Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- Seite 176 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Das Märchen von der dösen Rabbinerin. Ein Vortrag voll Dr. Georg Minden, gehalten am 12. Februar 1900 zu Berlin. II. er Stablu war ein großer Chvchem (ein hochgelehrter) und gedacht', es muß eine besondere Natur au ihul haben. Hub er betracht' Alles, was zu betrachten ist: „Was mag doch das Fingerlein vor eine Eigellschaft an ihnl haben? möchte lvisseu, warnlll es so viel lverth sei, daß es nicht zu bezahlen war, bedacht sich auch: Vielleicht ist es mit Zauberei gemacht, daß man mit dem Fingerlein wünschen kann, waS ein Mellsch begehrt, als mall wohl hätte mehr.gehört und gedacht: ich will's einmal mit versuchen und Hub an 311 wünschen, daß Gott der Hochgetobte gebe, daß ein Gürtel mit Geld vor ihm liege. Unb als er sortging, da sähe er vor ihm liegen einen Gürtel mit Gold, lvie er mm auch gewünscht hatte, da war er wieder fröhlich und ging lvieder zu seiuen Bachurim. „Liebe Bachurtin, seid lvvhlgemuth; da lverden wir an einen Ort fommen, da Hab ich noch einen Freund, der ist ein reicher Mann, der soll mir noch Geld leihen. Denn er weiß nicht, daß ich also arm bin; alsdann will ich Euch kleiden und will Euch lvieder heimschicken." Aber er wollte es doch seinell Schülern nicht sagen, daß er das Fingerlein hätte gefunden, möchten es ihm genommen haben oder möchten ihn verrathen haben, daß er darum hatte konnnen nlögen. Also waren die Thalmidim froh, daß sie lvieder Kleider bekommen sollten lind war ihnen weiter keine Sorg, sie meinten nicht anders, es wäre also, lvie ihnen der Rabbi gesagt hatte. Also kamell sie iu die Stadt und waren einen Tag da; da Hub der Rabbi wieder gleich an und kleidete seine Bachurim in eitel köstliche Kleider von Sanunt und Seiden imb kleidet sich auch selber wie vormals; also blieb er eine Woche oder zehn da und lernt gar ernstlich mit seinen Bachurim. Da hat man ihm groß Ehr angethan lvie er nun wohl lverth lvar; denn er knnnt alles, was ein Gelehrter können sollt. Da kaufte er sich einen schönen Kutschwagen, lvo schon ein Fürst hätte drin fahren könnell und sagt: „Ihr liebe Bachllrim, nun kommt her, ich will Euch Alles bezahlen, was ihr mir dargeliehn habt imb wir wollen nun lvieder beimen zu." Also meinten sie nicht anders; denn sein Freund in der Stadt hält' ihm wieder vielleicht ein paar tausend Dukaten geliehen, wie er ihnen vorgesagt hatte, damit er lvieder mit Ehren könnte heim kommen. Also zogen sie lvieder hin nach Heim zu. Wo mall hatte vor ihnen die Thür zugeschlossen, da lvurden sie null mit Ehren empfangen. Nlin dieweil der Nabln war außen gewesen, lvaren die Leut nicht fröhlich gelvesen; illdem so kommt das Geschrei, der Rabbi käili' mit seinell Bachurim lvieder gar stattlich. Wer lvar froher als die armen Leut'! alsobald kam Jedermann und eulpfing ihn gar ehrerbietig. Denn Jedermann wnße nicht, daß er voll Dalles halbeli war himveggezogeil, delln sie uleinten Alle, er wäre dem Lernen nachgezogen. Also Hub der Rabbi lvieder sein' alte Weis' an mit Almosen geben ulid hielt lvieder stattlich seine Schul. Als er mm lvieder eine Weil dagelvesen, begab es sich einmal an eillem Sabbath, da war seine Gewohllheit alleulal, daß er sich vor Schlafen legt; danach sagt er die Bachllrim etlvas zu lernen. Da fragt ihn sein Weib, wo ihnl doch das Geld jetzunter wäre wieder Herkommen und hatte vorher so große Armnth gehabt, wie er hiugezogen? Der Rabbi sagt: Der Hinlmel hätt' ihnl