Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- Seite 170 (sequence 4)
- Language
- German
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170 vergebens gelebt haben, und vielleicht war es von einem höheren Standpunkt nothwendig, daß einem Geschlecht wie dem uusrigen, dem jene Berichte von der Verfolguugssucht und der Herrschbegier fanatischer Priester schier wie unglaubliche Märchen erschienen, noch einmal offenbar werde, zu welchen Ausschreitungell die Unduldsamkeit verführt, wie viel Unheil sie heraufbeschwört, wie viel neues Elend sie der ohnedies schon aus so vielen Wunden blutenden Mellschheit zufügt. Denn dadurch lvird der unausbleibliche Triumph der Gerechtigkeit besiegelt und für alle Zeiten unwiderruflich festgestellt; die rauchenden Trümmer, die rnannigfache Roth, die von dem verblendeten Pöbel unseren Stammesgenossen zugefügt wird, sie lehren rms den ganzen Schrecken roher Unduldsamkeit, und der Sieg des Geistes lvird sonach um so ellergischer verfolgt werden, fein Triumph wird ein endgiltiger sein. Aber wenn lvir auch über den Ausgang dieser gegen das Judellthllin gerichtetn Bewegung nicht in Zlveifel sind, wenn wir in all dieser Bosheit rurr das letzte Aufglühen einer verlöschenden Fackel sehen, so enthebt ulls dies nicht der Pflicht nachzustnnen, wie wir den Sieg der Gerechtigkeit beschleunigen können durch unser Thun. Drei Synlbole hat das Fest; das eine ist das Passahlamm. Dereillst in Aegypten versammelten sich die Familien um ihre Häupter und schlachteten das Opfer und tauchten Mop in das Blut und bestrichen die Pfostell, und der Verderber schritt vorüber an diesen Pforten. Es lvar wohl nicht nur das äußere Zeichen des Opferblutes, welches der Todesengel ehrte, daß er vorüberzog. Es war der inllige Familiensinn, das treue Zusammenhalten, die Unterordnung unter das ehrwürdige Familienhaupt, welches diese Häuser zu Burgen umgestaltete, in die der böse Feind nicht eindringen konnte. Wohl nirgendlvo auf der weiten Erde, war der Vater in dem Grade das natürliche Oberhaupt auch der erwachsenell Söhne und Töchter nicht durch Zwalig, sondern durch den freilvilligen Gehorsam, der ihm entgegengetragen wurde, und noch heute wird kein Israelit, ber in altjüdischer Anschauung groß geworden ist, irgend einen entscheidenden Lebensschritt thun, ohne die Einwilligung seilles alten Vaters, seiner ehrlvürdigell Mutter einzuholen. Ganz wackere Männer aus anderen Volkskreisen haben ost kaum ein Verständnis! für diese Pietät, für diese Folgsamkeit, die weit bis über das unselbständige Lebensalter Hinalls so lange dauert, als Vater und Mutter athmen. Nirgendwo hingen die Familien so fest zusamnleu als in unserem Stannne, llirgendwo ftanb so treu und eifrig Einer für den Alldereu, llirgendlvo wußte man sich das Leben im Hallse so behaglich 31t gestalten als in Israel. Heute jedoch ist dieser Familiensinn zwar nicht geschwundell, aber doch .im Schlvindeli; man jagt nach den Vergnügungen und Zerstreuungen einer größeren Geselligkeit, man schrickt vor beni Vorwurf der Zudringlichkeit nicht zurück, um nur in höhere Gesellschaftskreise zu konimen; mall erträgt die härtestell Demüthigungell, um den Schein und die Form der Ehre zu gewilllierl. Wer zweifelt, daß dies gesellschaftliche Hinein- und Hervordrüngen ulls Spott und Verachtung gebracht hat, weil hierin oft Diejenigen, die unsere Führer sein sollten nlld sein konnten, sich am schwersten versündigt haben, wer zweifelte, daß ein weises