Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- Seite 174 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Nach Eintritt in die Tagesordnung erstattet Herr W. Bambus das Referat über die i n d u st r i e l l e K o l o u i f a t i o u, das, wie die übrigen Referate, demnächst im Druck erscheinen wird, weshalb von einer eingehenden Wiedergabe abgesehen werden kann. Die Ausführungen, welche durch gedruckte Tabellen über Zahl tuib Vertheilnng der jüdischen Bevölkerung des heiligen Landes, über Ein- und Ausfuhr Palästinas (nach den englischen und deutschen Kousnlatsberichteu) k. erläutert wurden, gipfelten in folgenden Anträgen: I. Die am 26. März 1900 in Frankfurt a. M. tagende Konferenz der in Palästina thätigen Vereine empfiehlt allen Kolonisations-Vereinen, auch die Förderung der industriellen Kolonisation Palästinas, soweit dieselbe Juden beschäftigt, in den Kreis ihrer Thätigkeit zu ziehen. II. Es wird eine Kommission eingesetzt, welche die Errichtung eines Bazars für den Fremdenverkehr in Jerusalem unter besonderer Berücksichtigung der Olivenholz-Jndnstrie in die Wege leiten soll. III. Die Konferenz beschließt die Einsetzung einer Kommission, welche die Errichtung einer Herrenkleider-Fabrik in Jaffa in die Wege leiten soll. IV. Die Konferenz empfiehlt der Jewish CoJonization Association die Errichtung einer Kouserven-Fabrik in Erwägung zu ziehen, welche die bessere Verwerthung der laudwirthschaftlichen Erzeugnisse und die Beschäftigung jüdischer Arbeiter zum Zweck hat. V. Die Konferenz setzt eine Kommission ein, welche die Frage de^' Errichtung einer Seifenfabrik studirt. Sämmtliche Anträge wurden einstinnnig angenommen lind eine alle Länder umfassende Kommission von siebzehn Mitgliedern mit deren Durchführung beauftragt. In der Nachmittags-Sitzung verlas Professor Dr. Landau ein von Dr. Paul Nathan-Berlin, der durch Berufspflichten cnn persönlichen Erscheinen verhindert war. übersandtes Expose über die Nothwendigkeit einer gründlichen Erforschung Palästinas, seiner Hilfsquellen. seiner Bodenschätze, seiner ökonomischen Zustände und seiner handelsrechtlichen Verhältnisse. Dr. Nathan beantragt, mit dieser Exploration eine Kommission zu betrauen und derselben die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. In lebhaften! Gedankenaustausch, welcher sich auf alle Seiten dieser schwierigen Frage erstreckte, wurde der Antrag in folgender, von Professor Landau-Berlin amendirten Fassung einstinnnig angenommen: „Die Konferenz stimmt den Vorschlägen des Herrn Dr. Nathan prinzipiell bei und beauftragt die Propaganda-Kommission des Eeutral- KomiteS der Kolonisations-Vereine. der nächsten Konferenz einen konkreten Voranschlag über die Kosten einer solchen Expedition zu unterbreiten. Zugleich wird die Propaganda-Kommission beauftragt, die Vorstudien für diese Expedition zu machen und sich über die rechtlichen Verhältnisse in Palästina zu iustruiren." Ein Antrag des Herrn Ussischkin, daß „diese Kommission zur Erforschung Palästinas mit der auf dem dritten Baseler Zionisteu-Kougreß gewählten Kolonisations-Kommission in Verbindung treten möge," wird angesichts der ablehnenden Haltung der Versammlung vom Antragsteller zurückgezogen. Hieraus erstattete Dr. Hirsch Hildesheimer das Referat über die land wirth sch östliche Kolonisation, das zunächst die Veränderungen, welche der Uebergaug der Besitzungen des Herrn Baron Edmond von Rothschild auf die Jewish CoJonization Association zur Folge hat, hervorhob, um dann über die gegenwärtige Situation der Kolonien sich zu verbreiten und mit der Begründung des Antrages zu schließen: „Die Konferenz empfiehlt den Vereinen, zunächst mit allen vereinten Kräften diejenigen Kolonien zu unterstützen, die der Hilfe noch bedürfen, und zwar in erster Linie Machanajim, in zweiter Linie B'nei- Jehuda." Sodann erstatteten Dr. S. A. Hirsch über B'nei Jehuda. die Herren Dr. A. Salz und S. Bromberg über Machanajim ausführliche, demnächst im Druck erscheinende Spezial-Referate. Den zweiten Verhandlungstag (27. März) eröffnete die Diskussion über das Kolonisations-Referat, an welcher sich die Mehrzahl der Anwesenden betheiligten. Nach mehrstündiger