Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- Seite 183 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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183 Me Woche. t Berlin, 16. April. or einiger Zeit machte durch die pädagogischen Zeitschriften ein Aufsatz des früheren Kultusministers Dr. Bosse die Runde, der zuerst in der Berliner Monatsschrift „Die deutsche Schule", Heft II, Jahrgang 4 unter dem Titel: „Stimmen zum Schulprogramm des 20. Jahrhunderts" erschien. Die in aphoristischer Weise dargelegten Anschauungen brauchen hier wohl keinen Platz zu finden, nur der Schluß, der folgendermaßen lautet, möge hier registrirt werden: „Und möge alle Schularbeit im neuen Jahrhundert tiefgewurzelt bleiben in der alten Wahrheit: Keine rechte Bildung ohne Christeuthum und kein rechtes Christenthum ohne Bildung! Alles ist euer, ihr aber seid Christi! Denn da — und da allein liegen die tiefsten Wurzeln unserer Kraft." Dieser Standpunkt soll also der Kultur des 20. Jahrhunderts ihr Gepräge verleihen. Wir wähnten immer, daß der starre Konfessionalismus, die einseitige Ausbildung deS Gemüthes und des Verstandes schlimme Folgen, unberechenbare Schäden für den Einzelmenschen wie für die Gesammtmenschheit nach sich ziehe und daß das kulturhistorisch zur Genüge nachgewiesen werden könne, und jetzt wird uns von dem früheren Vertreter des Ministeriums des Geistes bedeutet, daß nur eine bestimmte Konfession zur wahren Bildung führt. Der Verfasser verschweigt die Definition des Begriffes Christenthum. Wir wissen nicht, ob darunter das katholische, evangelische, lutherische, reformirte Christenthum oder das des Protestantenvereins zu verstehen ist. Vielleicht denkt der Verfasser weniger an die christliche Religion, um mit Lessing zu unterscheiden, als an die Religion Christi, die in der jüdischen Religion „tiefgewurzelt" ist, der jüdischen Religion, die mit ihrer erhabenen Ethik alle Völker des Alterthums überdauert hat und viele moderne überdauern wird. Die jüdische Ethik kulminirt in der altjüdischen Auffassung: Die Frommen aller Völker haben Antheil an: ewigen Leben. * In der Konitzer Mordaffäre hat das Ergebniß der bisherigen zahlreichen Vernehmungen, welche fortgesetzt täglich stattfinden, die Behörde zu einem Einschreiten gegen die namentlich in der antisemitischen Presse verdächtigten Personen nicht veranlassen können, weil eben nichts gegen dieselben vorliegt; daß dadurch aber möglicher Weise die Spur des Mörders verloren geht, ist nur auf Rechnung dieser Hetze zu setzen. Wnrden doch von antisemitischer Seite gleich ein Vierteldutzend angeblich für die dortigen Juden belastender Aeußerungen, die sich auf den unglücklichen Mord beziehen sollen, verbreitet. Zunächst sollte ein gewisser Selig Sander, der Jude ist, die Behauptung aufgestellt haben, daß es tu der That Ritualmorde gäbe. Sander, hierüber vernommen, bestreitet auf das Allerentschiedenste, je eine derartige Angabe gemacht zu haben uub bemüht sich nunmehr, die Rechtsform zu finden, um die Verbreiter jenes Gerüchtes gerichtlich belangen zu können. Daß man auch bei Kantoren und Schächtern Haussuchung gehalten hat, ist bereits in den Tageblättern gemeldet worden. Inzwischen gehen die antisemitischen Hetzereien weiter. In Tuchel haben antisemitische Ausschreitungen stattgefunden. In Geschäftshäusern und in der Synagoge wurden Fenster eingeworfen, auch fand man an verschiedenen Stellen geschriebene Plakate, welche die Juden der „Blutschuld" in Könitz beschuldigten. Auch in Baldenburg untibeit die Fenster der Synagoge zertrünnnert. Die Schaufenster der Kaufleute Blumenthal und Friedländer wurden durchschossen