Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- Seite 179 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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179 Non einer Ausstellung. as für ein Gesicht würde wohl der hochwürdige und gelehrte ' Doktor der heiligen Schrift, Paulus von Eitzen, der im Winter 1542 in der ehrsamen Stadt Hamburg beu ewigen Juden zuerst erblickt hat, gemacht haben, werrn er in der Kollektivausstellung, die der bekannte Bildhauer Dr. Alfred Rassig soeben im Künstlerhause eröffnet, den ewigen Juden hätte sehen können, wie ihn unser Künstler anfgefaßt mld dargestellt hat? Der ehrwürdige Herr sah von seiner Kanzel aus einen hvchgewachsenen alten Mann, der trotz des harten Winters barfuß ging, langes Haar, eine zerfetzte Hose, einer: fadenscheinigen Nock und darüber einen langen Mantel trug. Wie anders stellt sich uns der Ahasver dar, der: Nossig entworfen: „Der ewige Jude trägt die Heilige Schrift durch die Jahrhunderte." So beirennt Nossig beu Entwurf seiner Statne von doppelter Lebensgröße. Jeder evfennt sofort den großen und tiefen Gegensatz der Weltanschauungen. Die Sage vom ewigen Juden ist nach der nichtjüdischen Auffassung ein Symbol des Fluches, der auf dem Gottesvolke lastet; nach der genialen Auffassung unseres Künstlers ist sie ein Symbol des Segens, den Israel auf seiner Exilswanderung durch die Thora der Menschheit gebracht. Im Verfolg dieser Auffassung erweitert sich dann die Figur des Ahasver von selbst zum Vertreter der ewig ringenden,, ervig sich neu gebührenden Menschheit. Diesem erhabenen Gedanke:: hat der Künstler eine Form gegeben, die zuilächst überrascht, dann aber tief ergreift und fesselt. Welche Größe liegt in dieser Gestalt, welcher Fluß in diesen Gliedern, welche Lebenswärine in diese:: Formen, welche Vergeistigung in diesen: durchfurchten Antlitz, auf dem die gottfreudige Siegeszuversicht Israels sich ansprägt, das de:: Völkern dieser Erde zürnst: Dies ist die Thora, dies das Wort. Das Gott u::s hat gegeben, Daß wir's belvahreu fort und fort Und tragen durch das Leben. Indem man sich in der: Anblick dieser Gestalt vertieft, vergißt man fast die Unterschiede zwischen Natur und Kunst. Man sieht nichts vor sich als eine große, erhabene Menschengestalt, ein Urbild der Gattung, aus der unsere Tannain: und Amoräer stammen, die Erfüllung des Ideals, das wir uns von einen: Rabbi Akiba, von einem Jochanan ben Sakkai gebildet haben. Gewiß nur ein Jude, der an die Größe und Zukunft des Judenthurns glaubt, weil erste in seinen: eigener: Herzer: fühlt, kanr: solch eine Gestalt meißelr:. Mit feinem Sir:n hat Nossig neben die Statue des ewigen Jude:: die eines Ringers gestellt. Die beiden großer: typischen Gegensätze der Weltkultur, Juderühum und Helleneuthum, erscheinen hier verkörpert. Den: klassischen Vertreter der religiösen Wahrheit vor: Judäa steht die Jdealgestalt der antiken griechischen Schönheit gegenüber. Aber auch aus diesem Werke spricht nichts als der hohe Errrst des Künstlers, der ir: der Schönheit der Natur ur:d in der schwierigen Aufgabe ihrer Darstellung vollständig arrfgeht. Alles Nebensächliche ist fern gehalten, jedes Kunststück, das verblüffen körmte, ist vermieden, alles Ueberflüssige ist unterdrückt. Ein tiefes Verständniß für das Wesentliche geht aus der Arbeit hervor. Und so ist neben der größter: Einfachheit der Forrn die größte Geschmeidigkeit