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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-20 · Heft 16 (20.4.1900) · p. Seite 191

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 16 (20.4.1900)
Date
1900-04-20
Page
Seite 191 (sequence 13)
Language
German
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191 Das Lebensideal der Juden, wie es sich in jenen Zeiten gestaltet hatte, kommt voll zur Geltung: Gelehrsamkeit, Wohlthätigkeit, daneben aber auch großer Hang zum Prunk und zur Verschwendung geben dem Bilde seine Farben. Charakteristisch ist auch die bei Volksdichtungen ungewohnte Zartheit, mit der das Verhültniß von Mann und Weib berührt oder vielmehr nicht berührt wird. Nichts lag näher, - als die böse Frau auch zu einer ungetreuen zu machen und ihr einen Buhler: zu geben; aber dies wird auch nicht einmal angedeutet. Ihr Fehler ist blos Geiz und Hartherzigkeit. Selbst die Erzählung, wie der Rabbi entzaubert wird und als Nackender in der Hofgesellschaft steht,hat keine Spur von Frivolität. Wenn der gute König gewußt hätte, daß der Wolf zu einem nackter: Mann errtzaubert würde, so würde er, sagt der Dichter, die Sache doch anders gemacht haben. Aber warum wird er nicht in einen bekleideten Marrn verwandelt? Dies geschieht im Märchen doch alle Tage. Augenscheinlich rvar der Dichter irr großer Verlegenheit; er fürchtete bei seinem disputirsüchtigen Publikum eine solche heikle Frage, die ihm den Effekt stören würde und gab daher vorbeugend die Antwort. Es würden noch viele ähnliche Bemerkungen an diese Art von Litteratur zu knüpferr sein, aber die Zeit drängt zu schließen. Sie werden sich überzeugt Haben, daß auch irr jenen guter: alten Zeiten urrsere Vorfahren keineswegs ausschließlich mit religiösen Dingen sich beschäftigt haben, rricht eirrmal am Sabbath. Denrr der jüdische Verfasser des Maaseh-Buches sagt irr der Vorrede ausdrücklich, daß er sein Buch zur Sabbathlektüre bestimmt habe, damit die Juden nicht noch unheiligere Bücher lesen sollten von Dietrich vor: Bern und von Hildebrand n. drgl. Er fordert die Glaubensgenossen auf, sei:: Buch zu kaufen, so lange die Auflage reicht: Drum, ihr lieber: Frauen, kaust sie behend, Eh sie werden konunen in fremde Land' Irr Boheim und in Neusten und irr Polen. Also wird »narr sie auch thun rveidlich holen. Wären erst alle Exemplare ausverkauft, so würderr sie große Reue haben, keins erstände:: zu haben! EUILLETON Aer Becher des Propheten. Von Paula F a b e r. IN. E>Ifaffer spielte rrrit seinen Worten auf den Gebrauch an, an den Sederabenden auf die Tafel einen mit Wein gefüllter: Becher mehr als die Tafelrunde Köpfe zählt, 311 stelle::. Dieser Becher ist für den Propheten Elias bestimmt, von den: ie Legende erzählt, daß er sich an jenen Abenden auf die Erde hernieder begiebt, ::m zuweilen besonders bevorzugten Sterblichen zu erscheinen, ihre Wünsche zu vernehmen und, wenn neselben verständig sind, sie zu erhören. Bei Vorlesung der dagadah an einer gewissen Stelle angelangt, pflegt nran an enen beiden Aber:den sich zu erheben und die Thür weit zu 'ffnen, um den: auf Erden Wandelnden Eir:laß zu gewähren. Elsässer sträubte sich nicht länger. Mit herzlichem Dank nahm er das schöne Geschenk des Bechers für den Propheten Elias entgeger:. Bald darauf brach sein Gast auf. Noch einmal ruhte seine Hand segr:end auf den Häuptern der ihr: umdrängenden Kinder, dann sagte er Elsässer und seinen: Weibe Lebewohl und entfernte sich sodann raschen Schrittes. Elsässer und seine beiden ältesten Söhne blickter: den: schnell die Gasse Hinabschreitenden nach. „Wißt Ihr wer das war?", sagte er plötzlich, von jäher Eingebur:g beseelt. „Ich glaube fast, das war Elia Hanowi, Elias der Prophet!" „Vater, ist das Deir: Errrst?", riefen die Knaben in ungläubigem Staunen. „Wer weiß?", entgegnete der Vater sinnend. „Mein seliger Vater pflegte zu sage::, der Herr steigt nicht selbst vom Hirnmel herab um uns zu helfen, aber er schickt uns seine Bote::. Vielleicht hatte er uns rvirklich seiner: Boter: gesandt." Zur Erklärung rr:uß hier daran erinnert werden, daß zu jener Zeit, ir: der zweiten Hälfte des voriger: Jahrhunderts, die Gemüther den: Wunderglauben außerordentlich zugänglich waren. Existenzen rvie Cagliostro, Graf St. Germair: und der bereits erwähnte Jacob Frank sirrd die bester: Beweise dafür und wären heutzutage, werrigstens mit einem solcher:, bis in die höchster: Kreise hinausreicherrden Eirrfluß, ur:der:kbar. Hehmann Elsässer blieb jedenfalls in dem Glauben, er sei eines Besuches des Propheten gewürdigt worden. Wiederkehren that „Herr Elias aus Wie::", rvie er ja auch damals beim Abschied erklärt hatte, rricht. Jedoch der günstige Stern, der seit seinen: ersten Erscheine!: dem Hause Elsässer geleuchtet hatte, blieb demselben auch ferrrerhin treu. Des Vorstehers Wohlstand und sein Ansehen bei seinen Mitbürgern wuchsen von Jahr zu Jahr, sodaß er sich schließlich eines Namer:s erfreute, dessen guter Klang weit über die kleine Stadt hinausreichte. Und mehr und mehr befestigte sich in dem Alternden der Glaube, all fein Glück sei jenen: derzeitiger: Eingreifer: einer höheren Hand zr:zuschreiben. Bei jeden: größerer: Erfolge pflegte er seines eirrstiger: Gastfreundes, dessen Geschenk er sorglich bewahrte, dankbar zu gedenker:, seiner Fürsprache alles Verdienst zuzuschreiben. Seine mittlerweile zu tüchtiger: Männern Heranwachsenden Söhne. Kinder einer anderen Zeit, dachten darüber etwas skeptischer. Aber sie sahen, rvie glücklich der Vater ir: den: Glauben an das Uebernatürliche jenes Besuchs rvar, mit rvie freudigem Hochgefühl ihn der Gedarrke heute noch erfüllte. Und sie hüteten sich pietätvoll, durch irgendwelche abfällige Bemerkung an der schönen Illusion zu rütteln. So rvar die Zeit mit fast unrnerkbarem Flügelschlage vorübergerauscht. Mehr als sechzehn Jahre warer: vergangen. Heymanr: Elsässer rvar ein alter Maru: geworden. Alle seine Söhrre hatter: schon das elterliche Haus verlassen und nahmen geachtete selbständige Stellungen ein. Aus der kleinen reizender: Jetta war eine große wunderschöne Her:riette geworden, die die Eltern auf einige Wocher: zum Besuch des dort verheiratheter: ältesten Bruders nach Frankfurt am Main geschickt hatten. Und dort war sie so unbesonnen gewesen, ihr Herz an einen zurr: Besuch in der alter: Reichsstadt rveilenden Harnburger Geschäftsfreund der Brüder, der seinerseits von den: holder: Mädcher: völlig bezaubert rvar, zu verlieren.

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