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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-27 · Heft 17 (27.4.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 17 (27.4.1900)
Date
1900-04-27
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Berlin, 27. April 1900. 64. Jahrgang. Nr. 17. eitung des Audenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Konri. Verlags-Expedition: Berlin, Lerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allstem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redactenr: Gustav Karpelcs. Inhalt. Leitartikel: Zur Psychologie der Ritualnwrd-Lüge. — Die Poche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Kantoren-Kurse. Von Oberkantor 3arasohn. — Brief aus Cordoba. Von L. Levi-Hechingen. — Ein Stück oziale Frage, mit besonderer Rücksicht auf die Bibel. I. Von Dr. Max Kirsch. - Feuilleton: Der Becher des Propheten. IV. Von Paula vaber. — Jüdische Sagen und Volksmärchen. II. Von Binjamin -egel. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Ranzig, Pafewalk, Posen, Schwersenz, Görlitz, Königsdorf-Jastrzemb, Ahlem, Aurich, Hamburg, Hagen i. W., Essen, Köln, Heidelberg, Wien. — Bon Nah und Fern. - Geschäftliche Notizen. Jur Psychologie der Uitualmord-Füge. Berlin, 25. April. Jjgjiien schweren Kampf mit den Empfindungen des JoL Schmerzes und des Ekels hat Jeder durchzukämpfen, der sich mit dieser traurigen Zeiterscheinung des Kulturückschritts beschäftigen muß. Denn nach derselben Methode wie gegenwärtig in Könitz ist auch bekanntlich anderweit schon 'perirt worden, schon im zweiten und dritten Jahrhundert mserer Zeitrechnung, als man Blutbeschuldigungen nicht gegen -ie Juden, sondern gegen die Christen richtete. Man stellte die chändlichste Behauptung, die man sich wohlweislich hütete auf inen einzelnen Menschen zu beziehen, gegen eine ganze Religionsgemeinschaft auf. Man that es, ohne nur den Schatten eines Zeweises zu besitzen, und man arbeitete damals wie heute schon n der Weise, daß man auf die Vertheidigung der Beschuldigten Erwiderte: „Ihr vertheidigt Euch, folglich seid Ihr schuldig!" um! >ann, wenn die gewaltsam Angeschuldigten im Gefühl ihrer Unchuld keine Vertheidigung versuchten, zu verlangen: „Weist nach, wß Ihr nicht die Schuldigen seid." — Nur, daß man heute an stelle der Christen die Juden beschuldigt. Die Agitation ist also üeselbe geblieben, trotz des gewaltigen Kulturfortschrittes der etzten Jahrhunderte. Und das Ritualmordmärchen hat sich in iner Schauerlichkeit erhalten, dank jener abscheulichen Belegung, die Kaiser Friedrich als eine Schmach des Jahrunderts bezeichnete. Aber während früher, im grauen Alterthum, die Drahtlieher der sinnlosen Blutbeschuldigung wenigstens den Muth >atten, einzugestehen, daß sie die Urheber jener Anklagen waren, können heute, im Zeitalter der Kultur und der Anfllärung, die eigentlichen Urheber der schändlichen Beschuldigung wde Verantwortung von sich abschütteln. Während früher cine substanziirte Anklage erhoben wurde, mit einem Male die wrrekte Schuldfrage entstand, ist es heute möglich, das Volk örmlich tropfenweise mit der Möglichkeit des Ritnalmordes bekannt zu machen. Heute wird erst ganz harmlos aus ein anscheinend recht belangloses Intermezzo hingewiesen; vorsichtig sagt man zuerst die israelitischen Mitbürger, dann geht es schrittweise weiter, man deutet an, daß das Volk zu glauben begänne, das Volk, welches nur in der Phantasie der Agitatoren existirt, die Inden wären die Schuldigen. Und dann, wenn wirklich die kritiklose Menge dank jener Eingebungen auf die — immer nur auf die, niemals ans den Juden Verdacht wirft, dann erst taucht der „Ritualmord" aus der Versenkung auf. Dann fordert der „Ritualmord" seine Opfer. Auch der Konitzer „Ritualmord" forderte bereits solche Opfer. Es waren Fvrtbildungsschüler, ineist halbwüchsige und sicher urtheilslose Menschen, die, nicht aus sich heraus, sondern lediglich infolge antisemitischer Anregungen glaubten, Rache an den Juden nehmen zu müsse». Die armen Leute setzten nur die Theorie der Antisemiten in die Praxis um. Sie sind unschuldig, sie glaubten z» schieben und sie wurden geschoben, von Leuten, die vorsichtig hinter der Schußlinie stehen. Soviel jetzt bekannt, ist das Märchen vom „Ritualmord" in Könitz nicht entstanden. Wie oben geschildert, wurde von außen her das Volk in Aufregung gebracht. Sensationslüsterne Zeitungen thaten das ihrige, bis schließlich der Antisemitismus Zug in die Sache brachte und bei der Gelegenheit gleich „ein gutes Geschäftchen" machte. So wurde in Könitz gearbeitet, so ivurde förmlich gewaltsam die Volksstimme geschaffen, von der unsere gesinmmgs- und geschäftstüchtigen Gegner so häufig reden. Sv wurden bie Bürger, die dazu berufen sind, die Polizei in ihren Bemühungen, den Thäter zu entdecken, zu unterstützen, seit Wochen förmlich direkt gezwungen, aus falscher Bahn zu suchen. So ivurde künstlich an die Stelle der ruhigen Ueberlegung die Leidenschaft gedrängt; vielleicht konnte es kein besseres Mittel geben, den ivirklichen Thäter entkommen zu lassen. Und mit mephistophelischer Freude bringen die betreffenden Blätter vom Kriegsschauplätze ihre Siegesbulletins: „Die Erregung wächst in Stadt und Uingebung von Tag zu Tage." Gewiß thun Polizei und Gericht vollauf das ihrige, um Licht in die Sache zu bringen. Aber diese Bemühungen werden erschwert durch die sinnlosen Angriffe auf die Juden. Jüngst äußerte in einem Sensativnsprozesse ein Staatsanwalt, wieviele falsche Beschuldigungen bei jedem Mordfalle ringingen. Wenn einst die Akten über die Konitzer Affüre bekannt gegeben werden sollten, wird die Welt das Wort des Staatsanwalts erst richtig zu ivürdigen verstehen. Im Uebrigen haben, als erst der richtige Zug in der Sache war, alle auf die Juden gehetzt, die frommen Centrumsblätter wie

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