Debatte wurden der Antrag des Referenten und nachstehende von den Herren Ussischkin und Bambus befürwortete Resolution einstimmig angenommen: „Die Konferenz lenkt die Aufmerksamkeit der Jewish CoJonization Association auf die ernste Frage der Versorgung der jüdischen Landarbeiter in Palästina und empfiehlt, diesen in der Landwirthschaft erprobten Arbeitern die Möglichkeit zu schaffen, in ihrer bisherigen Beschäftigung sich zu bethätigen." Ganz besonders interessant gestalteten sich die Verhandlungen über das Schulwesen in Palästina. Rabbiner Dr. Horovitz legte in einen! Referat die Grundlagen dar. ans denen sich das Unterrichtswesen im heiligen Lande aufbauen niüsse, daß dasselbe nur dann von lvirklichem Nutzen sein und seinen Zweck erfüllen könne, wenn es den Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung Palästinas angepaßt sei. Au die Ausführungen des Referenten knüpfte eine längere Debatte an, deren Ergebniß die Annahme nachstehender von Rabbiner Dr. Werner begründeten Resolution bildete: I. Die jüdischen Schulen in Palästina sollen auf dem Boden des gesetzestreuen historischen Judenthums stehen. II. Die jüdischen Schulen in Palästina sollen ihre Schüler zu tüchtigen. erwerbsfähigen Juden heranbilden. III. Die jüdischen Schulen in Palästina sollen neben der Landessprache in erster Reihe die hebräische Sprache pflegen. IV. Die Konferenz ernennt eine Komniission. welche die Aufgabe hat, das Schulwesen in den von den Chowewe Zion (Kolonisations- Vereinen) subventionirten Kolonien zu regeln und zu beaufsichtigen. In die Kommission wurden gewählt die Herren Rabbiner Dr. Horovitz und Professor Werner-Frankfurt a. M.'. Dr. Brann-Breslan, Prozessor Dr. Martin Philippsou-Berliu, Oberrabiner D. Simonsen-Kopenhagen, Rabbiner Dr. Werner-München. D. Abrahams-Amsterdam, S. Benedict und Beruard Lazare-Paris, Dr. S. A. Hirsch-London; ferner wurden dem russischen Verein drei Sitze Vorbehalten. Den letzten Berathungsgegenstand bildete das Reserat des Rabbiners Dr. Werner-München über Propaganda. Redner führte mit großer Wärme ans, daß die unzureichenden Mittel den Vereinen, so anerkennenswerth ihre bisherigen Leistungen sind, keine denr Bedürfnisse auch nur annähernd entsprechende Wirksamkeit ermöglicht haben. Die stetig rvachsende Noth unserer Brüder im Osten, wo zu den alten Leiden der Jammer und das Elend iu Galizien und Rumänien hinzngekommen seien, müsse ein Ansporn sein, alle Kräfte einzusetzen, um die Opferwilligkeit zu wecken. In der kurzen Diskussion wurde die Propaganda- Kommission aufgefordert, auf dem bisher eiugeschlagenen Wege fortzufahren und mit den seitens der Vereine zur Verfügung gestellten Mitteln für die Ausbreitung und Steigerung des Interesses für die Kolonisations- Bestrebungen thätig zu sein. Von Herrn Bernard Lazare wurde folgender Antrag eingebracht „Die in Frankfurt a. M. versammelte Konferenz der Chowewe Zion ersucht das Ceutral-Komito, das Projekt der Errichtung einer Bank zur Entwickelung der Kolonisation und der Industrie in Pa l ü st i n a wieder auszunehmen." Der vorgerückten Stunde wegen wird der Antrag ohne Debatte der Propaganda-Kommission zum Studium der Angelegenheit überwiesen. Brief aus Oesterreich. Ende März 1900. f ndem wir das vorstehende Datum niederschreiben, denken wir unwillkürlich daran, wie sich die Kalendermänner irren können. Ende März, soll es da nidE)t schon Frühling seilt? Und siehe, draußen stürm^s ititb schneit^, und Winter und Frühling befinden sich int heißen Kampfe, wie Boeren und Engländer. Einen ähnlichen Kamps machen wir in Oesterreich durch. Kaum haben sich Deutsche und Tschechen eilt wenig „verständigt" — das Wort ist aber nicht von Verstand abzuleiten, denn der ist wirklich nur bei Wenigen gewesen — so ziehen schon wieder schwere Wetterwolken auf, und bald werden wir das Volk voll Wien int hellen Kampfe sehen, in einent Kampfe, welcher schott von vornherein entschieden ist. Der Sieg ist Luegers und Liechtensteins. Der Gegenstattd des Kampfes ist die Herrschaft über Wiet!, fürwahr eine Messe tverth. Die tteue „Wahlordnung", welche Lueger von seinen Barrierestöckelt fabriziren ließ, ist sanktionirt, mtd damit die