Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- Seite 186 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Standpunkt des Judenthums." Noch in einem „Editorial" der letzten Nnnnner des „Jsraelite", eillem der letzten Worte, das aus seiner Feder geflossen ist, sagt er: „Ein alter Rabbi wurde einmal gefragt: Steht auch Amerika im Talmud? und er erwiderte: Wenn Amerika nicht im Talmud steht, giebt es kein Amerika." Stellt man an einen heutigen Gelehrten eine Frage, erwiderte er mit einem Hinweise auf Kuenen, Wellhausen, Schürer u. s. w. Ter Unterschied ist: der Rabbiner der alten Schule kannte nichts außer dem Talmud. Der moderne Gelehrte ignorirt alles, was die alten Autoren sagen." Dieser rein biblische Standpunkt, der mit dem karaitischen auch noch das gemein hat, daß Wise in der Thora nur eine Erweiterung der Zehngebote sieht, war erst mit der Zeit gereift. In einer Kontroverse, die er mit dem New-Horker Prediger Raphall in Charleston hielt, wollte er das biblische Wunder nicht anerkennen, und bei einer Rabbinerversammlung in Cleveland im Jahre 1855 ließ er sich dazu herbei, eine Prinzipiellerklärung zu unterzeichneil, die im Talmud die korrekte Fortentwickelullg des Jndenthums anerkannte. Wie mir später sagte, that er das, 11m Jsaac Leeser und die Kouservativen zur Mitloirkuug cm dem Aufball eines jüdischen Gemeindeverbculdes zu gelvinnerl. Damals griff Eillhorn mit seiner elementaren Heftigkeit uitb iit seinem Lessingff'chell Stile ihn als Konservativen an. Jnl Jahre 1869 bei der Rabbinerkonferenz in Philadelphia wurde Wise wieder als Radikaler verschrien, weil er den Alltrag stellte, Proselyten ohne Beschneidung in das Judenthunl aufznnehmen. Der heftige Uliwille, der sich auch irr seiner Gemeinde gegen diesen Antrag erhob, veranlaßte ihll zum Eintellken. Er desavouirte sich selber, nahm aber merkwürdigerweise denselben Alltrag im Jahre 1892 wieder auf rlnd fetzte seirie Aliuahme durch. Der Sturnl war jetzt viel schwächer, aber populär wurde der Beschluß nicht, sondern blieb, was der Talmud xrHPET nennt. Ein anderer heftiger Kampf entbrallnte, als Wise im Jahre 1872 den Rabbiner voll Cleveland, Mayer, in Schutz nahm, als dieser die Nothlvendigkeit des Glailbeus all einen persönlichen Gott in Abrede stellte. Die ErbitterlNlg der Gegller führte zur Eruirung der Thatsaehe, daß Mayer in England getauft und Judennlissiollär gewesen sei. Wise that alles Mögliche, um Mayer reinzllwascheil. delln seillen Freunden war er ein Freulld bis zur Selbstverleugnung, lllld wenn er auch allderseits feinen Feinderl ein entschlossener Gegller war, so llluß denil auch wieder ottevfannt loerdell, daß er jederzeit bereit war, die Hand zlllll Frieden zu bieten. Endlich gelang es ihlll im Jahre 1873 seillen Lieblingslvllllsch ailszuführell lllld einen aillerikarlischen Gemeindebund, Inion uf American Hebrew Uongregations, ins Leben zu rufen, der zwei Jahre später das erste amerikanische Rabbinerseminar, das Hebrew Union Uollege in Cillcimlati, begründete. Leider sollte er die Feier des 25jährigen Bestehells llicht mehr erlebeil. Leider! Teml alle Ehre gebührt ihlll. Es war der Zallber seilles Namens, der einen schlichter!, begüterten, aber durchaus llicht reichen Malln. Hellry Adler, den Bruder des Chieagoer Rabbiners Lieblllanll Adler, bewog, die erste größere Spende von lonon Dollars ihlll zu Übergebell. Es hat in größeren Städten, in New-'York lllld Philadelphia, an Bersuchen zur Gründung einer rabbillischeu Lehranstalt nicht gefehlt. Müllner von hervorragender wissenschaftlicher Bedeutullg wie