Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- Seite 192 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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192 Vater Elsässer, der noch garnicht daran dachte, seinen Liebling fortzugeben, hatte „das Kind", wie die Eltern sie noch immer nannten, alsbald wieder nach Offenbach an den heimischen Herd geholt. Zugleich aber hatte er seinem Sohn Joseph bittere Vorlvürfe gemacht, daß er das unschuldige Mädchen in solche Schlingen hatte gerathen lassen. „Von Schlingen ist gar keine Rede", hatte Joseph gemüthsruhig geantwortet, „was hast Du an dem jungen Manne auszusetzen? Grundbraver, kluger Mensch, gute Familie, stattliche Erscheinung, dabei sehr vermögend, — Ihr könntet lange suchen, ehe Ihr für die Schwester einen Besseren findet. Dabei hat die Jetta ihn von Herzen lieb, während er derart voll ihr hingerissen ist, daß er sich sogar bereit finden würde, ihr zu Liebe nach Frankfurt zu ziehell, welln Euch die Entfernung voll Offenbach nach Hamburg zu groß ist!" Der Vater-neigte in halber widerwilliger Zustimmung sein Haupt. „Das müßte er jedenfalls thun, aber —", er seufzte, — „wir trenllen uus überhaupt ungeril jetzt schon voll dem Kinde. Sie ist lioch so erstaulllich jllilg." „Sie wird doch mit jedem Tage älter", begütigte Joseph. Die Wahrheit dieser Behauptung war allerdings völlig unanfechtbar. In Offenbach hatte dann Frau Hannah ihre Tochter ins Gebet genommen und sie vorwurfsvoll gefragt: „Kind, ist das wirklich Dein Ernst? Du willst den Vater und mich allein lassen? Hast Dil uils beim garnicht mehr lieb?" Da hatte das schölle Mädchen die Mutter zärtlich umarmt ulld dann entgegnet: „Gewiß, Mutter, voll Herzen lieb, aber schau, den Moritz habe ich eben noch lieber!" Darauf ließ sich nun freilich nicht viel antworten. Und die Auskünfte, die der Vater, der sich llicht mit den Angaben seiner Söhne allein zufriedell geben lvollte, auch von anderen Seiten empfing, lauteten alle derart günstig, daß die Eltern wirklich dein Herzenswunsch ihrer geliebten Jüngsten nichts in den Weg legen konnten und lvolltell. — An einem prächtigen Herbsttage war der glückstrahlende Brälltigam eillgetroffen. Abellds sollte das feierliche Verlobrulgsfest stattfiudell, ulld die anmuthige Braut hatte der Mutter noch so nlancherlei bei der Anordnung der Tafel zu helfen, daß ihr Auserwählter, der sich solange seinem Schwiegervater widmen sollte, sich scherzend ob so grausamer Vernachlässigung beklagte. Eben erschiell sie wieder bei den beiden Herren, aber sie war äußerst eilig und wollte sich auf keine weitere Unterhaltung einlassen. „Vater, die Mutter läßt fragen, ob wir den Becher des Propheten mit auf die Tafel stellen dürfen." Elsässer schien unschlüssig. „Vater", bat Henriette, „es ist doch solche schöne Gelegenheit, — mein Ehrentag!" Nun gab er nach und erhob sich, um seiner Tochter das Kleinod ansznhäudigen. Zugleich sagte der Bräutigam: „Das klingt ja so geheimnißvoll, „der Becher des Propheten!" Ist es undiskret zu fragen, ob es damit eine besondere Bewandtnis; hat?" „Gewiß nicht!" erwiderte Henriette. „Der Becher hat wirklich ffeineHigene Geschichte. Hat der Vater Dir noch nie davon gesprochen? Das wundert mich fast, er redet sonst gern davon. „Vater",^wandte sie sich zn dem ihr jetzt den sorgfältig verpackten Becher Einhändigenden, „erzähle doch dem oritz wie wir den Becher bekamen. So vergeht Euch beiden die Zeit." Damit war sie wieder schleunigst verschwunden. „Wenn Sie es wirklich hören wollen!", meinte Elsässer