und mit Steinen eiugewvrfeu. Dein Händler Viktor Arndt wurde das Schaufenster eingeschlagerr und des Nachts die Fensterläden krebst Thüren zertrünnnert. Die Polizeiverwaltnng hat zur Aufrechterhaltung der Ordnung Wachtmannschaften des Nachts aushilfsweise eingestellt. * ,Sehr interessant ist für uns der Wahlkampf in Ostfriesland. Dort bemühen sich der nationalliberale uub der freisinnige Kandidat um die jüdischen Stimmen. Ter erstere wies in einer Wählerversammlung auf das Unoereinbare der Judenhetze mit dem Liberalismus und der Verfassung überzeugend hin, „hielt aber auch den Israeliten freimüthig die Unklngheit vor, deren sie sich bei ihrem steten Bekämpfen der nationalliberalen Sache im Wahlkreise schuldig gemacht hätten, indem sie den Antisemiten nur Wasser auf die Mühle trügen und sich bei beit Wahlen immer wieder in der Mehrzahl mißliebig machten, mit der sie zusammeuwohnten und Geschäfte machten." Dagegen bestritt der freisinnige Kandidat dem nationalliberalen entschieden das Recht, die Inden für seine Partei zu reklamiren; „dieselben seien unzertrennbar mit seiner Partei, die stets mannhaft für die verfolgte Unschuld der Juden eingetreten sei." * Wieder einmal wurde eine antisemitische Lüge aufgedeckt und gebrandmarkt, die nämlich, daß unter den deutschen Inden Sa m ml u n ge n fü r den D r ey f u s- P roz e ß veranstaltet worden seien. Man schreibt uns darüber ans München: Im hiesigen „Deutschen Volksblatte" war vor längerer Zeit die Behauptung aufgestellt worden, daß die deutschen Juden und zwar insbesondere in Bayern und München Sammlungen für den Dreyfusp r oz e ß bethätigt hätten, und die Anfrage an den hiesigen Zweigverein der uNiuneo israelile universelle gestellt worden, ob derselbe den Mut habe, diese Thatsache abzuleugnen. Ans eine Berichtigung des stellvertretenden Vorsitzenden dieses Vereines, daß die aufgestellte Behauptung unwahr sei, war sowohl int Volksblatte als im Bayerischen Vaterland unter Wiederholung der Behauptung, daß derartige Sammlungen veranstaltet worden seien, dem Verfasser der Berichtigtmg, Dr. Eugen Merzbacher, der Vorlvnrf der Lüge, beziv. der bewußten Unwahrheit gemacht worden. Aus erhobene Beleidignugs klage hin haben nun die Redakteure des Deutschen Volksblattes und Bayrischen Vaterlandes. Ludlvig Wenng und Otto Sehoy. behauptet, daß die erwähnten Sammlungen in Bayern und insbesondere in München stattgefunden hätten, lvahr seien, und eine Unzahl voll Personen als Zeugen dafür benannt, die alle ans Eid vernounnen wnrden. Durch das heute verkündete Urteil des Schöffengerichtes bei dem kömgl. Amtsgericht I sind nun wegen Vergehens der öffentlich verübten Beleidigung Ludlvig Wenng zu ö0 Mark und Otto Schon zu 70 Mark Geldstrafe verurteilt ivorden und ist die Bekanntmachung der Verurteilung in einer entsprechenden Anzahl von Zeitungen angeordnet worden. Ans den mündlich verkündeten Gründen des Urteils ist hervorzuheben, daß das Gericht nicht nur nicht den Nachlveis dafür als erbracht ansah, daß die von den Angeklagten behaupteten Sammlungen in München oder in Bayern stattgefunden hätten, sondern daß n a h e z u d a s G e g e n t e i l davon er lo i e s e n sei. Damit dürfte trotz der von Wenng heute wiederholten Behauptung, daß die Sanunlnngen für Deeyfns in Bayern und insbesondere in München doch erfolgt seien, die Sache mit den Sammlungen dort, wo sie hin gehört, nach dem Urteile aller nnbefangener Menschen verwiesen seill, nämlich in das Gebiet der Fabel. Mit das Interessanteste an der Sache war übrigens, daß bei dieser Gelegenheit ein Brief des grand rabbin von Frankreich zur Erwähnung kam, wonach auch in Frankreich keine