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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-27 · Heft 17 (27.4.1900) · p. Seite 198

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 17 (27.4.1900)
Date
1900-04-27
Page
Seite 198 (sequence 8)
Language
German
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stehen, sollen gelehrt werden, sondern der Geist derselben, uitb dieser Unterricht muß eben einem Fachmanne übertragen werden." Zum Schlüsse möchte ich noch einen Punkt berühren, beu Herr Dr. Reich aus Breslau besonders betonte. Er meinte, der Eemeindebnnd habe sich bis jetzt nur mit den Leiden der kleineren Gemeinden beschäftigt, und soll mm für den Nothstand der groszen Gemeinden interessirt werden. Herr Dr. Reich verlangt, daß man deutsche Jünglinge veranlasse, als Kantoren für die großen Städte sich ausbilden zu lassen, wo sie nur Kantoren rrnd keine Lehrer fiub. Abgesehen davon, daß die großen Gemeinden vermöge ihrer reichen Mittel ohne Hilfe des Geineindebundes sich alles leistell können, sehe ich nicht ein, warum nicht der Kantor einer großen Gemeinde auch Lehrer sein soll. Kenne ich doch eine ganze Anzahl vorzüglicher Kantoren tu großen Gemeinden, die zugleich auch Lehrer sind. Selbst mein Freund Birnbaum, der unter den deutschen Kantoren solvohl als Musiker wie als Sänger und besonders als Forscher eine hervorragende Stellung einllittlmt, ist. Lehrer irr einer so bedeutenden Gemeinde wie Königsberg. Ich stehe ganz auf dem Stalldpunkte, den Herr Dr. Vogelstein auf den: Gemeindelage in dieser Frage vertreten hat. Er sagt treffend, der Kalltor soll lllehr seill als ein Opernsänger (und ich möchte lloch die Bemerkung hinzufügen, als sich selbst dünkender Opernsänger, —) er soll die gellaue Kenntniß der einschlägigen Litteratur sich arlgeeigllet haben, mld soll der Gemeinde gegenüber durch sein ganzes Allftreten den Eindrllck eines gebildeten Merlschen macheil. Endlich ist auch Dr. Vogelstein der Allsicht, daß die Allsbildung der Kalltorell llicht nur tüchtigen Musikern, sonderrl auch praktischell Kantoren übertragen werde. Dank der Allregllng des Liberalen Vereins in Breslau, dank dem Gemeilldebullde, der sich der Sache annilumt, dank Herrn Direktor Dr. Holzmann, der derselbell so warmes Interesse entgegellbrillgt, sind mm zur weiteren Fortbildung auf diesem Gebiete Kurse geschaffen, die sowohl den Gemeinden als den Kantoren in Deutschland sicher zum Segen gereichen werden ulld denen lvir das Beste wünschen. Brief aus Cordoba. Von L. Levi-Hechiugen. Anfang März. (9^H>^it pvchendein Herzen, weihevoll gestimmt betrat ich <~$SyV gestern, von Cadix und Sevilla kommend, das altberühmte Cordoba, das abendländische Mekka, die Pflegerin der Wissenschaften, den klassischen Boden unserer großen Religionsphilosophen und Dichter. Die alte Maurenhauptstadt mit ihren 50,000 Eimvohnern liegt am Fuße der Sierra de Cordoba, eines Ausläufers der Sierra Morena, in einer zum Gnadalguivir sanft absteigenden Ebene, ein fruchtbares Gelände, geschmückt mit reichen Oliven- und Orangenpflanzuugen, aus welchen die Palme als Wahrzeichen des Südens imposant hervorragt. Die Stadt selbst mit ihren engen Straßen und kleinen, meist einstöckigen Häusern, bietet das Zeichen des Verfalls und der Herabgekoinmenheit. Fast nichts ist mehr übrig von der vergangeneil Größe als das wunderbare Denkmal maurischer Baukunst, die