Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-20 · Heft 16 (20.4.1900) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 16 (20.4.1900)
Date
1900-04-20
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228382--56369-3292670
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

64. Jahrgang. Nr. 16 Berlin, 20. April I960. Allgemeine eitung des Zudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner J8r* LuLroig Philippson-Konn. Verlags-Expedition: Leriin, Jerufalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Jndenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nndolf Mosse, Berlin. 3ttfyftlt. Leitartikel r Mühe und Muße. — Die Woche. — Isaac M. Wise nnd^dAs amerikanische Iudenthum. Von Professor Dr. G. Deutsch. — Zur allgemeinen Lage der Kultusbeamten. — Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter. — Das Märchen von der bösen Rabbinerin. III. Von Dr. Georg Minden. — Feuilleton: Der Lecher des Propheten. III. Von Paula Fab er. — Sprechsaal. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Thorn, Riesenburg. Stettin, Hannover, Hamburg, Detmold, Wiesbaden, Karlsruhe, Wien, Manchester, Cincinnati. — Bon Nat» und Wern. — Geschäftliche Notizen. Muhe und Muße. B. R. Berlin. 17. April. [e Sonne ist schön, wenn sie aus der Dämmerung der Nacht sich langsam emporhebt; sie ist nicht minderschön, wenn sie am Abend uiedersinkt und scheidelld noch die Landschaft in ein Meer von farbigem Licht taucht; so sind die Feste Gottes, die flamlnenden Sterne am Horizont unseres Lebens, schön, wenn sie kommen, schön, wenn sie von uns scheiden. Selbst der Frömmste empfilldet nach acht Tagen festlicher Erregung ein leises Sehnen nach der Einfachheit der Arbeitszeit und preist am Abend den Gott, der getrennt hat zwischen heiligen ulld Werktagen. Denn so will es die Ordnung des Lebens, daß Muße und Arbeit sich ablösen. Die vielgefeierten Griechen und Römer hielten Handwerk und Ackerbau für Formeu des Erlverbs, welche des freien Mannes unwürdig wären. Für den Sklaven die Arbeit, für den Freien die Muße, das war ihre Ordnung. Wie hoch und edel die Hellenen sich entfalteten, die ganze Entwickelung ihrer Kultur hat die Sklaverei zur Vorbedingung; das ist der tiefe dunkle Schatten bei dem weithin strahlenden Lichte. Dagegen erzählt uns der Talmud, daß die hervorragenden Weisen Israels vom Betrieb einfacher Handwerke ihren Erwerb gewonnen; denn ihnen schien es eine Schande, die Thora wie eine Pflugschaar zu benutzen, die Wissenschaft mitzutheilen um Sold; so adelten sie das Handwerk, illdem sie ihm sich widmeten. Es ist erstaunlich zu sehen, wie der jüdische Stamm, durch sein Schicksal gezwungen, aus der ihm von der Thora und feinen Weisen vorgezeichneten Bahn des Erwerbes gedrängt worden ist. Den Glauben, gegen den unsere Widersacher anstürmten, konnten sie nicht entwurzeln; aber ans einem Volke von Ackersleuten und Handwerkern haben sie gewaltsam ein Geschlecht von Kaufleuten gemacht; dieser Zustand, nicht aus Israels Eigenart, sondern aus der Unart und Härte unserer Feinde ist er geworden. So hoch steht dem Judenthrun die Arbeit, daß die Thora sogar vorn Paradiese uns eine andere Vorstellung lehrt, als sie gewöhnlich die Menschen vom goldenen Zeitalter hegen. Das schien der Thora kein erfreuliches Dasein, wenn der Mensch unthütig wie im Spiele seine Tage halb verträumt, darum berichtet sie: Gott setzte den Adam in den Garten Eden um ihll zu bearbeiten und um ihn zu hüten. Der Fluch, der ihn später traf, das war die harte, das wardie fruchtlose Thätigkeit; aber so unser Thuir uns nicht zur Qual wird, sei es durch Uebermaß der Anstrengung oder durch das geringe Maß des Ertrages, ist jedes rüstige Schaffen llnd Wirken an sich ein Genuß und eine Freude. Darnm war auch das Edeu, von dem die Schrift uns redet, kein Ort des Nichtsthuns, sondern nur eine Stätte, wo der Mühe der Erfolg üppig sprießte. Aber gerade dem Thätigen ist die Muße nothwendig. Wenn die heilige Schrift den Sabbath an die Schöpfung anlehnt, so ist dies nicht in dein krassen Sinne zu verstehen, daß der Erinnerung an das Ausruhen Gottes vom Schöpfnngswerke nur fünfzig Tage im Jahre sollen geweiht sein; Gott thut nicht und Gott ruht auch nicht wie die Menschen, nild darnm hat diese Auffassung auch nicht einen Schein von Berechtigung; sondern es sollte das Gesetz, daß den sechs Werktagen ein Sabbath, daß der Mühe die Muße folge, als das welterhaltende, gleichsam als das Sieget der Gottheit bezeichnet werden; es sollte angedeutet werden, daß, soweit das menschliche Leben in Frage kommt, die Schöpfung zu Grunde gehe ohne den Sabbath. und daß sonach der Sabbath die Schöpfung vollendet. Deshalb sagt die Schrift: Gott vollendete sein Werk am siebenten Tage, indem er an ihm geruht hat. Die Arbeit bedarf der Ruhe, die Werktage bedürfen zu ihrer Ergänzung des Sabbath. Trefflich lehrt der Talmud: Was hat Gott mit diesem Ruhetage bewirkt? Frieden, Behagen, Erholung und Erfrischung. Der Talmud erzählt: Der Sabbath sei vor Gott getreten ulld habe geklagt: jeder Tag in der Woche hat seinen Gefährtell, ich allein entbehre des Genossen; da habe Gott ihn getröstet: die Gemeinde Israels ist dein Genosse, sie lvird dich an ihr Herz nehmen; durch dich lvird sie leben; ohne Sabbath ulld Feste würde sie selbst einsam und elend sein. Bekanntlich haben alle civilisirten Nationen die Gestaltung des Jahres nach der Steigerung voll Werktagen zu Sabbathen, von Sabbathen zu all der: Grenzen der Jahreszeiten gelegenen Festell ulls entlehnt; und es ist interessant zu beobachten, daß, je fleißiger ein Volk ist, es sich um so mehr an die biblischeil strengen Formen des Sabbath anschmiegt; dagegen ist allerdings den Völkern, die sechs Ruhetage in der Woche haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.