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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-20 · Heft 16 (20.4.1900) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 16 (20.4.1900)
Date
1900-04-20
Page
Seite 188 (sequence 10)
Language
German
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188 und verbessert worden. Gern gestehe ich's, daß ich gerade für dieses Buch ein besonderes Faible habe, was mich aber nicht abhalten soll, es objektiv zu beurtheilen. Es ist nämlich aus einem Dortrage entstanden, den Berliner im Winter 1871 hier in einem Kreise gleichstrebender, begabter, edler Gesinnungsgenossen gehalten hat, und ich erimlere mich an die schönsten Tage meiner Jugend, indem ich jenes Cyklus von Vorträgen gedenke, der, wenn ich nicht irre, in Berlin der erste in seiner Art gewesen ist, und an dem sich außer dem Verfasser jener Schrift und dem Rezensenten derselben nur noch einige andere Freunde betheiligten. Noch erinnere ich mich mit Wehmuth und mit Lust des Abends, obwohl es schon fast dreißig Jahre her sind, als Dr. Berliner uns den ersten Einblick in das Leben und Treiben der deutschen Juden im Mittelalter erösfnete. Dieses Gebiet war damals so gut wie verschlossen. Erst später erschien die umfangreiche und höchst werthvolle Kulturgeschichte von Güdeniann und erst vor zwei Jahren das interessante Buch von Abrahams. Damals aber wußte man so gut wie nichts von dem inneren Leben unserer Väter und Ahnen. So ist mit diesem Buche ein historisches Verdienst verbunden, das nicht unerwähnt bleiben darf. In zehn Kapiteln unterrichtet der in der jüdischen Litteratur wie wenige andere bewanderte Autor uns über das Kulturleben der mittelalterlichen Juden. Wir erfahren, wie es um Erziehung und Unterricht bei ihnen bestellt war. Wir folgen ihren Spielen und Vergnügungen, wir lauschen ihren Unterhaltungen, wir hören mit Staunen, daß sie sogar dem Vergnügen der Jagd gehuldigt haben, obwohl unsere Ahnen doch eigentlich mehr zu den Gejagten als zu den Jagenden ivührend des Mittelalters gehören. Streitbare Juden treten vor uns auf in Wehr und Waffen, die Turniere veranstalten, die sich an ritterlichen Spielen betheiligen, die Sport treiben und Pferdeliebhaber sind. Dann treten wir in das fromme jüdische Haus ein, das von diesen Spielen und Lustbarkeiten ja wenig weiß, das vielmehr geweiht ist durch Zucht und Sitte, durch Liebe und Frieden. Wir nehmen Theil an den Freuden und Leiden der Väter, an ihren Festen, an ihrer Sabbathruhe, wir lernen das jüdische Interieur des Mittelalters kennen. Was Viele bisher kaum geahnt haben, ist nun zur Gewißheit geworden. Auch unsere Altvorderen haben es verstanden, sich ihres Lebens zu freuen, solange sie nicht von außen bedrängt worden sind. Am meisten machte sich die Freude bei einer Hochzeit geltend. Die Verlobungs- und Hochzeitsgebräuche sind von ganz besonderem Interesse. Dann erfahren wir von den Spielleuten, die zum Tanz begleiten, wie denn überhaupt die Musik auch in jenen trüben Tagen der treue Begleiter der Juden gewesen ist. Aber nicht allein hebräische Gesänge, sondern auch Lieder in der Landessprache waren bei ihnen beliebt. Eine der werthvollsten Konsequenzen seiner Forschungen ist der Nachweis Berliners, daß die deutschen Juden im Mittelalter auch an den allgemeinen Kulturbestrebungen Antheil genommen haben. Auch sie sangen ihr Volkslied nach deutscher Weise, auch sie hatten ihre Fahrenden, ihre Schalksnarren, sogar ihre Spielweiber, die überall herumreisten, um in