auf den Weg eine Meziee (einen Fund) bescheert. Das Weib wollt' fein Vergnügen daran haben und keiffelt den Malln so lang, daß sich der gute Malln überreden ließ ulld sagt ihr den rechten Grulld mit dem Fillgerlein: was er mit wüllschet, das geschehe gleich von Stunden an. Wie null das böse Weib das höret, gedachte sie: „Hätt ich das Fingerlein, er sollt es all sein Tag nicht wieder bekonlmen" und hätt es ihm gar gern abgethall; aber das Fillgerleill ging ihm nit abzuziehen, außer wenn er wollt. Sie sprach: „Lieber Mann, gieb mir das Fillgerlein einmal, laß mich es sehll." Aber der Rabbi kanllte sie, lvie sie eine böse Frau war, wollt es ihr nicht gebell. Sie macht sich schreien und sprach: „Ich sehe wohl, du hast mich nicht lieb, dieweil du mir das Fiugerlein nicht willst geben und getrauest mir nicht" nrw sie lag ihm also lang all; wollt er Frieden vor ihr haben, so mußt er ihr das Fingerlein an ihr Hand geben. Wie sie nun das Fingerlein anhatte, thät sie ben Kopf unter die Decke und wünschte, daß Gott gebe, daß ihr Mann ein Wahrwolf lväre und lief im Walde um unter den wilden Thieren. Wie sie das Wort hatte kaum ausgesprochen, sprang der gute Rabbi zum Fellster hinaus und lief iu einen großen Wald, ben man nennt den Böhmerwald und Hub an, fraß die Leut, die im Wald waren und thät großem Schaden, daß kein Mellsch dorste allein dadurch wandern, denn sie forchten sich alle vor dem Währwolf. Also lllachte sich der Wolf ein wenig hinein in den Wald, damit er sein Wohmlng trocken hätt; auch die Köhler, die im Wald saßen, die liefen alle heraus; denn sie forchten sich vor dem Wolf. Nun lvir lvöllen ben Wolf ein wenig bleiben lasseli und ulid wollen sagen, lvie es eillmat in seinem Hans znging mit seinen Schülern. Wie nun die Zeit da war, daß der Rabbi ihnen sollt aufgebell etwas zu leruell, sprach die lose Mär: (daß sie der Teufel hol); „der Rabbi kanll jetzt nichts anfgeben, denn er ist nicht wohl auf." Also ließen sich die Bachllrim überredell und güigen lvieder hinweg. Dell andern Morgen kamen sie lvieder, wollten lernen; da sagt sie wieder: „der Rabbi ist lvieder hinweg, hat mir lvieder nichts gesagt, lvo er Hill ist. Ich denke lvanu lvieder 4 Jahr um se'nr, wird er wiederkvmmen" und nahm sich ml, als lväre ihr die Sache gar leid. Aber es lvar eitel Bosheit mit ihr, (daß sie der jähe Tod erstvß.) Und wollt gleich lvieder keinen arlnen Menschen lassen in ihr Haus gehn. Also hielten sich die armell Leut lvieder gar übel um den Rabbi. Nun wurde die Katz gar reich, als ihr wohl könnt gedenken. Denn Alles, was sie begehrte, das könnte sie wüuschell und ward gar reich, daß kein allder Reicher sich mit ihr vergleichen könnt. Aber Nienland konlit es errathell, lvie die Sache geschaffell wäre mit deni Rabbi oder wo er so stümplick lväre hillgekommen. Könnt auch feiner gewahr lverden, sondern Jedermann meinte, er würde auch wiederkomnlen wie zuvor. Nuu wollen lvir das böse Weib bleibell lassen rnld wollen lvieder schreiben, lvo unterdessen der gute Rabbi in seinem Wald llmlief vor ein Währwvlf. Das wußte Niemand, aber er that grvßen Schaden. Denn es ist kein stärker Thier unterallen Thierell, deiln ein Währwolt. Mall schickt llach ben Köhlern unb ließ sie fragen, ob sie bau Währwvlf nicht könnten beikommen. Sie sagten „nein, beim er ist viel stärker, als ein Löwe. Auch ist er gar klug, als meint er scholl ein Mensch wäre." Nun der Melech (Köllig) des Lalldes war solches gewahr ulld ließ ill dem Wald jagen, kvnllt aber den Wolf llicht