Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- Seite 184 (sequence 6)
- Language
- German
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184 derartigen S a in m lnngen für die Verteidigung des C a - pitainZ Dreysus stattgefunden haben und die ganze Geschichte mit dem angeblichen Shndicat auf einer böswilligen Erfindung beruhe, da es ein solches Drehsussyndicat gar nicht gegeben habe. £ Im »t t e b e r o ft e rrei chis ch en Landtag gab der Statthalter Graf Kielmannsegg über die Beschuldigung des Ritualmordes auf eine Interpellation liberaler Abgeordneten folgende Erklärung ab: „Die Abgeordnete»» Dr. Ofner und Genossen haben unter de»n Hinweis auf die sogenannten Blutbeschuldigungen gegen die Inden an »»»ich die Anfrage gerichtet, ob die Negierung geneigt sei, g"egei» diese gemeinfchädlichen Verhetzu»»gen »»»it E»»ergie Vorzugehe»» n»»d insbesondere deren Urheber auf das Schärfste z»» beaufsichtigen. Ich habe die Ehre, diese Interpellation »»achstehe»»d zu beant»vortei»: Die sogenannte Blntbeschuldignng, das heißt die Besch»»ldigung, daß der rituelle Christenrnord durch die Satzunge»» des jüdischen Neligionsbekenntnisses oder durch talinudisch-rabbi»»ische Schriftei» empfohlen oder gebilligt sei. ist von den berufe»»sten christlichen Kennern dieser Litteratur sorvie von de»» obersten Autoritäten der römisch-katholischen Kirche als grundlos bezeichnet worden (Abgeordneter Schneider: Geger» Bezahlung!), so daß die Regierung die Verbreitung dieser Beschuldigung um so tiefer bedauern »nutz, als sie deren Gefährlichkeit für das friedliche Zusanunenleben der Bevölkerung nicht verkennen kann. Die Negierung »nutz aber gleichzeitig ihrer Ueberzeugung Ausdruck gebe»», daß die Bekä»»»pfnng und die Ansrott»»»»g derartiger autoritativ »vidersprochener Norstell»»uge»» vorwiegend auf dem Wege fortschreitender Ansklär»»ng und ihrer Verbreitung in der Bevölker»n»g »nöglich ist. (Abgeordneter Schneider: Polua. Ko»»itz und Wil»»a klären aus!) Insofern die J»»terpellanten darauf Hinweisen, daß die Beschnldigungen i»» böswilliger Absicht zürn Zlvecke der Aufreizung gegen die A»»gehörigen eines gesetzlich anerkannte»» Neligiol»sbeke»»nt»»isses vorgebracht »verden. »nutz ich bemerke»», daß die Regieru»»g nicht säumen »oird. diesfalls die bestehende»» strafrechtlichen Bestirnmungen in jede»»» ei»»zel»»en ihr zur Keu»»tniß gelangenden Falle auf das Nachdrücklichste durch die hierzu berufenen Organe zur Anwendung bringe»» z»» lassen. (Abgeordneter Schneider: Polna!). Wenn schließlich h» der Interpellation der W»»»»sch nach besondere»» Präventivmatznahnien polizeilicher Natur ausgesprochen wird, so ist hervorz»»hebeu, daß »»ach der Natur der iu Betracht ko»i»»ne»»deu Delikte, »velche in der Regel durch Rede oder Schrift begangen »verde»», im Nahmen unserer verfassungsmäßig gewährleisteten Jnstitutione»» einer Präventivthätigkeit der Polizeibehörde i»» diesen» Belange ganz beftinnute gesetzliche Grenzen gezoger» find. (M»»rren rechts.)" Die Klerikalen i»»»d Antisemiten haben gelnurrt. Sie sind mit den» Statthalter nicht zufrieden. Aber das schadet weiter nichts. Wir »vünschen nur, daß sie noch öfter murren »nächten. £ Das Ende eines jüdischen Antisemiten, des von uns bereits wiederholt gekennzeichneten Herrn Gaston Pollonais, »oird in de»» Pariser Berichten deutscher Blätter drastisch geschildert. Sein Leibblatt, der „Soir", ist nämlich in liberalen Besitz übergegangen. Dazu schreibt n»an »»»»»»: „Was der „Soir" unter der Leitu»»g des jüdische»» A»»tise»»»ite»» Pollounais ge»vesen ist. das braucht hier nicht »nieder gesagt z»i »verden. Es ist allzu beka»»»»t. Kein anderes »»atio»»alistisches Blatt, selbst „Petit Journal", selbst „Echo de Paris", selbst „Libre Parole" nicht, »var während des Dre»)fns-Ha»»dels so schauerlich verlogen, so giftig