Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- Seite 190 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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190 ihm und kleidet sie wieder in schwarzen Sammet und fam wieder in seine Stadt. Wie er nun wieder vor seine Stadt kam, wünscht er, wollt Gott, daß mein Weib (daß sie der jähe Tod erstoß!) eine Eselin wäre und stund im Stall und esse mit andern Beheime's (Thieren) aus der Krippen! Als er aber das Wort kaum ausgeredet hatte, indem kam das Geschrei, wie der Rabbi wieder kam und brächt 50 dapffere Studenten mit sich, Alle in schwarzen Sammt gekleidet. Da ging ihm Kol liakkohol (die ganze Gemeinde) entgegen und empfing ihn gar köstlich. Hätten gerne gefragt, wo er also lang wäre gewesen. Der Rabbi sprach: „Wollt Ihr mir wohl thurr, so fragt mich nichts und ich sage Euch auch nicht, wo ich die lange Zeit über gewesen bin." Der Rabbi nahm sich nichts an voll seinem Weibe, daß sie nicht hie ist! wiewohl er wußte, daß sie im Stall stund. Da fragt er sein Gesind: „Wo ist mein Weib, daß sie nicht hie ist? Sie wird vielleicht nicht sehen können, daß ich 50 Bachurim Hab' mitgebracht." Da sagten sie: „Lieber Rabbi, wenn Ihr nicht erschrecken wollt, so wollen wir es Euch sagen." Der Rabbi sprach: „Nein!" Da sprachen sie: „Lieber Rabbi, wie wir haben gehört, daß Ihr wieder kommt, da sind luiv gelaufen zu Eurem Weib und haben wollen das Botenbrot verdienen: so ist sie verloren bis noch zu der Zeit, wir wissen nicht wie es mit ihr zllgegangen ist." Der Rabbi erschrak nicht sehr, nahm sich doch nichts an mld sprach: „Ich denke, wenn sie also lang außen bleibt, als ich bin außen gewesen, wird sie auch wiederkommen." Und Hub wiederum an, seine alte Weise mit den armenLeutenAlmosen zu geben und Schul zu halten; des ward Jedermann gar froh. Wie er nun eine Weile hatte Haus gehalten, macht er ein köstlich Bankett und lud die Stadt und wie er nun schier voll ward, sprach er: „Sintemal ihm der Himmel wieder heim geholfen hätt, habe er ein Gelübd gethan, er wollt eine schöne Schill baueil und all die Steine, die er bedürfe dazu, die mllßt ihnl die Eselin also zuführen, desselbig war sein Weib. Aber die Leute wußten nicht, daß er sie zu einer Eselin gewüllscht hatt und sprachen: „Lieber Rabbi, unser Herrgott stärk Euch Euren Silln, daß Jhrs vollbringet mit gesundell Sinnen." Null hatte sich die Eselirl unterdessen gemästet und ward gar dick worden; auch ward sie vonJedermanil vor einerechte Eselin gehalteli. Aber da rlmr der Rabbi anhub zu ballen mit) fuhr Stein mit ihr, Hub sie an mtb ward gar mager ulld wenn der Rabbi sah, daß sie nicht wollt fortgehn, gab er ihr eitlen Tritt in die Seiten und sprach: „Ei du Brecken, wie hast du mir so weh gethall, (daß dir der Schelm schlag.)" Also arbeitet er die Eselin gar ab, daß sie gar mager ward und also stund es gar lang an, daß keilt Mensch mehr wußt, wo seilt Weib war hinkommeu. Wie er nun die Schul hatt ausgebaut, macht der Rabbi j ein großes Bankett lind lud all des Weibes Freullde und lvie! sie schier nun voll lvaren, Hub der Rabbi an und sagt die ganze Historien von ihrer Freundin, wie sie ihm gethan hatte. Nun hatte ihm Gott wiederlim geholfen, daß er wäre wiederum gesund lvordeil. So hätt er sie mm verflucht und mußt all ihr Lebelang ein Eselin bleiben; da sollt es nicht anders lverden. Wie mm ihre Verwandten solches hörten, da erschraken sie gar sehr; dem: es war ihnell leid. Doch baten sie den Rabbi, er sollt ihr diesmal noch verzeihen, sie würd es nicht mehr thun. Aber er wollt ihr nicht mehr glauben. Also nicht lang danach starb der Rabbi und ließ seinen Kindern einen großen Reichthum ulld das Fingerlein verschwand llnd das Weib mußte eine Eselill bleiben ihr Lebenlang. Das heißt recht: es machtMaucher eine Grube llnd grubt Einen alldern für lind füllt selbst hereill. 