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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-13 · Heft 15 (13.4.1900) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 15 (13.4.1900)
Date
1900-04-13
Page
Seite 172 (sequence 6)
Language
German
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1?2 14. Haben ini Falle des Todes des Religionslehrers dessen Wittwe und Waisen Anspruch auf Versorgung Seitens der Synagogengemeinde, bejahendenfalls welchen? 15. Sind Mängel in Beziehung ans die Ertheilung des Religionsunterrichts vorhanden, welche ans ungenügende Dotirung der Lehrerstellen znrückzusnhrcn sind, und welche? — Diese Frage ist eingehend zu erörtern. 16. Ist die Synagogeugemeinde in der Lage, ausreichende Mittel für die Ertheilung des Religionsunterrichts zur Verfügung zu stellen? 17. Bemerkungen. Die Fürsorge der Regierung, die sich in diesem Zirkular ausspricht, wird sicher dem Religiotlsunterricht wie den jüdischen Lehrern zu Gute kommen. Man dars auf den Erfolg dieser Enquete gespannt sein. * Der Zeitschrift des königlich preußischen Statistischen Bureaus entnehmen wir folgende Ziffern über die Eheschließungen bei den Juden in Preußen während der letzten Jahre. Es wurden geschlossen: 1894 1895 1896 1897 1898 beide Theile jüdisch . 2383 3502 2470 3638 2582 Mischehen: Mann jüdisch. Frau evangelisch 133 182 160 188 189 ir " n katholisch 20 39 43 29 35 sonstig 3 6 3 4 6 „ evcmgel. „ jüdisch 113 116 145 145 161 „ katholisch „ „ 34 48 39 46 60 „ sonstig „ 5 .7 6 12 12 Summa 310 397 397 424 463 Das Charakteristische dieser Ziffern ist die hohe Zahl der Mischehen, die unaufhaltsam im Steigeil ist. Schon ist jede sechste Ehe eine Mischehe. Dabei gehen die Kinder dieser Eheil fast alle dem Judenthunl verloren. Am Bestände des dentschen Judeuthums nagt die Mischehe viel mehr als die gesammte Thätigkeit der Mission und alle Taufen, selbst Kindertaufen. Es ist natürlich schwer, diesen Verlust in Ziffern auszudrücken, aber man ist sicher, ihn noch sehr niedrig zu bemessen, wenn man ihn auf 700 bis 800 Seelen jährlich schützt. * Nicht alle Jungtschechen sind Antisemiten und Brunnenvergister. Der Obmann des tschechischen Abgevrdnetenklnbs, Dr. Engel, hat sich sogar jüngst in einer Wählerversammlung zu Beneschau gegen die falsche Politik einzelner seiner Parteigenossen gewendet. Mit Bezug auf den Polnaer Mord sagte er u. a.: „Eine solche Fabel aus dem Mittelalter glaube ich nicht. Jüngst haben Katholiken einer Leiche die Hand abgeschnitten und geglaubt, nun würden sich alle verschlossenen Thüren vor ihnen öffnen. Gewiß ist Niemanden, eingefallen zu glauben, daß es unter den Christen eine Sekte giebt, welche zu solchen Zwecken Leichen brauchen würde. Gerade so »»sinnig ist es zu glaube», daß Juden Christenblnt brauchen." Es wäre dringend zu wünschen, daß Dr.'Engel seinen großen Einfluß im Klub und im Lande zu Gunsten seiner humanen Anschauung geltend machen wollte. * In Frankreich unterhält man sich über das Duell zwischen dem jungen Robert von Rothschild und seinem Onkel Michel Ephrussi mit einem nationalistischen Herrn von Loubersac. Doch diese Geschichten gehen uns nichts au. Für uns ist nur der Anlaß interessant, durch den die antisemitische Weißnelkengesellschaft die Rothschilds — andere umgetaufte Juden giebt es in ihren Kreisen kaum mehr — aus den „vornehmen" Salons hinausgraulen ivill. Sie erreicht natürlich dies Ziel leichter und rascher, wenn die beleidigten Juden keine Zeugen in . ihrer gesellschaftlichen Umgebung finden, um Genugthuung zu Verlangen. Der Zwischenfall wird sich wohl noch weiter entwickeln. Schon jetzt wirft er aber ein grelles Streiflicht auf die Stimmungen in den „vornehmen" Kreisen von Paris und auf die Stellung der jüdischen Milliardäre, die drei Menschenalter hindurch jedes Opfer an persönlicher Würde und Geld vergeblich gebracht haben, um in den französischen Adelskreisen als voll anerkannt zu werden. £ Alltäglich kommen jetzt Klagen aus Rumänien. Merkwürdigerweise schenkt ihnen aber die europäische Presse so gut wie gar kein Gehör, während sie doch sonst für die Klagen unterdrückter Völkerstämme in den fernsten Weltgegenden einzutreten sucht. Mit welcher Grausamkeit die rumänischen Machthaber gegen die Juden Vorgehen, zeigt jenes furchtbare Verbrechen, welches vor zwei Jahre» an ausaewiesenen rumänischen Juden verübt wurde und das erst jetzt zur Kermtniß der Oeffentlichkeit gelangt. Damals wurden fünfzig rumänische Juden gefesselt auf ein Floß gebracht und von zivei rumänischen Gendarmen, sowie von vier Ruderknechten donauabwärts eskortirt. Des Nachts verließen Gendarmen und Ruderknechte das Floß, nachdem sie vorher die Stricke gelöst hatten, welche die Floßpflöcke mit dem Floß verbunden hatten. Das Fahrzeug zerschellte und die fünfzig Juden ertranken. Derjenige, welcher damals den Befehl zu dem teuflischen Werke gab, ist heute — ein hoher rumänischer Beamter. Die „Agence Romaine" erhielt zwar den Auftrag, die Thatsache in Abrede zu stellen, allein wer der ähnlichen Vorgänge unter Bratianu sich erinnert, wird diesem Dementi nur skeptisch gegenüberstehen. Die rumänische Regierung ist wiederum einmal genöthigt, an den europäischen Geldmarkt sich um eine Anleihe zu wenden. Wäre es nicht an der Zeit, daß die Finanzwelt sich endlich auch der traurigen, ja geradezu verzweifelten Lage der unglücklichen Juden in Rumänien erinnerte? Sehr traurig lauten die Nachrichten über die Hungersnoth in Bessarabien. Ein Theil des Gouvernements von Bessarabien in Süd - Rußland macht in diesem Augenblick eine große ökonomische Krisis durch, die der schlechten Ernte im vergangenen Jahre zu danken ist. Diese Krisis schlug bald in eine große Hungersnoth um. Die Negierung hat den Fürsten Schachovski in die Gegend gesandt, um Hilfe zu schaffen. In den Städter«, Vorstädten und Dörfern der Distrikte Ackerman, Ismail undBender, schreibt ein Korrespondent der Alliance, zählt man an Hrrndert israelitische Fanrilien, die aller Mittel beraubt am Hüngertode sterben. Die Hilfe, die von der Regierung und durch Privatinitiative geleistet wird, gelangt nur an christliche Bauern. Uebrigens würden die Jude»«, da die Hilfe hauptsächlich darin besteht, warme Nahrung an die Hungrigen zu liefern, wegen ihren religiösen Verpflichtungen wenig davon haben. Es ist also dringend noth» wendig, Hilfskomitees zur Unterstützung der Juden zu bilden. Ein Appell an die Miance ist auch erfolgt. Sie hat daraufhin eine bedeutende Summe an das Komitee von Odessa gesandt. (Vergl. den Aufruf im Sprechsaal dieser Numnrer.) /

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