des Fleisches erzielt. Doch arich ar: die Vermittelung dieser großen Gegensätze hat der Künstler gedacht, beim unser Blick fällt alsbald auf die Aktstudie zu einer Statue: „Juda, der Makkabäer, ruft, indem er den heidrrischer: Altar rrmstürzt, die Hebräer zum Freiheitskarnpfe arrf." Auf der einer: Seite, so erzählen urrs die Geschichtsschreiber, glich Juda einer:: Löwen ir: seinen: Zorne und auf der arideren Seite einer Taube in Sarrftrrurth und Herzerrseinfalt. Diese beiden großen Gegensätze ir: eine einheitliche Auffassung zu bringen, war die schwierige Aufgabe des Künstlers. Ich weiß rächt, ob Alle mit seiner Durchführung des Sujets eirwerstandeu sein werde::, aber ich glaube, daß sich Nienrand den: Adel der Auffassung entziehen wird, die auch aus dieser Gestalt zu urrs spricht und die als natürliche Ergänzung den Adel der Form gefurrden hat. Eir: Pariser Kuustschriftsteller hat mit tiefem Verständniß die Besonderheit Nossig's darin erkannt, daß er ein Bildhauer sei, der aus dem Temperament eines Dichters, eines Philosophen, eines Gelehrter: und Dramatikers hervorgewachsen ist, denn auf aller: diesen Gebieten hat Nossig Bedeutendes geschaffen. Erst ir: der Akme des Lebens hat er sich der Plastik zugewendet. Aber ar:ch hier begnügte er sich nicht, auf den ausgetretenen Geleisen einherznwandeln, sondern er wagt sich ar: die schwierigsten Aufgaber: der Kunst, er versucht es, einen Typus zu schaffen, in den: die Einheit der beider: Gegensätze: Stil ur:d Natnrroahrheit zum wahren Ausdruck gelangt. Eir: großer Gedanke kar:n ir: verschiedener Form zur Darstellung gebracht Werder:. Aber auch die größte kürrstlerische Genialität muß erlahmen ohne den festen Willen, der zur Vollendung treibt, ohne die glühende Begeisterung, nicht nur für die Kurrst, sondern auch für die Ideale, die das Menschenherz ir: seinen Tiefen bewegen. Nossig verbindet beides. Und darrnr: geht für ihn der Weg zur Kurrst sicher aufwärts zu jene:: hehrer: Gebilden, die seinem Dichtergeiste vorschweben. Der K::r:sthistoriker Schnaase führt den Mangel an Werker: der bildenden Kunst bei den alten Hebräern auf derer: Stammescharakter zurück. „Ihre Phantasie," sagte er, „ist zr: bewegt, die Bewegung ist zu heftig, zu stark, zu kühn, um die ruhige Ausführung des plastischen Bildes zu gestatte::." Mar: kann wohl behaupten, daß die Versöhnung der welthistorischer: Gegensätze durch den Vermittelungsprozeß der Gegenwart auch diese Mängel ausgeglicher: urrd darüber entschieden hat, daß die Leistungen der Juder: in der plastischen Kunst sich weit über das gewöhnliche Niveau erhebe::. Es ist dock wahrlich kein Zufall, daß der größte russische Bildhauer unserer Zeit — Antokolsky, — daß einer der größten amerikanischen Bildhauer — Ezekiel — und einer der angesehensten deutschen — Max Klein — Inden sind, von den vielen schönen Talente::, die aus unserem Stamme hervorgegangen, gar rächt erst zu sprechen. Den Befähigungsnachweis für die bilderrde Kunst haben die Juden in unserer Zeit erbracht, und Alfred Nossig reiht sich würdig den obengenannten Künstlern au. Er ist ein Denker, ein Dichter urrd ein Künstler zugleich. Aus der Harrrwuie dieser Talerrte muß sicher etwas Bedeutendes hervorgehen, dem: hier vor allen: gilt das schöne Wort von Goethe: Wohl erfunden, klug ersonnen, Schön gebildet, zart vollbracht. So von jeher hat begonnen Künstler kunstreich seine Macht. G. K.