieg der Christen an. Also hier lvar es, sagte ich mir, wo ein Maimonides sein erstes Gebet gestammelt haben mag. der große Denker und Gelehrte, der dem Judenthinn einen neuen Geist einflößte und dessen Philosophie von Juden selbst eine Zeit lang verdammt, in Acht und Bann erklärt, noch heute jeden denkenden Menschen mit Staunen erfüllt. Mein alter seliger Talmud-Lehrer, Rabbi Hirsch - Berlichingen fiel mir ein, ein bedeutender Talmud- Gelehrter und streng orthodox, als er sich beharrlich weigerte, meinen Wunsch zu ersülleu, mit mir den More Nebuchim durchznnehlnen. Trotzdem bin ich.hinter die Geheimnisse desselben gekommen, und was mir Maimonides nicht alles sagte, erfuhr ich später voll Karrt, Spinoza, Fichte, Hegel imb Schopenhauer. Als ich beim Schein der sinkenden Solme auf der [alten i b bogigen maurischen Brücke stand, unter mir der Guadalquivir rauschte nub die alten arabischen Mühlen bespülte — da sah ich nochinals auf das merkwürdige Cordoba hirlüber, aus lvetchelll die große Moschee (Medsehid rd dschaniina) hervorragte mit dem lllinaretartigen Glockeilthurnl. TH1 *YH — Ein Geschlecht geht — das andere kommt, ein ewiger Wechsel der Erscheinullgen in Raum und Zeit. Gin Stück soziale Frage, mit besonderer Rücksicht auf die Bibel. Von Dr. Max Hirsch, Lalldtagsabgeordneter. ^^^enu heutzutage von sozialer Frage die Rede ist, so pflegt man ausschließlich oder vorzugsweise an die o Lage lind die Bewegung der gelverblichen Arbeiter ,it denken. Mächtige Fabriken mit qualmenden Rieseuschloteu cher fillstere Schächte erscheinen vor unseren Augen, worin Lausende bleicher Arbeiter, Männer, Frauen und Kinder, von ruh bis spät sich plagell. In der Nähe, oft auch kilometerweit mtfernt, sehen wir sie bann in dumpfen Gassen und Höfen amilienrveise oder in Massenquartiereu hordelllveise lebe», nährend schulucke Häuser lrnd Villen, mit Gärtell oder Parks imgebeu, die Herren Unternehmer mit Familie lllld Dienerschaft eherbergen. Aber voll Zeit zu Zeit finden wir die gewohnte Starre Orduullg durchbrocherr. Jll dichtgedrängten Haufell, Straßen oder Säle füllend, mit blitzenden Augen und erhobenen Armen stoßen die Arbeiterulassen ihre Klagen, ihre Forderungen hervor und begleiten mit tofenbem Beifall die zum Streik auffordernden Redeil der Führer — lvenll nicht gar thätliche Ausschreitungen, blutige Kämpfe mit Gerichtssaal lmd Gefängniß im Hintergrllnde ben traurigen Abschluß bilden. Solche, ulld ähnliche Bilder gallz moderner Art, wie lvir sie ulitunter selbst erblicken oder wie sie uns in der Tagespresse, in den Hörsälen, in Handbüchern lllld Romanen, in dem Theater und inl Ausstellullgspalast fort nub fort entgegeutreten, machell die Auffasslmg begreiflich, daß die soziale Frage ein Produkt unseres Zeitalters sei, daß erst die ungeheuren Fortschritte der Technik ulld des Verkehrs gleichsam als Schatten ihres Glanzes das Klassenelend und die Klassenkämpfe herbeigeführt hätten, die den wesentlichen Inhalt der sozialen Frage bilden. In der That sind es nach dern Zeugniß der Geschichte mrd Litteratur die Zllstärlde der gelverblichen, vor allem der großilldltstriellen Arbeiter, welche das soziale Gebiet seit Menschenalteru beherrschen. Ihrer Untersuchung mrd Verbesserung gelter: die immer znnehmellden Forschungell der Gelehrten, die Systeme der Steuerer, die Kämpfe der Parteiell, die Vorschläge lllld Gesetze der Staatsmänner. Von Arbeiterstatistik, Arbeiterversicherung, Arbeiterschutz, Gewerbeallfsicht, Arbeiterkoalition und -Organisation hallt es ullablässig allerorten wieder, und unter „Arbeitern" lverden mindestens weit überwiegend die Industriearbeiter verstanden, deren Zahl, Verbindung und Einftllß ja auch voll Fahr zu Jahr thatsächlich amvächst. Ulld doch ist der gewerblichen Arbeiterfrage in den letzten Jahrzehnten ein Konkurrent von gleichfalls lvachselider Bedeutung erstanden, und zwar, wie es in der Geschichte öfters geschieht, von einer Seite, lvo man es am wenigsten erlvartet hätte. Die neuen Probleme und Belvegungen kameil gewisseraaßeu 0011t entgegengesetzten Pole; statt voll der Jlldustrie von der Lalldwirthschast, rmd nicht eimnal oou derell Arbeitern, sondern von den Besitzendell unter maßgebender Führung der Großgrnndbesitzer. Als eine seltsame Verkehrung der Begriffe mußte es dem Proletarier der Fabrik- oder Hallsindllstrie Vorkommen, wenn er den vornehmen Herrn von Rittergütern mit hundert Knechten, Mügdell, Jnstleuten ulld Tagelöhnern als Bruder int sozialelt Nothstaild an seiner Seite erblickte, wenn er sah, wie die Besitzer von Schlössern nnl die Wette mit den extremsten Arbeitervertretern llach unbegrenzter Staatshülse zur Rettnllg vom Untergang durch freie Konkurrenz, lliedrige Preise und alles vernichtellde Kapitatlnacht schrieeil. Gallz b esonders aber mußte es sein Befremden erregen, daß die neu ntdeckteil Nothleidendell ihre „großen Mittel" gerade in bem Gegeutheil der wichtigstell Arbeiterforderungen suchten, in den weitgehendsten Beschränkungell der Rechte ihrer eigenen Arbeiter md ül der stärksten Verthellerlllig der Lebellsmittel auch der .^werblichen Arbeiter. Ulld je länger, desto mehr stellte sich heraus, daß die Klagen ulld Forderllugen der ileuell Konkurrenz weit mehr Eindruck auf die Staatsgewalt machten und lveit mehr Erfolg erzielten, als die von Millionen bedrängter Arbeiter in Industrie und Verkehr. Durch diese bloßen Andeutungen, die einem unbefangenell Sozialpolitiker bei der neuen sozialen Wendling sich geradezu allfdrängtell, soll keilleslvegs über die letztere abgesprochen werden. Vielmehr erkenne ich all, daß gegenüber der früheren Einseitigkeit der sozialer: Erörteruugen durch das Hervortreten der Agrarier eil: neues und hochwichtiges Stück soziale Frage wenn auch llicht entdeckt, so doch