Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1900)
- Date
- 1900-04-06
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 lebhafter Betheilignng statt. Es sprachen nicht weniger als zetpl Redner am Grabe, zum Schluffe Professor Sntzbach im Namen der Lehrer, die dein Verblichenen sehr nahe standen. Friede seinem?(nbenfen! x. Bruchsal, 2(5. März. Gestern verlieh uns mit Familie unser seitheriger Bezirksrabbiner Tr. I. Eschelbacher. um nach Berlin überzusiedeln. Sein Weggang lvird hier mit allgemeinem Bedarrern empfunden, wo er seit 1877 segensreich wirkte. In dieser Zeit hat er sich als Seelsorger die Liebe und Hochachtung der hiesigen Gemeinde uub des Bezirkes in hohem Mähe erworben. Obschon der konservativen Richtung zngethan, wutzte tzerr Dr. Esrhelbacher sich den Anforderungen der Zeit anznschließen und bei allen Gegenströmungen den Frieden in der Genleinde zu erhalten. Die Anerkennung dafür fonb er bei allen Ständen rmd Nichtungen. Davon zeigte allch die Abschiedsfeier, die ihm zur Ehre in Form eines Bankets im großen Saale des Hotels „Fortuna" am 22. d. M. gegeben wurde. Dieselbe erfolgte in Anwesenheit der fast ganzen hiesigen Religionsgemeinde, wozu sich auch die Shnagogenräthe der Landgemeillden einfanden. Eingeleitet lvnrde die Feier durch die Städtische Kapelle init dem Liede: „Die Himmel rühmen rc.", wonach der Synagogen-Chor entfprecheilde Lieder vortrug. Der hiesige Shnagogenvorstand, Herr Louis Marx. hielt eilte schlvnligvolle Ansprache an den Scheidenden, in der er beffeu Verdienste als Rabbiner, als Lehrer und Vorsteher verschiedener Vereitle, besonders als Begrüllder des Landesvereines zllr Erziehung israelitischer Waisen rühmend hervorhob. Die Badische israelitische Religionsbehörde. der Grobherzogliche Oberrath, saildte zll seiner Vertretilllg die Oberrathslllitglieder Leopold Ettliliger nnb Stadtrabbiller Dr. Appel voll Karlsrllhe, welche in herzlichen Ansprachen das schölle Verhältnis zlvischell Rabbiner nild Gemeillde hervorhobeli, die ullermüdtiche Thätigkeit Dr. Eschelbachers auf alleil Gebieten anerkannten, besonders der Berdiellste envähnten. welche sich der Seheidellde bei der Laildesshllode zur Förderllllg des retigiösell Lebens, der ökonomischen Besserstettung lind Reliktellversorgung der Rabbiner uub Lehrer in hervorragender Weise erworben hat. Letzteres besonders anerkennend, übergabell die Lehrer des Bezirks eine reich allsgestattete Adresse mit zngrundelegendem Worte des Propheten Maleachi, K. 1. B. 6. ivelchen allch die übrigeil Borställde der Vereine folgten. Allch die Schüler Ulld Schüteriilllell der höberell Lehranstalten blieben llicht Zlirück, ihrem früheren Lehrer ihrell Dailk allsZllsprechen. Dr. uled. Kusel feierte die Gemahlin des Scheidellden. lvie sie als ein Muster der Frauen, ebenbürtig ihrem Gemahl, dessen Lehren in die Wirklichkeit umsetzte, ini Wohlthun nicht nlüde wurde itub auf die liebellswürdigste Weise Jedem entgegen kaln. Sichtlich gerührt dankte Herr Dr. Eschelbacher für alle Belveise der Liebe uub Anhänglichkeit, er werde es seiner bisherigell Genleillde nie vergessell nnb für immer sich mit ihr verblmdell fühlten. Hauptlehrer Marx feierte den Laildesvater und betonte, wie sehr dieser edle Fürst alle Bestrebungen zum Guten zu würdigell wisse und vor Jahren den