Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1900)
- Date
- 1900-04-27
- Page
- Seite 195 (sequence 5)
- Language
- German
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In dem vom Redakteur Ludwig Wenng herausgegebeuen und in München erscheinenden Deutschen Volksblatte war im Oktober 1899 in einem von Ludwig Wenng selbst verfaßten Artikel das Gerücht über den R a b b i n e r D r. G o l d b e r g i n P o l n a verbreitet worden, daß Rabbiner Dr. Goldberg ein Mitwisser, wenn nicht Veranlasser des an der Agnes Hrnza in Polna verübten Mordes sei. Ludwig Wenng ist ans die von Rabbiner Dr. Goldberg deshalb gegen ihn erhobene Beleidigungsklage durch Urtheil des Schöffengerichtes bei dem königl. Amtsgericht München I, wie seinerzeit mitgetheilt, zu einer Gefängnißstrafe von 14 Tagen vernrtheilt worden und sind im Uebrigen die gesetzlichen Nebenstrafen bezüglich der Veröffentlichung dieses Urtheils ausgesprochen worden. Gegen das Urtheil hatte Lndlvig Wenng Berufung eingelegt, weil er nicht freigesprochen lvorden sei, Rabbiner Dr. Goldberg aber, weil die erkaulite Strafe zu gering bemessen sei. Gestern wurde über diese Berufungen vor der II. Strafkammer des k. Landgerichtes München I verhandelt. Weugg hatte beantragt, Beweiserhebung darüber zn pflegen, daß au den Rabbiner Dr. Goldberg durch den Gemeindeschächter Moriz Kurzweil von Goltsch Jenikan eine Sendung mit angeblich Parfüm gemacht worden sei. lvelche in Wirklichkeit aber Blntkngeln enthalten habe. Daraufhin lvar zur gestrigen Hanptverhandlnng Moriz Knrziveil von der Vertretung des Dr. Goldberg zur Stelle gebracht worden, welcher als beeidigter Zeuge anssagte, daß er in seinem ganzen Leben den Rabbiner Dr. G old berg weder je gesehen noch gesprochen habe, noch je etwas an ihn geschickt od er geschrieben habe, daß er nie in Polna gewesen sei. daß ihm auf sein an den öfter, reichischen Herrn Zustizminister gerichtetes Gesuch, daß derselbe doch die Interpellation des antisemitischen ReichsrathsabgeordnetenSchlesinger beantworten möge, in ivelcher der gleiche Vorwurf erhoben worden sei, von dem Sektionsrathe Bleileben im österreichischen Justizministerium mitgetheilt worden sei, daß man bei der Oberstaatsanlvaltschaft in Prag von der ganzen Sache mit der Sendung und Beschlagnahme nichts wisse. Der von Weugg zur Stelle gebrachte Redakteur Schwer des Wiener Deutschen Volksblattes konnte lediglich berichten, was ihm wieder von anderen Personen gesagt worden sei, während er aus eigener Wahrnehmung keine zur Sache irgendwie gehörigen Mittheiluugen machen konnte. Das Gericht hat schließlich ne Berufung des Weugg als unbegründet verworfen, ebenso aber aitrf) diejenige des Rabbiners Dr. Goldberg, da es die vom Schöffengerichte erkannte Strafe als angemessen erachtete, so daß es bei der gegen Weugg ausgesprochenen Gesängnißstrase von 14 Tagen sein Verbleiben hat. ♦ Jetzt hat auch der b öhmis che Landtag seine Judendebatte gehabt. Von mehreren Seiten waren bei einer Diskussion über die Kohlenpreise und über die Möglichkeit, dieselben recht niedrig u halten, heftige Vorwürfe gegen die Juden erhoben worden, un schlinunsten natürlich von dem fanatischen Antisemiten Or. Baxa, aber kaum welliger schlinnn voll dein deutsch-natioralen Judenhasser Gebler. Man warf den Juden Kvhlenvucher vor, gab ihnen die Schlckd all den wirthschaftlichen Uebelständen in Böhmen rc., alles Phrasell, die man schon aus en Verhandlungen anderer Parlamente zur Genüge kemlt. Oie Vertheidigmlg der Juden führten von jüdischer Seite vor llelll der Jungezeche Dr. Zalud, der