Einschränken auf das Haus und seine Freilden, ein Ablvenden voll dem glänzenden Nichts einer oft ermüdenden und geistlosen Geselligkeit entscheidend wäre, uul uns wieder 31t Ehren zu bringen? Mop mischten die Jsraelitell in das Blut des Passahlammes, Mop, dieses Sinnbild der Bescheidenheit. Wie oft fehlt selbst den Führenden unter den Jsraelitell die Einsicht, daß ein Amt nicht nur eine Ehre, sondern vor allem eine Arbeit, eine Aufgabe ist, und daß der reinste Lohn ill der getreuen Pflichterfüllullg besteht. Wer im Staat zu Amt und Würden emporgestiegen ist, der sollte llicht stolz sich brüsten und gleichsam wie ein höheres Wesen sich von den Genossen trennen, der sollte auch die Kraft der Entsagullg in sich spüren, um dem Gemeinwesell an Orten zu bienen, wo der Lebensgenuß eng und eingeschrällkt ist. Mop sollte gleichsaul das Wappen sein der jüdischen Hällser, und am allererstell der Männer, die ben schöllen Beruf sich erwählt haben, im öffentlichen Amt dem Gemeinwesen zu diellen. Auch hier ist lloch bem Vornrtheil gegen das Jlldellthum manche Waffe zu entwilldell. Ulld Mazzoth, das Sillllbild der Mäßigung. Machen wir voll linserill Besitz inuner ben rechten Gebrauch oder erwecken wir nicht oft durch unsere Punksllcht den Neid ulld das Uebelwollen? Jeder Mensch hat das Recht, sich, wenll er vermag, das Leben behaglich zu gestalten; aber herausfordernder Prunk trägt nicht dazu bei, die eigene Freudigkeit zu erhöhen und erregt die bösell Feinde/ die ulls so verderblich gewordell ftnb. Maror aber, das bittere Kraut, ist in dieser Zeit eine Mahllilllg, der Roth der Brüder zu gedenken. O möge dieses Passahsest lllls mahnen unermüdlich zu arbeiten art dem großen Liebeswerke! Und du. Allgütiger schaue in Gnaden herab auf bein Volk, das dll erlöst hast; wir sind bein Stamm, lvir sind deill Erbe, wir sind dein eigen! Viele erheben sich wider Ulls; Winterstürme brausell über uns und wehell über ulls mit kaltem Hauche; 0 laß es Frühling werden! Gieb einen fröhlichen Sieg denell, die für Freiheit und Gerechtigkeit ringen. Sellde beiueit Th au von des Himulels Höhe für die Flllren und für die Herzen, für die Saat ulld für die Seelen. Freiheit und Friede auf der weiteil Erde, daß wir Dir freudig dallken mit den Worten des Sängers: „Du rettetest meine Seele vom Tode, meillen Fuß vom Wallkeil, damit wir wandeln im Lichte des Lebens." Nie Woche. Berlin, 11. April ^bermals haben wir das Hinscheiden eines unserer hervorragendsteil Glalibensgenossen zu beklage». Ai» 26. v. M. ist an der Schwelle des 81. Lebensjahres der allgemein bekannte und geschätzte Ra bbiner Dr. Jsaac M. Mise in Cincinnati, der Nestor und Führer, man kann lvohl auch sagen: der Begründer des modernen Judenthums in Amerika gestorben. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, die Leistungen und Verdienste dieses ausgezeichnete» Mannes ausführlich zu schildern, wir müssen vielmehr die Ansführnilg dieser schönen Aufgabe unserem geehrten Mit arbeiter Professor Deutsch überlassen, der ja an dein Werke welches für den Dahingeschiedenen die Krone seines Lebens war, an der Hebrew Union College, Jahre hindurch sein treuer Mitarbeiter gewesen ist. Darum für heute nur wenige Worte. Es wird schwer werden, eine» Ersatz zu finden für ben Mann, der als Organisator, als Prediger, als Lehrer und als Schriftsteller eine Wirksanikei! entfaltet hat, die die volle Beivunderung aller Derer errege» lnns;, welche sie ihrem vollen Unifange nach zu überschauen i»