Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1900)
- Date
- 1900-04-20
- Page
- Seite 182 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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182 ein siebenter kaum nöthig, und vielleicht bietet sich hier ein sehr einfacher Erklürungsgrnnd, warunt auch so viele Juden den Sabbath aus ihrem Kalender gestrichen haben. Jedenfalls steht dies fest: der Ruhetag ist eine soziale Nothwendigkeit füralle arbeitsamen Völker, ohne ihn nlüsfen sie geistig und körperlich verkümmern. Sabbath und Feste, in den rechten Formen, sind der mächtigste Damm gegen die soziale Roth, vor welcher die Völker bangen. Und wie schön sind da die jüdischen Formen! Vorn Abend bis zunr Abend sollt ihr eure Feste feiern; wenn ein Fest am Abend beginnt, dann ist es möglich, dasselbe mit aller Weihe itnb Feierlichkeit zu begrüßen. Ohnedies giebt der därrnnerrrde Abend, die hereinbrechende Nacht dern Gemüthe eine ernste und weiche Stimmung, daß beu festlichen Akkorden unser Herz leichter sich öffnet, und sodann 'ladet der stille Friede des Abends urrs ein zu trautem Familierrbunde, daß Diejenigen, die durch das Blut zrrsarrunerrgehöreu, sich fester zusammenschließen. Diese Kraft muß wohl in hohem Grade den Festen und dein Sabbath innewohnen, daß heutzutage gar -viele Familien noch derr Freitag Aberrd ehren, denerr der Sabbath verloren gegangen ist. Sodann aber gehören diese geweihten Tage rrach dem kurzen und kerrrigeu Spruche der Alterr zur Hälfte Gott, zrrr Hälfte urrs; wir sollen uns freuen vor dern Herrn in feinem Hause, aber auch die Geselligkeit, der Verkehr uüt derr Genossen, Lust und Frohsinrr sollerr zu ihrem Rechte kommen, und der Midrasch sagt, nrau heilige ein Fest selbst durch Speise urrd Trank und besseres Gervand. Man spöttelt oft darüber, daß das Judenthum alles in Form und Regel bringe, aber es lohnt sich zu Prüfen, ob beim, wenn eirr Fest roirklich das ganze Volk in seinen Kreis ziehen soll, eine solche festgefügte Ordnung nicht nothrvendig sei. Wir rnacherr rricht selten die Beobachtung, daß Menschen, die in ihrer engen Berufsarbeit tüchtig sind, in die größte Verlegenheit geratheu, wenn sie einen arbeitsfreien Tag bekonrmen, sie wissen mit der Muße gar nichts allzufangen, sie fühlen das Freisein wie eine Marter und sind froh, wenn der Tag zu Ende geht; solche Leute rühmen sich wohl gar ihres Arbeitseifers; o nein, diesen fehlt das Schönste, mit Verständniß müßig zu sein; sie sind keine Menschen mehr, die in freier Selbstbestimmung, sich von der Last des Lebens erholend, die seelischen Kräfte allregen und beschäftigen, sondern Maschinen, die eine voransbemessene Leistung vollbringen. O, es ist eine große Kunst, zu ruhen lrnd doch rege zu sein, von der Arbeit zu lassen und doch sich zu beschüftigell, müßig zu sein und doch etwas zll thun. Derr: Verständigen trägt allch die Muße Nutzen und Frucht, und man braucht liicht über tiefe Probleme zu streiten — gerade bei biefen nützt das einsame Denken, das stille Sinnen mehr als der laute Disput — man kann über einfache Dinge reden, Ulld der Tüchtige wird dennoch durch die Art, wie er den Gegerlstalld behandelt, seinen Blick weiten, seinen Geist schärfen, seine Welterfahrung bereichern. Das Judenthunl aber hat alls gerechter Furcht, daß die freien Tage für Viele leere und llichtige Tage werden könnten, dafür gesorgt, daß der Familiellsinn, die religiöse Erbauung und die gesellige Freude gleichlnäßig au den Festen gepflegt lverden. Dann fiub Feste und Werktage llicht zwei Ströme, die nebeneinander herfließen, ohne daß die Flnthen sich mischen, dann besteht die innigste