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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-06 · Heft 14 (6.4.1900) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 14 (6.4.1900)
Date
1900-04-06
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 die strikteste Beobachtung der Staatsgrnndgesetze auch den Angehörigen Ihrer Konfession gegenüber zur Pflicht inacht lind allen Verletzungen der durch sie gewährleisteten Rechte energisch eütgegelltreten wird." Znm Schlüsse forderte der Ministerpräsident die Herren ans, sich bei konkreten Beschwerdeanlässen stets an ihn zu wenden. Im Uebrigen wird lvoht alles beim Alten bleiben. — Einer der Redner bei dieser Audienz gedachte auch des Druckes, unter welchem speziell die Juden ans dem Lande leben müssen, die stets der Gefahr einer neu eil „Ritualmordhetze" ausgesetzt sind: so hat sich vor einigen Tagen abermals in einem mährischen Städtchen eine solche Blutlüge vorbereitet, bis zum Aerger der Anstifter das todtgesagte Opfer frisch und munter ans der Bildfläche erschien, wie dies cuiri) in Nachod der Fall lvar; dort lvnrde der Oekonom Johann Eeip ans Bohdasehin, lveleher den Kaufmann Emannel Kohn in Nachvd der Mitschuld an der Ermordung der Dienstmagd Atarie Cerwenka fälschlich beschuldigt hatte, gestern vor dem Kreisgerichte Königgrätz lvegen Betruges und Verleumdung zu fünfzehn Monaten schweren Kerkers vernrtheilt. Bekanntlich hat das Verschwinden der Dienstmagd Eenvenka Anlaß znm Auftanchen des Atärchens von einem Ritnatmorde gegeben, und die Anssage des Eeip führte zur Verhastnng des Kaufmannes Kohn, bei welchem das Mädchen bedienstet lvar. — Die Wiener Universität und mit ihr die deutsche Wissenschaft trat den Tod eines hervorragenden Gelehrten zu beklagen. Gestern Nacht ist hier Professor Dr. Joseph Grub er. der Begründer der wissenschaftlichen Ohrenheilkunde, im 73. Lebensjahre nach kurzer Krankheit gestorben. Mit ihm scheidet einer jener Männer, die mit dazu bei getragen haben, der Wiener medizinischen Fakultät eineil Weltruf zu verschaffen, ein Mann, um dessen Lehrstuhl sich zahllose Stildeiiten und Aerzte ans allen Theiten der Erde schaarten. Gruber hat Werke geschrieben, die ans dein von ihm gewählten Spezialgebiete bahnbrechend gewirkt haben. Seine Schüler verehrten in ihm den Meister der anschaulichen Darstellung, den von hohen ethischen Grundsätzen erfüllten Lehrer, imb wir beklageil den hervorragendeil Glaubensgenossen, der denl Jildeiithnm Zlir Ehre gereichte. — In Brünn ist am 16. v. Alts. der frühere Lalidtagsabgeordllete Dr. L ll d w i g M e r o r e s gestorben und unter lebhafter Theilnahme aller Kreise beerdigt lvorden. Am Grabe sprachen Landrabbiller Dr. P laczek, und Namens der politischen Parteifreunde Baumeister I e l i il ek und für die mährische Advokalenkalnmer Dr. E h r m a n n. — Wie die polnischen Blätter berichten, wurde der Krakauer Kans- Nlaiill Israel Araten, dessen Tochter Michalina alis denl Kloster der Felicianerinnen in Krakau spiirlos Verschlviillden ist. in Begleitung des Leulberger Rabbiners Schmelkes vom Statthalter Grasen Pinillski in Aildienz empfangen. Araten schilderte verzweistnngsvvll. lvie er seit Moilatell unablässig ans der Gliche llach dem Versteck feiner* Tochter sich befinde, und verwies ans die protokollarisch kollstatirte Aeußernng der Nonne Marie Rosalie: „Wir lverden nils bemühen, die Allgelegenheit bis über deil Monat Mai hinznziehen, dann aber bleibt Michalina nach beendigteln vierzehilteil Lebensjahr die Unserige." Arateil klagte, daß sowohl die privaten als auch die behördlichen Nachsorschnllgen nach dem Verbleib des Mädchens bisher gallZ erfolglos waren. Ter Statthalter versicherte, daß er fein Unrecht und keine Gesetzlvidrigkeit unterstützen werde; allein der Aufenthalt der Michalina Araten sei den Behörden ilicht bekannt!! — In Oderberg ivnrden der Grenzpolizeibeamte Mattel lind der Privatbeamte Stranczek. jener zu 24 Tagen Arrest dieser zu 8 Tageil strengeil Arrest vernrtheilt, weil sie ben greisen jüdischen Kaufmann S ch ö n ln a ll n , der für seine Schlviegertochter eine Magd llach München brachte, des „Ritnalmordes" bezichtigt, beschimpft linb lllißhandett hatten. — Kurz llach der Oderberger Affäre wurden in Neusandee in Galizien zwei jüdische Kallflente Stein ltnb 1 e i t e 11) cuun unter der Beschuldigung, cm einem Bauernmädchen ein eil Ritnalmord verübt zu haben, verhaftet. Gestern wnrdell sie lvieder in Freiheit gesetzt, da die Beschuldiglmg als böslvillige ErfindlNlg erlviesen wurde. Nunmehr lvird allch in Wien ein Nitnatmordmärchen in Umlauf gesetzt, offenbar mit Rücksicht auf die bevorstehenden jüdischeil Osterfeiertage. Seit Sonntag lverden iin Vorort Floridsdorf zwei Dienstmädchen, bereu eine bei einem jüdischeil