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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-20 · Heft 16 (20.4.1900) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 16 (20.4.1900)
Date
1900-04-20
Page
Seite 189 (sequence 11)
Language
German
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189 -- Das Märchen von der bösen Rabbrnerrn. Ein Vortrag von Dr. Georg Minden, gehalten am 12. Februar 1900 zu Berlin. M. ^gMtblicI) starb der alte König, daß der junge König das ganze (ftT Land bekam und er hatte den Wolf also bei sich. Denn er wollt ihn nicht verlassen, dieweil er lebet, weil er ihn selbst beim Leben behalten und hatte ihm dazu verholfeu, daß er das Königreich hatte bekommen, beffeu er ihn billig wohl hielt, dieweil er lebte. Einmal begab sich's, daß im Winter ein großer Schnee lag und der junge König reitet hinaus zu jagen und nahm seinen Wolf mit. Alsbald der Wolf hinauskam, Hub er an zu wedeln mit dem Schwanz und lief vor Hill, wo er etwas ausspüren könnt. Nun begab es sich, daß der König dein Wolf nachreit! Da sähe er von weitem, wie der Wolf etwas mit beit Pfoten in Schnee grub. Nun er kam derzu; da sah er wohl ein kesab (Schrift) war geschrieben auf beut Schnee. Wie er nun das sähe, verwundert er sich gar sehr und sprach: „Das muß nicht rechte Sach sein, daß der Wolf schreibell kann. Vielleicht ist er verflucht worden und ist ein Mensch gewesen, wiewohl mehr Dinge also geschehen sind. Also könnt mau das Schreiben nicht lesen, schickte nach allen Doktoren, köilnt es Niemand lesen. Da war ein Joöz dabei, der könnt lesen loschen hakkodesch (hebräisch) der sagte: „Adoni kesar; das ist ein kesab voll Juden," und Hub an zu lesen und stund also: „Lieber König; Du sollst gedenken an die Freundschaft, die ich Dir gethan habe, daß ich Dich nicht zerrissen, da ich Dich unter mir hatte, wie lvohl ich groß Recht hatte. Noch habe ich Deiner geschonet und sogar Dir zu Deinem Königreich auch geholfen. Nun Hab ich ein Weib in der Stadt. Die hat mich verfluchet durch ein Fingerlein, daß ich zu einem Währwolf bin lvorden. Nun wenn ich das Fingerleiu llicht bekomln, so muß ich mein Lebenlang also ein Wolf sein; aber so ich es wieder bekomme, so bür ich ein Mensch wie andere Mellschell. Derselben gedenke an die große Treue, die ich Dir bewiesen habe ulld reite in dieselbige Stadt und bring mir das Fingerlein zu Freundschaft. Wonicht, so will Dich wieder um das Leben bringen." Und gab ihm ein Wahrzeichell, wie das Fingerlein aussehen sollte. Solches stund Alles auf dem Schnee geschrieben. Wie der König solches hatte vernommen, sprach er: „Dem will ich wieder helfen und sollt ich mein Leben darüber verlieren" und niacht sich auf mit dreien Dienern und reit nach der Stadt wie sie genailnt war, da des Rabbi Weib wohllet ulld nahm sich all, er wollt scholl Fingerlillg kaufen, altfränkische Dillg sollte ihm llichts zu theuer sein! Er schickt nach Jehudim, ob sie nicht etwas altfränkisch Gold hättell oder was es vor Edelgestein wärell! Die Juden sagten: „Wir sind arme Leutlein; aber es ist eine Frau hier, die hat schöne Geschmeid von Fingerlein und sonst Edelgestein." Also bat er die Juden, man sollt ihn doch zur selben Frau loeisen. Also führt man ihll zur selben Frauen, aber man wußte nicht, daß er ein König wäre; man meint, er war ein Saucher (Kauflllallll). Wie er nun zur Frauen kam, sprach er: „Hört Jhrs Frau; man hat mir gesagt, Ihr habt all seltsam Gold und alte gülden Fingerlein, es