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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-27 · Heft 17 (27.4.1900) · p. Seite 194

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 17 (27.4.1900)
Date
1900-04-27
Page
Seite 194 (sequence 4)
Language
German
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194 die polnischen Zeitungen. Zum Theil überwog die Sensationslust, zum Theil war die mala fides die Triebfeder. Es war so bequem, so lange die Inden das ignorirteu, und es klang auch nachher doch auch schön, die sachlichen Richtigstellungen zu bekritteln. Sie sieter: aber auch daun nictjt aus der Rolle; die Entrüstung fanden sie für sich ebenso kleidsam als billig und — einträglich, denn es begann eben ein neues Abonnementsquartal. Wer wird sich danach lvundern, daß die wahnsinnigsten Gerüchte auftauchen, wer lvollte sich wundern, das; die Blätter, die loie der Graudenzer „Gesellige", ihre Kaltblütigkeit bewahrten, Schmähbriefe zu Dutzenden bekommen. Ehe eine unrichtige Behallptung widerlegt werden konnte, war ihr ätzendes Gist schon in die Bevölkerung, die vorzüglich darauf trainirt wurde, gedrnngen. Eine kritiklose Menge, und die Menge wurde dadilrch in ihrer Kritiklosigkeit erhalten, daß eine Sensation ltarf) der anderen anfgetischt rvurde — alle sind erfunden -- konnte nicht anders annehmen, als die Inden — immer die Gesammtheit — müssen die Thäter sein. Welche Hirnverbranntheit gehört dazu, von den Juden zr: verlangen, sie sollte!: Nachweisen, daß sie nicht die Thäter sind! Ist das Wahnsinn, hat es aber doch , Methode. Wie muß das nachher wirken, wenn man erklärt, „daß 1 die Inden das nicht können, nun zieht die Schlußfolgerung." Wird,!vas der Himmel verhüten wolle, der Thäter nicht gefunden, so können dann die Hetzblätter mit demselben Rechte beu Inden weiter das Odium auheften, mit den: sie ungenirt ver? langen, die Juden sollen den Thäter entdecken. Tie kritiklose Menge und last not least der süße Pöbe( haben hier wieder einmal bewiesen, lvie schnell sie ihre Ueberlegung verlieren. Der Antisemitisnnls aber hat alles gethan, um den wirklichen Thatbestand zu verdunkeln. Das ist sein Verdienst und die Geschichte wird es ihm gntsrhreiben. Dieses Bewußtsein lvird den Jude!: über die ihnen schuldlos zugefügten Angriffe Hinweghelsen. Wir brauche!: wahrhaftig nicht zu sagen: es giebt keinen Ritualmord. An: allerwenigste!: aber denen, die diese Behauptung in das Volk lauziren; denn die wissen es so genan :vie wir Inden. Einstiveilen hoffen wir noch zuversichtlich, daß es gelingen :vird, den Thäter zu entdecken. Wenn es aber, :vas wir lebhaft beklagen lvürden, nicht dazi: kommen sollte, so könnte:: wir zuerst die Anlisemiten dafür verantwortlich mache::, die in diesem wie in früheren Fällen durch ihre wüste Hetze das Volk irregeleitet und dadurch das Unheil geschaffen haben. Die Woche. Berlin, 25. April. fie Mittheilungen über die Konitzer Mordaffäre standen natürlich in: Vordergrund des öffentlichen Interesses. Die :vichtigste dieser Mittheilungen ist folgende Publikation der halbamtlichen „Berliner Korrespondenz": „Die ans Anlaß des Konitzer Mordes in Nachbarorten jener Stadt vorgekonnnenen Ansschreitungell gegen Staatsbürger jüdischen Glaubens haben den Minister des Inneren veranlaßt, einen seiner Vortragenden Räthe. bei: Geheinlen Oberregierungsrath Manbach. nach Könitz ltnd Schlochail mit der Vollmacht zll elltsenden, im Nan:en des Atillisters die geeigneten AilordllUllgen zu treffen, insbesondere im Bedarfsfälle eine Verstärkung der Sicherheitsorgane