Wechselwirkung; ulld das Fest wirft seinen verklärenden Schein auf die Werktagszeit. Wer das Passahfest begeht nach altjüdischer Weise, wer sich lossagt vom Banne der Arbeit, wem überall im Hause die Sinnbilder des Festes entgegentreten und wer durch Beten sein Gemüth und durch Dellken feinen (Seift erbaut, den wird die Erinnerung an das Passah durchs ganze Jahr begleitell, dern wird es ein Leichtes fein, so das Fest zu begehen, daß er llach dem Schriftwort „sich erinnert des Tages des Allszuges aus Aegypten alle Tage seines Lebens." Wenll es ertaubt ist, cm das Eingangs erwähnte Gleichnis; des scheidelldell Festes und der scheidenden Sonne noch einmal anzllknüpfen, so luöchte man sagell, die Werktagszeit sollte jenen Hellen Somulernächten gleichen, in denen die Abenddämmerung kaum verloschen ist, lind scholl beginnt im Osten das Gestirn des Tages seine lenchtendell Vorboten all den Ralld der Erde hinaufzusenden. Das scheidellde Fest ruft ulls wie ein Freund, der von lllls geht, zu .- Gedenke mein, vergiß nicht die Mazoth, das armselige Brod, lllld laß dich mahnen, daß bei armseligem Brod Feste feiern und fröhlich sein kann, wer frei ist; deß gederlke und gieb dich llicht in die Knechtschaft des Wohllebells, in die Sklaverei des Genusses; es giebt goldene Ketten, die wie ein Schmuck anssehell, und sie silld dennoch eine Fessel. In überstürzender Hast bist du aus Aegyptell gezogen. Israel war trotz aller Zeichen und Wunder nicht vorbereitet alls die Erlösung. Plötzlich erschien der lichte Engel, der die Kerker öffnete und aller Noth ein Ziel setzte. Gedenke alle Tage deines Lebells, besonders rvie es Ben Soma erläutert, in den Nächten, wenn das Dasein dich umdüstert, meint es nächtig und trüb ist ill deiner Seele. Unversehens ist Israel aus Aegypten gezogen; unversehells wird auch dich der Herr hinausführen aus allem Dratlge und all dein Leid mld deine Trauer lösen. Ulld diese Mahnung für alle Tage des Jahres, wie ist sie besonders der Stunde gemäß, da all die Liebelt, deren Körper vom Tode sind vernichtet worden, uns geistig wieder ltahe treten; manche Wunde bricht wieder auf, die nur vernarbt wähnten, der frische Schmerz, der noch nicht verwunden ist, ergreift heftiger unser Gemüth; da§ scheidende Fest wie die scheidende Sonne erfüllt uns lnit Wehmnth; und die Religion giebt dieser wehmüthigeu Stimmullg einen Inhalt, indem sie die Erinnerung an die heiulgegangenen Lieben in den Gottesdienst des achten Tages ausgenommen hat. Aber nicht um uns zu erschüttern, soll dern um ltns zu trösten, läßt der jüdische Brauch diese Erinnerung am Feste in unser Gemüth eiuziehen, daß die heiteren Gedanken des Festes uns aussöhnen mit unserem Geschick. Wer kanir ermessen, wie rasch Gott die Wunden schließt, selbst die Herzenswunden, die wir mit unitatürlicher Lllst gewaltsam immer wieder aufreißell und bluten lassen! So nlöge dem: die Trauer um die Todten, welche auf so vielen Gemüthern wie eine starre Eisdecke lastet, in milde Wehmnth sich lösen; durchs Leben geleite uns die Erinnerung au das Passahfest, daß wir, lvenn es sein muß, das harte Brod der Freiheit höher achten als die Süßigkeiten ill der Knechtschaft Banden; auch in den Nächten, auch tu den Stunden, wo das Leid unser Gemüth umdüstert, sei ulls diese Erinnerung nahe llnd kullde, daß die Hilfe des Herril überraschend schnell den Frommen entgegeneilt. Daitn ist Festesschimmer auch über die Zeit der Arbeit ausgebreitet, wie das goldige Abendroth noch die Lalldschaft umsäumt, nachdem die Sonne längst niedergestiegen ist; dann ist die Mußezeit des Festes keine nlüßige gelvesen, sondern reich an Segen und Frucht.