Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1900)
- Date
- 1900-04-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228381--56348-3292648- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
64. Jahrgang. Kr. 15. Allgemeine Berlin, 13. April 1900. eitung öes Auömthums. Ein Unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D* Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Expedition: Berlin, Jerufalemerßr. 48 / 49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von derExpedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. 2ttl)ßU. Leitartikel: Israels Vertheidigung gegen Verfolgung. — Die Loche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Konferenz der in Palästina tbätigen Vereine. — Brief aus Oesterreich. — Das Märchen von der bösen Rabbinerin. II. Von Dr. Georg Minden. — Feuilleton: Der Becher des Propheten. II. Bon Paula Faber. — Von einer Ausstellung. — Für Borhslaw! Von Henriette Hirsch der g. — Litterarifche Mittheilungen. Der Gemeindebotc. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Danzig, Hannover, Hamburg, Köln, Bonn, Frankfurt a. M., Stuttgart, Vien, Odessa, Cineinnati (Ohio). — Bon Narr und Fern. Israels Verteidigung gegen Verfolgung. k. n. Berlin, 12. April. ie die Flamme, bevor sie erlischt, nicht selten noch zn einem lebten Anfglühen sich zusammenrosst, wie der Sterbende zuweilen kurz vor seinem Scheiden für einen flüchtigen Moment die Klarheit und Kraft des Geistes 'viedergewinnt, die ihm in den Tagen der Krankheit n»d der Ermattung schon abhanden gekommen war, so erlangen auch Zrrthümer und Vörnrtheile, die lange Zeit die Welt beherrscht!,aben. oft kurz bevor sie vom Lichte verdrängt, von der Bildiiäche ganz verschivinden, für eine eng bemessene Frist nneahnte Kraft wieder. Der Aengstliche, der dieses Schauspiel äeht, fürchtet einen Rückfall in die Barbarei verschollener seiten und sieht mit Granen den schon am Boden liegenden Trug und Wahn sich aufs neue erheben, als wollte er wieder ne Herrschaft erringen. Aber der Besonnene, der Umschau l tjält im Bildersaale der Zeit, schüttelt die Furcht und das Bangen von sich und weis;, das; diese Krastbeknndung kein verjüngen und Nenaufleben, sondern gleichsam das letzte Aufilammen eines Sterbende» ist. Das Schicksal vergönnt es >,rosten Jrrthümern, die Jahrhunderte hindurch ihr Szepter über die Menschen gehalten haben, in vollem Prunke zn verscheiden, in einem mächtigen Aufglühen zu erlöschen. Dvch ivas reden voiv von einer Gunst? Die Geschichte verurtheilt, mühte mau sagen, solche gefährliche Borurtheile dazu, in scharfem, weithin nchtbarem Feuer zu verbrennen, damit aller Welt offenbar werde, wie unheilvoll sie gewirkt haben, und weithin die nachdrückliche Warnung dringe, sie nie wieder zu erneuern und zu erwecken. Unsere Zeit bietet Erscheinunge», denen gegenüber diese tröstliche Betrachtung uns höchst nothwendig dünkt. Wenn »vir die Blätter in die Haild nehmen, die uns aus weiten Landen Botschaft bringe»:, so forschen »vir bange, ob nicht eine neue iinheilskunde z»r m»s konnnt; ob sich nicht dichter das Ge»völk zusammenzieht, aus dessen dunkeln Massen die verheerenden Blitze auf die Genossen unseres Glaubens niederfahren. Und was einen Deutschen am tiefsten schmerzt, das ist der Gedanke, das; der Herd dieser Bewegung, von der die verzehrende Gluth des Hasses in das Nachbarland eingedrungen ist, in unsere»»» deutsche»» Vaterlande steht und fort und fort von bösen Menschen genährt und gepflegt wird. Wem thnt es nicht in der tiessten Seele weh, wenn der Deutsche, der die ersten Namen sein darf »eiinen unter Dichtern und Denkern, der die hohe Kunde von der Geistesfreiheit, die große Predigt von der Duldung und Gleichberechtigung aller religiösen Bekenntnisse am deutlichsten gemeldet hat und der dann i»och im harten Kampf den Ruhm und den Preis der Tapferkeit davoiigetragen hat, wenn der Deutsche jetzt seinen blanken Schild befleckt sieht durch den Makel der Unduldsamkeit, wenn er zusammen genannt wird mit den Barbaren des Ostens. Doch schelten »vir diese zurückgebliebenen Völkerschaften nicht allzusehr. Das Volk ist an sich gut. Als die Israeliten fortzogen ans dem Aegypterlande und sich Geschenke erbaten, da erhielten sie von den Beivvhnern überreiche Spenden. Die Arnren und Beladenen rvissen es selbst zu gut, »velches Weh Mangel und Druck bereitet, um Schuldlose zn quälen; aber diese Menschen die durch harte Arbeit dem Tage seinen Bedarf abringe», müssen, haben nicht den reifen Geist, der prüfen könnte, wenn Böswillige die Flammen schüren und die Vorurtheile erivecken. Leicht beiveglich ist die Masse, air sich zu». Guten geneigt; aber so ihr das Böse unter dein Scheine des Gilten und Gerechten gezeigt »vird, so kann sie den Schein von der Wahrheit nicht scheiden und »vird dem Bösen folgen und in erregter Leidenschaft Unthat und Unbill hällfen. Vor Gott und vor der Welt aber sind Jene schuldig, die aus sicheren, Versteck in den leicht entzündbaren Stvff den verderblichen Flinken werfe», und ans ihrem Geiviffei» lastet die Verwüstung, »velche der Brand erzeugt. Beklagenswerth sind die armen Opfer, aber »ver möchte »nit den Elenden tausche», die im Glanze der Macht sich sonnen und im Herzen das nagende Beivusttsein tragen, über Tausende die Roth und über Millionen Bangen und Sorge gebracht zn haben. Jildest so trüb diese Bilder sind und so hart es ist, durch die Mahnung der Zeit gedrängt, sie am Feste der Befreiung uns vor die Seele zu führen, sie können den Mnth des Höffens uns nicht rauben, nirs nicht lähmen. Es ist dvch nur das letzte Aufflackern jenes mittelalterlichen, im Sterbe» liegenden Geistes der Unduldsarnkeit, es ist doch nur das Zusaminenraffen der letzten Reste einstiger Kraft, die jetzt den Juden gefährlich »verden. Es ist undenkbar, daß jene erhabenen Männer, die Seiidboten der Menschlichkeit und der Freiheit,