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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-20 · Heft 16 (20.4.1900) · p. Seite 185

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 16 (20.4.1900)
Date
1900-04-20
Page
Seite 185 (sequence 7)
Language
German
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185 welche die amerikanischen Verhältnisse bieten, itnb Wise wiederum die solide deutsche Schulbildung nicht besaß, welche Philippson zugute kam, so kann man doch Wise den amerikanschen Philippson nennen. Noch eins muß Wise uachgesagt werden, was zu seinem Erfolge wesentlich beitrug, eine grenzenlose Herzensgute und eine bei Predigern und zumal bei einem self-made man staunenswerthe Abwesenheit jeder Pose. Diese Geistes- und Herzenseigenschaften, verbunden mit einer wetterfesten Gesundheit, die dem 81jährigen Greise gestattete, bei jedem Wetter auszugehen, sein Gehör, sein Augenlicht und die ziemlich sichere Hand die er sich bis ans Ende bewahrte, sind die Grundlage gewesen, auf welcher sich sein phänomenaler Erfolg aufbaute. Das Biographische über ben Dahingeschiedenen habe ich anläßlich der Feier seines achtzigsten Geburtstages in Nummer 16 des vorigen Jahres gegeben. Ich will nur kurz resumiren, daß Isaak Meyer Weiß am 29. Mürz 1819 in dem böhmischen Dorfe Steingrub, Bezirk Eger, das nach dein leisten Census 534 Einwohner zählt, als Sohn des dortigen Lehrers geboren wurde. Nach einer an Entbehrungen reichen Jugend, während deren er als Hauslehrer mühsam fein Brod verdienen mußte, wurde er 1843 als Lehrer und Prediger in Naduitz angestellt. Sein rastloses Streben fand in dem Metternichsichen Oesterreich keine Befriedigung, und so entschloß er sich im Jahre 1846 mit seiner Frau, Therese Bloch, Tochter eines „Randars" in dem böhmischen Dorfe Grafenried, bei dem er Hauslehrer gewesen lvar und einem Kinde nach Amerika auszuwandern. Im Juli 1846 kam er in New-4)ork an und wurde bald darauf in Albany, der Hauptstadt des Staates New-?)ork, als Rabbiner gewählt. Wenn man — und ich bin dazu geneigt — den im „Jeschurun" veröffentlichten Korrespondenzen seines Gegners, des .damaligen Rabbiners voll Syraeuse, N.?)., Jllowy, Glauben schenken darf, war Wise damals noch so orthodox, daß er jeden Morgen nach dem Gottesdienste einen Abschnitt aus der Mischna in der Synagoge las. Auf alle Fülle emanzipirte er sich bald unb trat im Jahre 1850 in Charleston, Süd-Karolina, mit einem liberalen Programm vor die Genreinde, die ihn zu ihrem Rabbiner wählte. Charleston war die erste Reformgemeinde Amerikas und hat auch sonst eine interessante Geschichte. Als nämlich der englische Philautrop Lord Oglethorpe im Jahre 1733 die Kolonie Georgia schuf um entlasseneneu Sträflingen eine neue Heim.ath zu gründen, wollten auch Londoner Sephardim die Gelegenheit zu einer neuen Niederlassung benutzen. Als sie sich aber tu der Hafenstadt Savannah hättslich eingerichtet hatten, wurde ihtten bedeutet, daß das Selbstgefühl der Herrn Spitzbuben durch eine solche Nachbarschaft so tödtlich verletzt werden müsse, daß man ihre Besserung gar nicht erwarten kötmte. Die Einwanderer lvandten sich daher nach dem nahe gelegenen Charleston. Dort fand die in England 1841 allgebahnte Reformbewegung lebhaften Widerhall und unter entschlossenem Protest einer Minorität lvurden lteben Orgelspiel noch andere kühne Neuerungen, wie z. B. das Vorlesen des „Alenu" in englischer Sprache eingeführt. Wise schien null der richtige Mann für die konsequente Durchführung dieses Programmes zu sein. Er lehnte aber die Wahl ab und blieb tu Albany, wo er für seine Ideen ein günstigeres Feld zu findell gedachte. Der sollst so richtig urtheileude Mann hatte sich aber verrechnet. Seine Reformpredigt erregte einen solchen