Scheideildeil mit dem Hausordeu des Zähringer Löwen geschmückt habe. Eill brallselldes Hoch erfüllte ben Saal und tiesergriffen stimmte lllan in die Nationathhllllle eill. Um allch ein sichtbares Zeichen der Anerkellnnng zu gebell, spelldete die israelitische Gemeillde itebft vieler: loerthvollen ailderell Geschenken voll Vereiilkll unb Privaten einen Silberkasten mit Tafelbesteck und Widmung. So hatte sich die Abschiedsfeier zu einem wahren Familienfeste gestaltet. Aln Tage seiner Antrittsrede 1877 hielt Dr. Eschelbacher feine Abschiedspredigt, er ermahnte zur Eilltracht, zum Feststehell im Glaubell, zur Wahrung aller Institutionell, lvelche zliln Heil der Geuleindeil seither bestandell uub schloß mit dem Priestersegell. Möge dieser allch für ihn ulld stille Falnilie in Erfüllung'gehen! n. Laupheim lWttb.) 2(5. März. Gestern wurde dahier eine Frau zll Grabe getragen, die es mehr als irgend Jemand verdient, auch in dieser Zeitung erwähnt zu loevben: Frau $ online Kleill gcb. Steiner z. Schloß. Das ungewöhnlich große Leicheilbegängniß war eln beredtes Zeugnis; von der Beliebtheit, bereu sich die Dahingegangene ill allell Schichten der Bevölkerung erfreute. Der sreisinnigell Richtung allgehörig, gereichte sie als lvahres Biederweib dem Judenthum zur Ehre. Aus eigener Kraft sich herausarbeitend, wurde sie die vielseitig gebildete, namentlich auch auf litterarischem Gebiet bewanderte, aber allch die wirthschastlich umsichtige, tüchtige itub stets thätige. arbeitsaule Hausfrau, die in allell lveibticheil Tngelldeil eill Muster war, ganz besollders auf dem Gebiet der thätigell Nächstellliebe. So hat sie beispielsweise sich durch hervorragende Dienste bei den im Jahre 1870 ans dem „Schloß" untergebrachten Aerlvlludetell hervorgethall unb voll höchster Stelle Auszeichnuilg gesllndell. Als langjähriges Mitglied des Ausschusses des ifr. Frauenvereills hatte Frail Kteill sich gleichfalls große Verdienste erlvorbell. Unvergessen lvird sie bleiben bei den Armen uub Rothleidenden, derell sie in hochherziger Weise sich stets angenommen, uilvergesseil bei ben Vielen, die im Schloß Arbeit gefllllden. Die Grülldllllgder Frallenarbeitsschllte dahier ist ihr Werk. All der Spitze des Berwaltuugsansschnsses stehend. hat sie sinanzkrüstige Göllller für dieses Werk zn gelvinnen gewußt. Bei all ben erwähnten zllr schöllstell Harrnonie oevOttnbeneu Tllgeilden, der Lallterkeit, Offenheit ulld der sittlichen Höhe ihres Wesens lvar sie schlicht uub einfach in Sitte, leutselig iui Ulilgang. Was Wnllder. daß voll hier uub auswärts rille außerordentliche Menge wirklich Trauernder sich beim Leichellbegäliglliß eiufauben, daß hoch und nieder. Korporationer», Staats- und städtische Bealllte unb Bürger herbeieilten, um ben letzten Tribut der Verehrung, Liebe und Tallkbarkeit darzllbringen! Mögen ihrer Spur Viele ill Israel folgell! Friede ihrer Asche! Oesterreich-Uugar«. □ Wien, 2. April. Am 2(5. v. Mts. lvllrden. lvie Sie bereits kurz berichtet haben, die Herrell Reichsrathsabgeordneter Rlldotf Auspitz, Dr. Felix Katzau, Regierullgsrath Professor Oser, Kalnmerrath L. Pollack, Komlnerzialratb L. Trebitsch uub Dr. Wilhelm Zllrker von dein Ministerpräsidelltell Dr. v. K ö r b e r ill lällgerer Alldiellz empfangen. Nachdem Abgeordlleter Allspitz die Mitglieder der