Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- Seite 175 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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175 Herrschaft der vereinigten Antisemiten, vierfach verstockten Hausherren, der Klerikalen und der Backhändlpartei auf Jahre hinaus gesichert. — Irren sich nicht auch die Palitischen Kalendermacher, wenn sie von Freiheit und Fortschritt reden? Man hat überhaupt mit diesen Worten, insonderheit in Oesterreich, stets ein frevles Spiel getrieben. War die sogenannte liberale Partei wirklich freiheitlich und fortschrittlich? Nie und nimmer. Niemand hat das so erleben und erfahren können wie wir Juden. Wir Juden haben den Liberalen Handlangerdienste geleistet, und der Erfolg war, daß, als gewisse Größen der „liberalen" Partei fein säuberlich eingefahren waren in den ersehnten Hafer: wohldotirter Stellen oder ihre Protektionskinder gut versorgt hatten, wir zürn alten Eisen geworfen wurden. Die Jungtschechen nennen sich ja auch eine freisinnige Partei, rmd ihr Freisinn besteht darin, daß sie sich mit dem Mäntelchen der ödesten Jrrdenfeindseligkeit drapiren und sobald sie sehen, daß sie ihren Einfluß beim Volke zu Verlierer: beginnerr, fabriziren sie „Blutrrrärchen" oder — um mich besser auszudrücken — ein „Blutritual". — Und dies alles im Zeitalter des Fortschritts. — Wir behaupten und könr:en es beweisen, daß keine einzige der nationalen rmd politischen Parteien in Oesterreich sich zur Höhe wahrer Vorurtheilslosigkeit ernporgeschrvungen hat. — Jede Partei fürchtet, für „verjudet" angeseher: zu werden. Das klassischste Beispiel dafür bietet die sozialdenrokratische Partei. Wir haben jetzt einen furchtbaren Lohukairrpf durchgernacht. Er ist zu Ende. Aber wir alle verspürerr ihn. Arrrren Kohlerrarbeitern hat man goldene Berge versprochen. Wer dies gethar: hat? Es waren zunächst tschechischradikale Führer, diese wurden vo:: den Sozialdemokraten verdrängt und diese nmßten schließlich wieder den Tschechisch- Radikalel: weichen. Und was haben die armen bethörten Arbeiter erreicht? Das, was sie auf friedlichen: Wege hätten vor Wochen erlangen kön::en. Wer bezahlt aber die Koster: des ganzen Kampfes? Der kleine Geschäftsmann und Beamte. Der Schluß ist, daß mm: sagt: Die jüdischen Führer der Sozialdemokraten reize:: das Bolk zum Aufruhr gegen die jüdischer: Werkbesitzer. Der Sohr: eines Wiener Millionärs, welcher zufällig ein Jude ist, spielt sich auf den Demagogen aus, und darunter hat gleich das Judeilthum zu leiden. Gutmaru: und Rothschild sind Grr:benbesitzer, und alle Juden lverden sofort zu Ausbeutern gemacht. — Borurtheil hier — Borurtheil da. — Daß die erbitterten Arbeiter, als sie sahen, ihr Hunger:: sei vergeblich gewesen, gegen jenen Millionürssohn, welcher wohl nie das sauere Brot harter Arbeit gegessen, sich wandten, firrden wir sehr begreiflich, aber dageger: Verwahrer: wir uns, daß das Judenthurn mit Empörur:g und Revolte etwas zu thun haben w:ll. Diese Herren Sozialdemokraten, welche im Reichsrathe von Freiheit triefer:de Rede:: halten, Haber: Hunderte vor: jüdischen Existenzen geschädigt, und die Keinen Geschäftsleute in Mährisch-Ostrau wissen etwas davor: zu erzählen. Drrrch Boykotts rn:d Streiks werden überhaupt nur die kleiner: Existenzen in unseren Gemeinden rrnd damit diese selbst verrricbtet. Was rrützerr danr: alle Klager:? Dieser Armen nimmt sich ja doch Niemar:d arr. Oder glaubt man wirklich, daß Borstellungerr bei Mirüsterr:, daß Neder: urrd Worte hier etwas nützen können? Wir haben unsere Kräfte fürdeutsches Nolksthum, für Schwärmerei um Beglückung vor: Fabrikrrnd Bergarbeiterr: ausgegebeu, wir