4 Sie lverden mir nach deul Gehörten zugeben müssen, daß die geschilderte Dame die Bezeichnung als „böse Rabbinerin" vollauf verdient hat. Die Art und Weise, wie ihre Kräfte zum Bau von Gotteshalls llnd Schule nutzbar gemacht werden, ist originell, und man fühlt sich veranlaßt zu bedauern, daß solche „großen" Mittel heute nicht mehr anwendbar sind und daß man sich mit den „kleinen" Mitteln, wie Anleihen, Steuern, Legate, u. drgl. zu solchen Zwecken behelfen muß. Aber man nulß doch auch zugeben, daß der Herr Gemahl auch einige Charakterschwächen hat. Er ist der beste Bruder auch nicht; vor allen Dingen ist er ein etwas sehr leichtsinniger Haushalter. Natürlich wäre es unrecht, aus dieser Erzählung etlva zu schließen, daß die Stellung der Frau in der jüdischen Gesellschaft jener Zeit eine niedrige oder ullwürdige gewesen sei. Solche Schilderungen böser Weiber sind ja ganz dem Stile der Volksmärchen entsprechend. Daß sie hier zur Frau eines Rabbi geworden ist, hat einfach feilten Grund nur darin, daß der Stand des Gelehrten dem höchsten Volksideale entsprach llnd daß diesem Ideal eine gegensätzliche Folie gegeben lvird. Der Erzähler verlegt den Schauplatz seiner Geschichte nach Uz, dem Lande des Hiob. Der Held derselben erinnert ja auch in seinen äußeren Schicksalen einigermaßen an den aus glänzender Lebensstellllng in das tiefste Elend gestürzten und daun wieder zu Ansehen und Reichchum gelangenden Hiob. Das Märchen klingt wie eine unfreiwillige Parodie auf jene hocherhabene biblische Dichtung. Freilich hat der Währwolf von Uz nach dem Böhmerwald eine ziemlich große Reise gehabt; aber das genirt den Märchenerzähler nie. Trotz des großen Aufwandes von Zaubermitteln tritt das Dämonisch-Grausige ganz zurück. Dies ist eine allgemeine Beobachtung für die jüdischen Volksdichtungen. In jener Erzählung von 1001 Nacht erscheint der Währwolf nur ganz episodisch; aber lvie unvergeßlich grausig wirkt das Verzehreu der Leichen. Dies fehlt bei unserer Maaseh ganz. Der jüdische Währwolf ist eigentlich im Gegensatz zu dem arabischen und allen andern Währwolfen recht gemüthlich; seine Freundschaft mit dem König ist geradezu rührend. Alle diese jüdischen Volkssagen spiegeln einen Optimismus wieder, der zum großen Theil lvohl mit der Religion zusammen hängt. Da Gott allein die Welt regiert, muß sich alles zum Guten wenden. Auch die Furcht vor hm bösen Geistern wirkt nicht so stark und aufregend lvie in den entsprechenden Dichtungen anderer Völkerstämme. Würde man ein System der volkskundlichen Aesthetik schreiben, so lväre auf diese Punkte näher einzugeheu. Der heidnische Hintergrund macht sich bei den jüdischen Bearbeitern viel weniger geltend als bei den nichtjüdischen. Das Grausige hat hier stets Neigung ins gemüthlich-hmnoristische überzugehen. Ich glaube, daß mau ähnliche Züge selbst bis bei Heine verfolgen kann.