sei mit alten Edelgesteinen oder sollst mit altfrünkscher Arbeit; brings mir her. sie mir gefallen, will ichs Euch gar wohl bezahlen" und zog viel hübsche Dinge heraus, nahm sich au, er hätte es jetzunder auf dem Wege gekauft. Die Frau sprach: „Ich will dem Herrn wohl weisen, was ich vor alt Gold oder Fiugerlein Hab" ulld brachte ihm viel Tachschitim (Kleinodien), daß je ein Mensch gesehen hat, daß sich der König sehr verwundert, daß man bei eüiem Jüden sollte also hübsch Gezeug finden. Indem sah er eine Schnur mit Fingerlein und jenes gülden Fingerlein auch dran hällgell. Gedachte der Melech: „Wie bekomm ich das Fiugerlein?" und nahm die Fiugerlein in die Hände und sprach wider die Frau: „Wie wollt Ihr niir die Fingerleiu geben?" Weifte aber nicht auf dies Fingerlein; sie sprach „Um so viel hundert Gulden." Mein guter Melech lnarkte mit ihr um die zwei Fingerlein und ganelvte (stahl) das eine Fingerlein, daß die Frau llicht j gewahr ward und bezahlte der Frauen ihr gülden Fingerring, j Sie sprachen: „Gott behüt Euch" und gingen Heimen zu. Wie! er nun daheim war, verrnißt die Frau das Fillgerleiil, dürft! sich aber nicht allllehmeu. Denn sie faitnte den Saucher llicht.! Wer lvar betrübter als die Frau ulld wußte ja Niemand warum? Und sie dürft allch Niemalld nichts sagell. Nun wie der Melech heim kam, machte er ein tapfer Ballket (eine Sudeh) nnb berief sein ganz Königreich, und wie er mitten über dem Tisch saß, ließ er beit Wolf auch holen. Nun der Wolf kanl ulld schmeichelt mit seinem Schwanz vor großer Simche (Freude). Denll er lvußt, daß der Melech war nach dem Fingerlein gezogen. Doch wußte er llit, ob er das! Fiugerlein mit hatt gebracht und küsset den Melech und streichelt j den Melech. : Wie nun der Melech sah, daß ihm der Wolf so groß j Kompliment weist, zog er das gülden Fingerlein heraußer und! lvies es dem Wolf. j Sollt aber der Melech gewußt haben, daß das Fingerlein! die Tugeild an ihm hält' so hatt er?s ihm vielleicht nicht geben.! Also that er's dem Wolf an die Pfoten. Da stlllld gar ein nackender Mann vor ihnen.! Wie llun der König das sähe, warf er bald sein füchsen j Schaub über ihn. Da sprang der Wolf, der zum Menschen! wieder geworden, für große Freild und sprach wider den Melech: „Lieber, ich bitte Dich, Du wollest mir nun Urlaub geben, daß ich soll wieder Heimen ziehn, denn ich bin wohl in vier Jahren nicht daheimeu gewesen." Da sprach der Melech: „Mein lieber Freund, wenn Du willst, magst Du heimenziehen; so aber Deine Gelegenheit wäre, daß Du bei mir bleiben wollest, so bleib Dein Lebelang bei mir an meinem Tisch, denn ich kann Dir mein Lebelang die Gutthateu nicht vergelten, die Du mir gethan hast." Also zog er wieder Heimen zu. Der Melech wollt ihm viel schenken; der Rabbi sprach: „Adoni Melech, Du hast wohl gesehen, daß ich Geld genug daheim habe, derhalbeu darf ich Deines Gelds nicht. Du hast mir nur Guts gethan, daß Du mir das Fingerlein hast zu wegen gebracht. Denn wenn ich das Fiugerlein nicht hätte bekommen, so hätte ich müssen all mein Lebtag ein Wolf bleiben." Aber hätte der Melech das Geheimniß des Rings sollen wissen, er hält es ihm so bald nicht geben. Denn wiewohl^der Melech viel Kleinodien hatt, hatt er doch keines also gehabt, das weniger zu bezahlen war. Also nahm der Rabbi eine Zehrung mit und zog fortan wieder nach heim. Wie er nun wieder im heimziehen war, sammelt er wieder Bachurim zu

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