Buchdrucker bedienstet lvar, vermißt. Sie verließen wahrscheinlich heimlich den Dieilstort. Aber unter der Bevölkerung lvird das Gerücht verbreitet, die Mädchen seien voll Inden geschlachtet lvorden. Eine dritte Schwester, die bei einem jüdischen Schächter in Floridsdorf bedieilstet lvar, sagt ans, beide Schwestern hätten sie aufgefordert, ben Dienst zu verlassen, da die Juden mm das Blut christlicher Mädchen brauchen. Das Tollste aber ist der Antrag, den-der Mechanikns Schneider dieser Tage im niederösterreichischell Landtag eingebracht hat, „die Juden vor dem bevorstehelldeil Osterfeste unter besonders strenge Aufsicht lvegen des Ritnalmordes zll stellen." Da weiß man wirklich nicht mehr, was man zu dieser antisemitischen Schmach sagell soll! Von Nah und Fern. — Geheimrath Professor Dr. Sen ator ist voll der Soeiehi medirochirurgica zu Bologna zum korrespondirenden Mitgliede ernamit worden. — Der in Berlin lebende Bildhauer lmd Schriftsteller Dr. Alfred N o ss i g , der im Aufträge der Erzherzogin Maria Thersia eine Todtenmaske der Kaiseriil Elisabeth voll Oesterreich allsführte, hat als Zeichen der Anerkennung für das gelungene Werk eine Brillantnadel mit dem Ncnuenszuge der Erzherzogin erhalten. — In Loslan ist aln 27. v. Mts. der Stadtälteste Berilhard Schäfer, ein allgemeiil angesehener mld vortrefflicher Mann, im 79. Lebensjahre gestorben. -- In Sch lv erin a. W. ist das älteste Gemeindemitglied, Herr Joseph Jacoby im 91. Lebensjahre aln 23. v. Mts. gestorben. Er lvar in Stadt lind Gemeinde hochgeachtet. — Dem Berlagsbnchhändler I a k o b B. Branders in B r e s l a n wurde alis der Exposition internationale coLicnrs euliiiaire et(l'aiinrentation (Kochkunst-uud Nahrnngslllittelallsstellnllg) in Paris für das iu seinem Verlage erscheineilde „Vollständige israelitische Kochbuch" voll Wittlve Marie Kauders die goldelle Medaille zlierkallllt. — Dem Hosbankier iveiland Kaiser Wilhelm I., Baroil v o n Cohn in Dessau, ist der Rothe Adlerorden I. Klasse verliehen lvorden. — In Cassel fand am 26. v. Mts. tm israelitischen Schullehrerseminar die Entlassungsprüfnng statt, der sich sechs Seminaristen unterzogen. Den Vorsitz führte Geh. Regier« ngslind Schulrath Stern köpf. Sümmtliche Prüflinge bestanden und erhielten damit das Recht auf provisorische Allstellung iul Schuldienste. — Der langjährige Vorsitzende der israelitischen Gemeilide in Meiningen Kommerzienrath Dr. jur. Gustav Strupp ist am Geburtstag des Herzogs zum Geheimeil Kommerzienrath befördert worden. — In Z en ta (Ungarn) ist der Oberrabbiner Saloui o u Kleiil im Alter von 67 Jahren gestorben. Er hat sich durch sein Werk „Likllte Schelomoh" (1894) bekanilt gemacht. — Polnische Blätter berichten, daß sich galizische ltnb bukowinaer Juden an der Flößerei aus dem Czeremosz, einem Nebenflüsse des Prnth, seit letzter Zeit stark betheiligen. Wer das Flößerwesen einigermaßen kennt, der wird die Thatfache, daß sich Juden diesem schlveren und gefahrvollen Erwerbe widmen, zu würdigen wissen. — Der ruthenische Kirchendiener Dimhtro Lhsenko entführte die 19 jährige Tochter des Kausmallus Frajda Inslicht in S tan isla u, lvelche Pretiosen mitnahm. Lhsenko brachte das Mädchen behufs der Taufe im Kloster unter. Dagegen ist das Verschwinden der 14 jährigen Sarah Färber ans dem Elternhanse nicht als Mädchenraub anfzufassen. Die schöne Sarah soll mit einem Offizier durchgegangen sein. — Das russische Ministerium des Innern hat der hnngerleidenden jüdischen Bevölkerung von Ackerman den Betrag von 4000 Rubeln ans den Einnahmen der sogenannten Fleischtaxe bewilligt. — Inder italienischen Armee befinden sich 1 Generalleutnant, 1 Oberst, 8 Majore, 43 Hanptlente und 109 Leutnants. — Der Präfekt von Paris macht bekannt, daß die Legate des Testaments der Frau Baronin Hirsch, deren Jahrzeitstag in dieser Woche siel, nunmehr flüssig geworden seien. Es sind für Paris allein 26 Millionen Francs. — Der frühere jüdische Lordmahor von London, Mr. Fandet Philips wurde von der Königin zum Sheriff ernannt. — In Rew-Uork hat sich kürzlich ein Komitee zur Errichtung eines Denkmals für die im Bürgerkriege im Jahre 1863 gefallenen Juden gebildet. Dasselbe wird einen Ausruf erlassen, in dem es alle amerikanischen Juden ohne Unterschied ihrer Parteistellnng zur Beitragsleistung anffordern lvird. — In den englischen Regimentern, die in Südafrika kämpfen, befindet sich eine größere Anzahl von Soldaten jüdischen Glaubens. Es sind etwa 300 Juden. Sir Samuel Montag«, der bekannte englische Philanthrop in London hat es übernommen, sie vor dem Feste mit Mazzot zu versorgen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für bte Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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