ihrer Weise auf Hochzeiten zu ergötzen und die Lachlust anzureizen. Berliner behandelt übrigens, wie mir scheinen will, dieses leichte Völkchen gar zu streng. Man muß ihnen, ohne ihre Fehler zu verschweigen, doch Gerechtigkeit widerfahren lassen und die Zeit, das Milieu und die besonderen Verhältnisse in Erwägung ziehen, unter denen sie ihr ebenso lustiges wie ärmliches Dasein führten. Von besonderem Interesse wird für alle Damen die Schilderung der jüdischen Tafel sein. Die Speisekarte der Juden im Mittelalter zeigt viele Verschiedenheiten gegen die der nichtjüdischen Umgebung auf, die aber wohl meist auf religionsgesetzliche Vorschriften zurückzuführen sind. Auch in der Kleidung zeigen sich manche Differenzen gegen die der Christen, doch berechtigen diese Abweichungen durchaus nicht, die Existenz einer spezifisch-jüdischen Tracht anzunehmeu, wie dies wohl häufig geschehen ist. Dagegen werden wieder die Männer sich von dem Verfaffer sehr gern über die Beschäftigungen der deutschen Juden im Mittelalter unterrichten lassen. Sie werden dabei Gelegenheit haben, mannigfache Jrrthümer zu berichtigen. Die Juden waren nicht so reich, wie man glaubt. Sie haben auch nicht ausschließlich dem Studium des Talmud obgelegen, wie mau anzunehmen pflegt, noch weniger aber waren sie so große Wucherer, wie die Antisemiten uns glauben machen möchten. Diese haben freilich ihre eigene Art, Kulturgeschichte zu treiben und werden sich auch durch die zuverlässigste Forschung nicht belehren lassen. Sie sind eben nicht zu belehren. Ein großes und sehr werthvolles Kapitel widmet Berliner dem Aberglauben, der ja bekanntlich eines der wichtigsten Elemente in der Kulturgeschichte ist. Nichts nehmen die Menschen leichter von einander an, sagt Lazarus in einer ausgezeichneten Rede, als den Aberglauben, welcher am frühesten und sichersten auch die konfessionellen Thore sprengt. So erfahreil wir denn, daß auch unsere Väter dem Aberglauben in all seinen Verirrungen vielfach sich ergeben haben, und zahlreiche Spuren dieses Aberglaubens sind sogar noch heute in unserem Leben zu finden. Vielleicht das interessanteste Kapitel ist aber das über der, Verkehr zwischen Juden und Christen. Auch hier werden viele Jrrthümer berichtigt werden. Erst in der zweiten Hälfte des Mittelalters beginnen die Leiden und Verfolgungen, die jeden freundschaftlichen Verkehr hemmten und die Juden auf ihr Haus und ihre Shnagoge beschränkten. Aber der geistige Verkehr war a»lch selbst in dieser trüben Zeit nicht ganz unterbunden, und die jüdisch-deutsche Volkslitteratur ist ein beredtes Zeugniß für die geistige Verbindung, die die Juden trotz aller Hemmnisse festgehalteil haben. Mit der Schilderung dieser Volkslitteratur schließt Berliner sein ebenso anregendes ivie lverthvolles Buch ab. Es sind freilich nur einzelne Fädeil hier genannt, di« das bunte Gervebe der Kulturarbeit unserer Väter und Ahnen während des Mittelalters durchziehen. Sie kamen alle gleichzeitig, sich in einander tausendfältig verschlingend, von der Spindel auf den Webstuhl; aber das Bild in dieser Beivegung zu fassen, ist die Kunst des Historikers. Diese Kunst hat Berliner in seiner Schrift in vortrefflicher Weise bewährt. Jeder Leser wird mit hohem sGenuß die einzelnen Fäden einen um deil anderen verfolgen und sich immer wieder das große Ganze vergegenwärtigen; zum Schluß wird er dann sicher so wie wir mit innigem Danke von dem Autor und seinem Buche scheideil. 6. K.

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