Sturm, daß es am erstell Neujahrstage zu Handgreiflichkeiten in der Synagoge kam und die Polizei einschreiten mußte. Wise wurde gewaltsam voll der Kanzel entfernt. Am zweiten Neujahrstage hielt er Gottesdietlst ill seinem Hause ab. Das kleilte Hüufleill der ihlll treu gebliebenen Allhänger wuchs stetig, und bintlen Kurzem gelang es ihm, eine neue Gemeinde zu gründen, lvelche die alte bald vollständig absorbirte. Im Jahre 1854 wurde er all die Gemeinde Bene Jeschurun irr Cicinnati berufen, und hier lvar es, wo sich ihlll das erwünschte Arbeitsfeld bot. Schon in Albany hatte er als Schriftsteller sich versucht ulld nebelt einigen Artikeln für Jsaar Leeser's „Oecident" auch eilte jüdische Geschichte geschrieben. In Ciltcinllati begann er im Juli 1854 die Herausgabe der englischen Wochenschrift „The American Praelile“, der eilt Jahrspäter die deutsche Wochenschrift „Die Deborah" folgte. Die letztere lvar die eiltzige in deutscher Sprache geschriebette jüdische Zeitschrift Aulerikas. Sie wird wohl ihrell Begründer itnb Redakteur nicht tätige überleben. Ter „Jsraelite" ist heilte noch, obwohl jede bedeutendere Stadt Allterikas ein jüdisches Lokalblatt hat, die eillflllßreichste jüdische Zeitllllg des Landes, detln Jsaae M. Wise verstatld wie kein zweiter ben Pulsschlag seiner Zeit. Seine Zeitung war das Organ des amerikanischen Judellthllllls. Sie lvurde der Jllterpret derjelligen Einwallderer, die Jlldetl bleibell und amerikanische Staatsbürger werdet: wollten. Ihr Priltzip lvar dentgemäß Reforttt au) religiösettt Gebiete. Was nicht amerikatlisch lvar, sollte fallet:. Zuttächsk war die Trennung der Geschlechter ill der Synagoge diesent Prinzip int Wege. Das Gebetbttch utußte ebenfalls alles Palästinensische fallen lassen. Die Wiederaufrichtung des palüstinetlsischen Staates, die Wiedereinführttlig des Opferdienstes ulld die leibliche Auferstehung der Todten wurden aus der Liturgie etiillillirt. Orgel tnld Mädchenchor lvaren die nächsten Schritte zur Alllerikallisirtlllg der Syttagoge. Aufgebell des Tätlich Ulld des eigentlich ja erst dltrch die Reforttt angeführten Talars folgten. Voll ben zahlreichen amerikanischen Gebetbüchern, lvelche diesen seit Begrülldllllg des Hamburger Tempels und zum Theile scholl seit Israel Jakobsohn attfgekommenen Ideen Allsdruck gabelt, ist Wise's Millhag Amerika das populärste gewordetl. Es war keine geringe Selbstverleugnttng des Autors, daß er, ltm die Einheitlichkeit des amerikanischen Gottesdienstes zu stärken, seilt Gebetbttch ztt ©mifteu des von der Rabbiuerversammlung 1805 herausgegebenett Union?l'avorbooll znrückzog. Dennoch blieb seilt Buch so populär, daß seilte Gemeittde für den Seelellgoltesdiettst am Versöhnultgstage der detüschen Liturgie des Millhag Amerika vor der ettglischen des Union Prayeibook den Vorzug gab. Allch sonst hat Wise sich als Schriftsteller einen Namen gemacht. Seilte diesbezügliche Thätigkeit will ich jedoch eitlem besonderett Artikel über Wise als Theologert itnb Schriftsteller vorbehaltett. Hier sei mtr benterkt, daß er ill jeinem letztet: größere!: Werke, den: Pronao^, eitler Einleitung in die heilige Schrift, ganz atlf die traditionelle Schriftauffassung zurückkaut. Der gattze Petttateuch ist ihn: das Werk Moses, Kohetet und Hoheslied sind die Werke Salomos, und das letztere eilte Allegorie des Verhältnisses zwischetl Gott und Israel. Er nahm es ein wenig krumm, als ich vor eilligen Jahren seilte Schriftauffassung eine „biuristische" nannte, ltnd mit dem ihm eigenen Feuer sagte er in einer meisterhaften Allsprache au die Stlldetlten des College: „Die Bibel muß utlsere heilige Schrift bleiben.! Das ist kein biuristischer Standpunkt, sondern einfach der

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