Deputation vorgestellt hatte, führte er ans, daß die Herren den verschiedellsten Berufszlveigell angehören, daß sie aber durch die gelneinsame Kollfession, solvie lloch mehr dllrch das gleich warme Gefühl für Kultur und die Hlllnanität verbunden seien, für Ideen, lvelehe über Koilsessioll lind Nationalität hinweggeheu. Nur ill dieser Eigenschaft, fuhr der Redner fort, sowie als aufrichtige Patrioten, welche ihr Vaterlaild im Wettbewerbe der Kulturnationeu all gebührender Stelle zn sehen wünschen, glauben rvir, obwohl loir allerdings ohne irgend ivelches osfizielles Mandat sind, Euer Exzellenz aufmerksam machen zil dürfen, ivie lveliig die Thatsachen auf oieleu Gebieteil des ösfelltlicheli Lebens mit der staatsgrundgesetzlich gelvahrleistetelt Gleichberechtigung inx Einklänge stehen, ulld lvie jene Bewegltng, lvelche scheillbar nur gegeri die Gleichberechtigung der Israeliten sich lvendet, ill Wahrheit gegell Kultur und Bildung, die Grundvoraussetzungeil jedes geistigen unb wirthschastlichen Fortschrittes, gerichtet ist, so daß sie, loeutt ihr llicht von autovitatiOev Seite entgegengetreten wird, nur allzusehr geeignet ist, das Allsehen lnld das Gedeihell des Staates ernstlich Zll gesährdell. Hierall kllüpste der Redner unter Hinweis auf die Sympathien, die sich das Kabinet Körber ill weiten Volkskreisen zn erlverbell verstanden, die Bitte um Schutz für seine seit Jahren ulancherlei bitteren Krällkllngen lllld schwerem Unrecht ausgesetzten Kollfessiollsgenossen. Voll allderer Seite lvnrde auch ans die erliste Schädigung Hingelviesen, lvelche der Wiener Fremdenverkehr, der Wiener Halldel und die ganze öfter; .ichische Industrie dadurch erleiden, daß durch das Umsichgreifen der antisemitischen Belvegllug zahlreiche fremde Kaufleute im III- und Allslallde sich von Wien zurückziehen. Es wurde ferner hervorgehoben, daß die Ullternehnler sich scheuen, nelle 3nueftititioneu in einem Laude zu machell, ill welchem öffentlich ulld llicht feiten jüdisches Eigenthmn als vogelfrei bezeichnet werden darf, zumal man ganz gilt lveiß, daß die.Propaganda der Thal über kollsessionelle Unterschiede sich hinwegsetzell würde. Eille Folge dieser Bewegung sei es auch, daß die Industriellen ihre Neuanlageu lieber in Ungarn errichten; ferner, daß Körperschasteli, welche selbst durchaus llicht alltiseliiitisch sind, doch ans Scheu vor dieser roherr Bewegung es vernleiden. bei der Berleihllllg von Beanltenstellen stets nur llach Würdigkeit vorzugehen. Ebenso lvnrdell die ernsteil wirthschastlichen Folgell der ill Stadt uub Land sogar unter ben Augen der Behörden eifrig betriebenen Bohkottiruug jüdischer Geschäftsleute zur Sprache gebracht. Die Devise, lvelche die galize Bewegung auf ihrem Schilde trägt — führte einer der Herren aus —. ist au und für sich schon ein schlverer Angriff ans Kultur, Humanität und Staatsgrlludgesetze. Der Ministerpräsident erwiderte tjierauf, er danke den Herrell für ihre Begrüßung und illsbesondere für die srenlldliche Anerkennung der Bemühungen der Regierung, die Jnteressell der Bevölkerullg überall nachdrücklich zu wahren. „Ich beklage", fuhr der Ministerpräsident fort, „mit Ihnen die Ursache, die Jhne»l den Anlaß zu Ihren Beschwerdell gegeben hat, uub kann Ihnen nur die beruhigende Bersichermlg geben, daß die Regierullg sich