zu bewirken." Die bisherigen gerichtlichen Untersuchungen haben greifbare Anhaltspunkte zur Aufdeckung des Verbrechens noch nicht ergeben. Der verhaftete Pferdeschlächter Jsraelski ist wegen Verdachts der Beihilfe ins Laudgerichtsgefängniß eingeliefert worden. Es wurde gegen ihn das Verfahren nach 8 257 des Strafgesetzbuches eröffnet. Eine eingehende Haussuchung bei Jsraelski hat nicht zun: geringsten Ergebnisse geführt. Weder zeigten sich Spuren, die auf die Beseitigung von Blutflecken schließen lassen, noch wurde Pack- oder Zeitungspapier gefunden, wie es zum Einwickeln des Kopses benutzt worden ist. Ein wandernder Böttchergeselle Friedrich Klebs aus Ellerlvalde wurde auf belastende Indizien hin in Bartenstein als muthmaßlicher Mörder festgenommen, soll aber inzwischen sein Alibi glaubhaft naehgewieseu haben. Anderen Mittheilungen zufolge soll derselbe auf seiner Tour nach Marienwerder zu in einem Dorfe eine silberne Uhr verkauft haben, die als den: ermordeten Winter gehörig erkannt wurde. Außerdem hat dieser Wanderbursche einen dunklen Krimmerüberzieher getrageu, :vie ihn der Gymnasiast Winter an jenen: Sonntag angehabt hat. Die Konitzer Staatsanwaltschaft hat der Oberstaatsanwaltschaft in Marienwerder zur weiteren Verfolgung des Wanderburschen bereits telegraphisch Mittheilung von den: Verkauf der Uhr gemacht. — Wie nothwendig das Einschreiten der Behörden gegen die Ruhestörer war, beweisen die weitere:: Nachrichten aus der Konitzer Gegend. In einzelnen Orten des Kreises ist es zu argen Ausschreitungen gegen die Inden gekommen. Jn Prechlau, dem Wohnorte der Eltern des unglücklichen Ernst Winter, hat besonders eine wahre Rebellio:: geherrscht. Fast fämmtliche Schaufenster und Thüren der jüdischen Geschäftsleute sind zertrünunert worden. D:e Ortspolizei war nicht in: Stande, Eigenthuu: und Person der Bedrängten vor den Exzedenten zu schützen, so daß der Gemeindevorsteher wiederholt telegraphisch um Hilfe ersuchte. Noch am späte:: Abend lief ein Telegramm aus Prechlau hier ein, in welchem um Absendung eines Gendarmerikonunandos gebeten wurde. Auch in Siegers sind die jüdischer: Einwohner hart bedrängt worden. Wie „Der Gesellige" aus Könitz ineldet, wurden zweihundert Reservisten dort einquartirt. Da größere Exzesse befürchtet werden, wurde polizeilich angeordnet, daß alle Schankftätten um acht Uhr Abends zu schließen haben. Die Nachricht, daß der Bauunternehmer Winter aus Prechlau, der Vater des ermordeten Gyrnnasiasten, nach Berlin gereist ist, mn in der Mordaffäre eine Audienz beim Kaiser beziehungsweise bein: Justizminister nachzusuchen, bestätigt sich nicht. Wie weit aber das antisemitische Gift um sich gefressen, zeigt folgende Mittheilung hiesiger Blätter über den Prozeß gegen den Raubmörder Gönczy: „In einen: an das Gericht gelangten Schriftstück erklärt der Schreiber, daß Gönczis Behauptung, Löwy habe die beiden Frauen getödtet, durchaus glaubhaft sei, da zur Zeit der Ausführung der That die jüdischen Feiertage bevorgestauden hätten, zu welchen, loie allgemein bekannt sei, die Inden Christenblnt brauchte!:." So wird, wie eigentlich kann: anders zu erwarte:: war. der „Ritualmord" auch schon zu Gunsten Gönczis zu verwerthe:: gesucht. Schade, daß man nur die Ruhestörer und nicht auch die Unruhestifter treffen kann! Das Verbrechen aufzuklären, den wahren Mörder zu entdecken und seiner Strafe zuzuführen, bleibt indeß die wichtigste Aufgabe der Behörden. Hoffen wir, daß derer: Anstrengungen recht, recht bald Erfolg Haber:.

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