meisterhaft die Angriffe er Gegner widerlegte, besonders auch den Talmud in Schutz ahm und Rohlings Fiasko gegen Bloch anführte. Außer ihm machen gegen die antisemitischelr Angriffe die Jnngczechen wriea, der mit Dr. Baxa abrechnete, und Scharf, der besonders ie auch unter der jüdischen Bevölkerung herrschende Roth und die Arbeitswilligkeit derselben hervorhob, sowie voll deutscher Seite der deutsch-fortschrittliche Leitller. Der letztere entgegnete besonders wirkungsvoll den Angriffen Geblers. Die Juden dürfen mit dem Resultat dieser Debatte noch ganz zufrieden sein, aber sie bleibt charakteristisch für die Zustände in Böhmen. Die Verhältnisse liegen im Lande schlecht wegen des nationalen Haders, die Kohlenpreise steigen durch den Streik der Bergarbeiter, und sofort beschuldigt man die Juden. Mit vollem Recht machte Dr. Zalud zum Mittelpunkt seiner Ausführungen den Hillweis darauf, daß man überall, wo ein Unglück geschehe, den Juden die Schuld gebe, und darüber versäume, den wahren Schuldigen zn erforschen oder festzustellen, wo die bessermde Hand anzulegen ist. * Die französischen Antisemiten haben in dieser Woche eine schmähliche Niederlage erlitten. Sie haben alls dem Oberst Villebois-Mareuil eine Art Nationalheros machen loollell. Das ist ihnell aber gründlich mißlungen, denn es stellte sich anläßlich der imposalltell Leichenfeier, die die Nationalisten dem tapferen Führer bereiteten, heraus, daß derselbe ein entschiedener Drehfusard gewesen, der für die Unschuld des Exkapitäns mit großer Begeistermlg eillgetreten ist. Sodanll aber wurde ein Brief publizirt, den derselbe an die Mutter des Ingenieurs Leon gerichtet hat, und der ben Antisemiten wenig in ihren Kram passeli lvird. Leon, der lvie wir schon gemeldet, Leiter der Artillerie der Buren ist, wurde auf dem Schlachtfelde verwundet. In Paris aber verbreitete sich das Gerücht, daß er seinen Wunden erlegen sei. Darauf richtete Oberst Villebvis an die Mutter Leons ein Schreiben, rvelches die liberalen Blätter jetzt veröffentlichen, itrtb aus dem die hohe Achtullg hervorgeht, welche der Schreiber für feinen Kombattanten empfand, voll dem er sagt, daß die Buren ihn liebten und hochverehrten wegen seilles Heldennluths sowohl lvie lvegen feiner genialen Begabung. Der Brief ist ebenso ehrenvoll für den klerikalen Oberst wie für ben jüdischen Ingenieur. Nur die Antisemiten lverden keine rechte Freude daran habell. * Die Türkei hat den rumänischen Juden, die ihre Heimath verlassen müssen, gastlich ihr Land erschlossen. Der Sultali schellkt ihllen in großherziger Weise Land mid Geld. Nun hat der Vertreter der Türkei in Bukarest die rumänische Regierung davon verständigt, daß Juden aus Rumänien unter folgenden Bediliguligell liach der Türkei einwandern können: Die Einlvanderer müssen ottoinanische Nationalität annehmen, sie müssen sich den Gesetzen des Reiches fügen llnd dürfen die Regierung nicht um Landkonzessiollen oder Unterstützung angehen. Ehe sie zugelasten lverden, müssen sie eine Erklärung unterzeichllen, daß ihnen die Bedingungen der türkischen Regierullg bekannt silld, und daß sie dieselben für sich als bindend anerkennen. Es ist mehr als komisch, wenn antisemitische Zeitungen an diese Nachricht die erneute Forderung des Einwanderungs- Verbotes für ausländische Juden in Deutschlalld kllüpfen. Den Zusammenhang wird nur antisemitische Logik heransfinden können. * Noch immer kommen neue mtb interessante Nachrichten über die Lage der Judeli in Transvaal und über ihre patriotische Thätigkeit in der Kriegszeit. Neuerdings wird