Mesgnita (Moschee) jetzt Kathedrale. Diese ist aber auch die großartigste Schöpfung der maurischen Architektonik in Spanien und nach der Kaaba in Mekka die größte Moschee der Welt. Cordoba war schon zur Zeit der Makkabäer eine bedeutende Stadt. Während Simon Makkabi in Jernsalem regierte, wurde Cordoba von Marcellus erobert und mit römischen Kolonisten besiedelt, welche die altiberische Bevölkerung nach und nach zurückdrängten oder absorbirten. Später kam es in den Besitz der Westgothen, und als deren Reich in Trümmer ging lvurde Cordoba von Mugith ar Rumi eingenommen (712). Die schon damals zahlreiche jüdische Bevölkerung, die von den Westgothen die schmachvollste Bedrückung erdulden mußte, erblickte in den stammesverwaildten Mauren ihre Befreier und begünstigte deshalb deren Machtentfaltung. Anfangs stand Cordoba unter dem Kalifat Damaskus. Im Jahre 756 aber wurde es unter Abdirrahmrui l. unabhängig, seit Abdirrahmrm Hl. (912—961) Hauptstadt des Kalifats Cordoba und damit Mittelpnnkt des maurischen Spaniens. Innere Zivistigkeiten beeinträchtigten das Anfblüheir der Stadt und des Landes. 1031 erfolgte der Sturz der Herrscherhauses und Cordoba ivnrde Republik, aber schon 1078 kam es in Abhängigkeit von Sevilla. 1091 brachten es die Almoraviden — eine afrikanische Sekte — unter ihre Herrschaft, ivelche 1148 auf die Almohaden überging. Die Eroberung Cordobas durch den „heiligen Ferdinand" am 29. Juni 1286 nrachte der Maurenherrschaft ein Ende. Die Bevölkerung zog sich großentheils nach Granada zurück, und als dieses letzte Bolliverk der arabischen Macht in Spanien iin Jahr 1492 fiel, zogen die Mauren nach Afrika. Seitdem ist Südspanien in Verfall gerathen. Die großartigen Bauten, die Bewässerungsanlagen und im Zusammenhang damit die zur größten Blüthe gelangte Bodenkultur sind von den christlichen Eroberern derart vernachlässigt, ja zum Theil zerstört worden, daß Stadt und Land seitdem in traurigster Weise heruntergekommen sind. Die heutigen Spanier bedauern dies und man muß es anerkennen, daß sehr viel zur Restaurirung und Konservirung der alten maurischen Kunstwerke gethan wird. Mit feinem Verständniß und höchster Verehrung für die arabische Kunst sucht das jetzige Spanien die Sünden der Väter wieder gut zu machen. So zeigte mir der Königliche Konservator in der Mesquita eine Restaurationsarbeit, die ganz korrekt den alten Mustern mit ihrer wunderbaren Bielheit der Formen und Farben nachgebildet ist und ihrer Vollendung entgegengeht. Es ist ein respektables Stück Arbeit der Nachbildung, getragen von der Liebe und Hingebung zur alten maurischen Kunst und von dem tiefen Versenken in beu Geist und in die beredte Sprache derselben. Wie auf dem Gebiete der Kunst, so war Cordoba auch aus dem der Wissenschaft der Centralpunkt des Abendlandes geworden. Hier sind die beiden Seneca geboren und haben hier ihre Jugendeindrücke bekommen; der Stoiker Lucanus, der Araber Averroös (Uebersetzer und Erklärer des Aristoteles), der Spanier Juan de Mena — und allen voran Moses ben Maimun, der große Philosoph. Schriftgelehrte und Arzt, sind Cordobeser. Als ich an der Seite meines liebenswürdigen Freundes nach der Calle de Judios (Jndengasse) ging, da war es mir eigenthümlich zu Mnthe. Wie armselig und öde ist das enge Gäßchen! Die Häuschen scheinen noch dieselben zu sein, in

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