Samuel Hirsch, der jüdische Hegelialler, David Einhorn, der geistesmächtige Schriftsteller, Samuel Adler, ein hervorragender Gelehrter, der, weil er wenig in die Oeffentlichkeit trat, nicht genügend gewürdigt wurde, und wohl noch Andere haben die absolute Nothlvendigkeit der Errichtung einer rabbirrischen Lehrallstalt erkanllt, aber ausgeführt hat sie Jsaac M. Wise, weil nur er die unbezwingliche Energie und das adnliilistrative Geschick besaß, das dazu nöthig war. Sein siebzigster Geburtstag, der Gelegenheit zu ben großartigstell Ovationen gab, ermöglichte endlich die oft versuchte ulld ebenso oft gescheiterte Organisation eines Rabbinerverbandes, der 1889 unter den: Nanlen Central Conference of American Rabbis ins Leben trat und seither alljährlich zu einer Generalversammlung zusammenberufen wurde. Ueber seine Thätigkeit habe ich wiederholt in den letzten Jahren berichtet. Im Gegensätze zu den allgemeinen amerikanischen Verhältnissen, welche den Mann, der über die Blüthe des Mannesalters hinaus ist, zmn alten Eisen werfen, war es Jsaac M. Wise gegönnt, bis zum Schluffe seines Lebens in voller Aktivität zu bleiben. Am 24. März predigte er über den religiösen Begriff des Segens im Anschluß an das Wort der Paraschah, Lev. 10,22. Am Nachmittage gillg er ins College llnd hielt dort seinen Vortrag. Am Schlüsse desselben fühlte er sich unwohl und lnußte nach Hause gebracht werden. Ein Schlagallfall gesellte sich dazu. Am Montag, den 26. März, Morgens, verlor er das Bewußtsein und um 6 Uhr Abends schlummerte er sanft ohne Todeskampf hinüber. Er war zweimal verheirathet gewesen, in erster Ehe mit Therese Bloch aus Grafenried; in zweiter Ehe seit 1876 mit Selma Bondi, der Tochter des Gelehrten und Schriftstellers Jonas Bondi, die ihn überlebt. Seiner ersten Ehe entsprossen acht Kinder, die ihn überleben. Aus zweiter Ehe hatte er Vier- Kinder, von denen das älteste, ein blühend schönes Mädchen, kurz nach seinem achtzigsten Geburtstage einem tückischen Leiden erlag. Dieser Schicksalsschlag vermochte ebensowenig als eine andere Widerwärtigkeit ihll zll beugen oder in seiner Thätigkeit zu hemmen. Seine Willerrsstärke hatte überhaupt etwas Heldenhaftes. In seinen jungen Jahrell soll er etwas über Mittelgröße gewesen sein. Seit ich ihn kannte, litt er an Steifheit des linken Beines, die sich mit den Jahren immer verschliulmerte. Sah mall ihn aber auf der Kanzel, wo nur der Oberkörper sichtbar war, so glallbte man einen Sechziger vor sich zu haben. Äußerfeinen langen Haaren, die allerdings sehr dünrl waren, hatte er weder in Haltung noch in Kleidung etwas Pastorales. Trotz des shock, den der kirchlich gesinnte Amerikaner vor dem Bier ulld dem saloon hat, ging er gern mit Freunden in eine Bier- oder Weinstube, rauchte und benahm sich sonst mit voller Ungezlvungenheit. Jedermann hatte zu ihm Zutritt. Es gab bei ihm weder eine Sprechstunde noch eine Meldung. Traf man ihn beim Schreibtische und sagte: „Ich will nicht stören", erwiderte er: „Ich arbeite nur, wenn ich nichts zu thun habe." Er lvar auch jederzeit willens zu helfen. Eine Fehlbitte that inan bei ihnl nie, ob es sich jetzt um eine Unterstützung oder um Propaganda für ein Buch oder ein wohlthätiges Werk oder mn eine Empfehlung zu einer Rabbinerstelle handelte. Köstlich und unversieglich war sein Humor. Beim Gehen ill den letzten Jahren sehr unbeweglich, Pflegte er zu sagen' „Meine Füße wären schon ganz gut; ich habe sie nur zu lange getragen." Als anläßlich seines achtzigsten Geburtstages seine Gemeillde dem Bildhauer Moses Ezekiel die Arlfertigung einer