verleulnderisch. so »nordgierig »vie der „Soir". genauer »vie Gaston Pollounais. der die schriftstellerische»» Bauditeuthaten imn»er selbst begi»»g u»»d sie mit eiser»»er Stirn voll »»»»terzeich»»ete. Seit de»»» Urtheil von Ne»»ues verstaute die Spannung der Leser, die ai»tise»»»itischen Hetzereien Gaston Pollonnais hatten keinen Reiz »»»ehr, und das Publiku»n verlor die Lust. 15 Ce»»ti»nes für ein Gericht z»» bezahle»», das „Libre Parole" und „Jntransigeant" ebenso schmackhaft für 5 Centimes liefern. Es ist rvahr, daß »»»»släthige Beschirnpfungen der Jude»» vor» eine»»» Juden ettvas pikanter sind als von einem Arier, aber eine Vertheuerung der Waare um das Dreifache rechtfertigte dieser Vorzug doch »»icht. „Soir" gi»»g iinmer mehr zurück und »var in Gefahr, zu versch»vi»»dei». Sein Eigenthi'nner »var unter diesen Verhältnissen sehr froh, in der Person des Herrn Alfred Edwards einen Käufer für das Blatt z»» fi»»dei». Am Tage des Ankaufs der Zeitung »varf Herr Edivards Gasto»» Pollounais zur Thür hi»»a»»s und zeigte in» „Soir" den Besitzrvechsel in einer kurzen Mittheilu»»g a»», die kühl erklärte: „Wir häute»» uns. U»»d vor alle»» Dinge»»: »vir desinfiziren dieses alte Hans, »vir desinfizirer» es tüchtig, damit es »»eue Be»voh»»er anfnehmen kann." Isaac M. Mise und das amcrikanische Iudenthum. 29. März 1819 bis 26. Mürz 1900. Non Professor Dr. G. Deutsch. m 29. v. M., an seinem 81. Geburtstage, ist der einflußreichste und bekannteste Mann des amerikanischen Judenthums zu Grabe getragen worden. Welch' reiches Leben liegt zwischen dem 29. März 1819 und dem 29. März 1900! Welch ungeheurer Unterschied zwischen der dürftigen Lehrerswohnung in dem armseligen böhmischen Dorfe, wo die Wiege des großen Mannes gestanden, und dem prachtvollen mit vergoldeten Arabesken geschmückten Tempel, in welchem sein Sarg ausgestellt war! Ein Unterschied symbolisch dargestellt in dem Unterschiede zwischen dem Oellämpchen, welches die Stuben der böhmischen Dorfjudengasse erleuchtete und dem elektrischen Lichte, das über seinem Sarge erstrahlte. Gepriesen auf der einen Seite als der Moses des amerikanischen Israel, verwünscht auf der anderen als ein Acher und Laban, stand er ohne Zweifel im Vordergründe des jüdischen Lebens auf der westlichen Hemisphäre. Seit viernndfünfzig Jahren als Prediger, Vorleser, Schriftsteller, Journalist und Lehrer unermüdlich thütig, hat er einen so weitreichenden Einfluß geübt, wie sich dessen kein zweiter Rabbiner des neunzehnten Jahrhunderts rühmen kann. Zwei Tage vor seinem Tode hat er gepredigt und unterrichtet, und am Tage seiner Beerdigung erschienen die von ihm herausgegebenen Zeitungen mit seinen eigenhändig geschriebenen Artikeln. Ganz merkwürdigerweise spricht er in der „Deborah" von zwei älteren Rabbi,lern, die ihn kürzlich besuchten und wünscht ihnen lff? ,12. Er interessirt sich für die neuesten Zeitungsnachrichten, bespricht im „American Israelile“ die kürzlich in diesem Blatte enthaltene Schilderung der jüdischen Gewerbeschule in Straßbnrg, knüpft an die Zeitungsmeldnng von der Einführung der Dampfichifffahrt auf dem tobten Meere die Scherzfrage, ob ein Kohen das tobte Meer befahren dürfe, da nach der Sage das Gehinnom darunter sei, und schenkt den politischen Neuigkeiten, besonders der die jüdischen Kreise mehr als sonst interessirende» Mayorswahl seine Aufmerksamkeit. Sein Ende erinnert an das von Ludwig Philippson, der ebenfalls noch für die nach seinem Tode erschienene Nummer seiner Zeitung Artikel geschrieben hatte. Auch sonst haben Beide viel Gemeinsames. Sie haben das organisatorische Geschick, die Erkenntuiß des Bedürfnisses ihrer Zeit, die unermüdliche Ausdauer und den nicht zu besiegenden Optimismus miteinander gemein. Soviel auch sonst an Unterschieden gefunden werden kann, da Philippson die freie Bewegung fehlte,