Haber: große politische Fehler begangen, und, wen:: es jetzt auch unseren Großer: etwas schwül wird in dieser Gewitteratmosphäre, wir begreifen es. Wir sirrd davon überzeugt, daß die Negierung, daß insbesondere das jetzige Ministerium auch den Inder: ihr Recht geberr will. Sie hat es den Männern, welche den verschiedensten Gesellschaftsschichter: angehörig, in dieser: Tage:: beirr: Ministerpräsidenten um Schutz gegen die gesetzwidrige Zurückdrängung des Juderrthurns gebeter: haben, feierlichst versprocherr. Der Ministerpräsident hat auch den hervorragerrden Vertreter der Wiener Judenschaft, Dr. Alfred Ster::, berufen und ihn wegen der eventueller: Wirkungen der neuen Wahlordnung beruhigt. Was rrützt aber dies alles? Lueger hat doch seine Wahlordnung, rrr:d die Zeit ist nicht fern, in welcher in der Wiener Gerr:eindestube die Wiener Antisemiten ganz „unter sich" seir: werden. — So wird an uns Juden der marrgelnde politische Weitblick gestraft. Aengstlich haben sich unsere Führer, urrsere wirklich guten Köpfe gehütet ir: der: Tagerr, da es rwch von Wirkung hätte seir: kör:r:err, neben den: Deutschthum auch ein wenig das Judenthurn zu betonen. Wir wollten alles sein, nur nicht Inder:. Und nun macht es einen betrübender: Eindruck, wenn wir sehen, wie die Steuermänner von der:: versinkerrder: Schiffe noch zu retten trachterr, was zu retten ist. Jrrzwischer: huldigt unsere Jugerrd einen: Radikalismrrs, welcher geradezu verzerrte Formen annirrnnt. Es ist das Antlitz der Verzweiflung, das da vor unserem Arrge errrporsteigt. Mar: leugnet die große historische Bedeutung des Juderrthurns, die Religion rvird ruit einem mitleidigen Lächeln abgethan, der krasse Materialismus, der nur von: Tage lebt, ist zur unurnschrürrkten Herrschaft ir: dieser: nur allzugrüner: Kreisen gelarrgt. Das ist ja urrser Erbfehler. Wir nrüfsen Übertreiber: und ir:s Extrem verfallen. Auf der einen Seite guietistische Lethargie, die sich schwerfällig aufrafft, roerrn ihr das Wasser bis ans Leben geht, auf der ariderer: ein verzerrter Radikalisnrus, welcher die Dämme durchbreche:: rrrrd das Kind mit den: Bade arrsschütter: nröchte. — Auch dies ist die wahre Freiheit nicht, welche die geschichtliche Entwickelung leugnet, die derr: Judeuthurrr das entziehen rrröchte, rvas feine Basis immer bilden wird, die heilige Religion der Väter. Doch das Judenthurn ist eirre Religion des Leberrs, des gesunden Optimisnrus, welcher stets hofft rnrd nie verzweifelt. „Die Lenden gegürtet", bereit zum Kampfe für Wahrheit rrrrd Licht, „die Schuhe arr den Füßen" immer gerüstet zun: Vorwärtsschreiten auf allen Gebieter: des Guten rmd Edlen, wollen wir urrs aber auch den „Stab aus den Händen" nicht entbleiten lasser:, der: Stab rruseres Glaubens, der rrrrs einer: Brurnrer: erquickenden Wassers gegraben. Wir haben mit unserer: „Großer:", oft selbstsüchtige, ehrgeizige Seelen seit des Propheterr Jeremias Zeiten, schlechte, sehr schlechte Erfahrungen gemacht, die Zeit ist über sie hinweggeschritten, rrnö das Judenthurn besteht rroch. Es rvird auch rveiter bestehen trotz aller Heilmittelcherr, die ihn: nicht helfen, sondern es rnrr zu schäbiger: drohen. „Weiche weder r:ach rechts, noch links", der rveise Spruchrichter hat uns die Parole zugeruserr, laßt urrs ihr folgen. Die Lethargie hat das Jrrdeuthuru arr den Rarrd des Abgrrurdes gebracht, der Radikalismus droht, es in dieser: zr: stürzen. Das Judenthurn hat aber so viele gesunde Kräfte, daß es sich retten rvird, trotz dein, was die Alten arr ihm gesürrdigt, aber es rvird auch den Radikalismus überwinden, rvelcher: nun zur Anrvendurrg bringe:: wollen die unerfahrenen Junger:. Iwri.