zweifelnd. Der Andere versicherte ihn seines lebhaften Interesses. (Schluß folgt.) Kprechfaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! ie Hungersnoth in Bessnrabien hat besonders die Juden betroffen. Denn die christliche Bevölkerung bekommt von der Regierung und sonst wo Unterstützung, während die Inden nur ans Unterstützung seitens ihrer Glaubellsgenossen angewiesen sind. Die Roth ist groß; es sind sogar Hnllgertodesfätte vorgekommeil. Es wird in ganz Rlißland gesammelt, die Negierung Uhu* so liebenswürdig und erlaubte sogar Komitees zu gründen Aber zu groß ist das Elend lmd die russischen Inden können ohne Mithilfe seitells der Juden des Westens llichts leisten. Seit jeher haben die deutschen Juden all dem Schicksal ihrer Glalibellsgellosseil in Rußland Ailtheil geilommen. Im Jahre 1868 hat Dr. Rülf-Memel für die hungernden Jlldell in Kowno ulld Unlgegelld viel geleistet und Dr. Bamberger-Königsberg für die Emigranten. Werden die Herren Nabbiner jetzt allch Ailtheil ilehmeil ulld zll Hilfe kommen? Es handelt sich nur mn Brod bis zu der neuen Ernte und die lmglücklichen Leute sind vom Tode gerettet. Unter deil Hnllgerlldell sind beiliahe zehlltallselld jüdische Kolonistell und lvenn man ihnen nicht schleunigst zu Hilfe konlint. dailn wird un Frühjahr nichts gesäet — und lvas dieses bedeutet, ist kaum llöthig zn sagen. Zn Hilfe Brüder! Hochachtllngsvoll Königsberg. 19. März 1900. M. L. Sambursky. * Sehr geehrter Herr Redakteur! n Ihrer geschätzten Nummer vom, wenn ich nicht irre, 7. Dezember erwähnen Sie des Rabbiners Dr. Hertz, der ans Johannesburg verwiesen wurde. Gestatten Sie mir bitte Sie hierüber des Nöthigen anfzuklären. Dr. Hertz, ca. 28 Jahre alt, ist geborener Ungar ulld endigte fein Studium iil New-Iork. Nun hatte dieser Herr das Glück als Rabbiller von Johallilesburg mit einem Einkommen voll 1000 L (Tausend Lstr.) vor ca. IV2 Jahren gewählt zn werden. Obgleich das Gros der Johanuesburger Jllden fast ausschließlich aus solcheir russischer Nationalität besteht, so erlaubte sich Dr. Hertz in einer Volksversammlung voll ca. 3000 Personell aller Konfessiollen und Natiollalitüten, sich selbst als amerikanischen Bürger bezeichnelld gegeil das bestehende Gouverrlemellt zu sprechell ulld Hymnen cur England Ulld seine gewährelide Freiheit i 11 einer All spräche zu singen Trotzdem Geistliche sümmtlicher Kollsessioilen vertreteil waren, hat sic! Niemand voll biefeu Herren zum Wort genleldet, nur dieser Rabb fühlte sich beflissen, für billige englische Whitecheapel-Kapitalisten in di Schrailke zu treten. Die Regierung hat sich so tolerant als möglich benommen; tausend von russischen Schnorrern fanden in Transvaal ihre Zllflllcht mu grasten das Land nach allen Himmelsrichtungen ab, aber abgesehei davon, 90 pCt. von all biefeu Leuten aus Rußland rc. war im Standsich durch die Humailität der Regierung gläuzelld zll ernähren. Als Dank hierfür trat Dr. Hertz gegen die Regierung auf. Di Regierullg war so tolerant, Dr. Hertz bei Ausbruch des Krieges niclr des Landes zll verweisen. Die AllslveislNlg erfolgte erst vor ca. vie Wochen, als Schnlähartikel abgefaßt wilrdell, die man gegen di Regierung an amerikanische Zeitungen absandte. Nigel (Transvaal), 30. Januar 1900. Hochachtend Arthur Davidson. Krirfkastrn der Redaktion. A. Selbstverständlich sollte im Briefkasten der Nummer 14 vor eitler Preisfrage (nicht Streitfrage) die Rede sein. Eine Ent scheidnng ist bis jetzt lloch nicht erfolgt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwii; in Berlin.