Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1900)
- Date
- 1900-04-06
- Page
- Seite 167 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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167 Literarische Mittheilungen. — Zwei Schriste«« über die Blutlüge siud soeben erschienen, die gerade in unseren Tagen viele Leser fiitbeu dürften. Professor Dr. Hermann L. Strack hat seine bekannte Schrift über den Blutaberglauben in neuer Bearbeitung unter dem Titel: „Das Blut in« Glauben u n d A b e r g l a u b e u der Mer« schheit" heransgegeben sMünchen 1900, C. H. Beckh'che Verlagsbuchhandlung». Es ist zun» großen Theil ein neues Buch. Die Kapitel über das Zellgniß der Geschichte für jüdische Ritnalmorde, über den Widersprrrch fromrner Inden »nie Christen und über den Ursprung der Blutbeschrrldigrmg sind fast durchweg neu geschrieben rvorden. Es erhellt aus ihnen sonnenklar, daß die Geschichte keine Beweise für „jüdische Ritualmorde" liefere, uub daß die bedeutendsten Päpste und weltlichen Herrscher der Blntbeschnldignng nachdrücklich widersprochen haben, ja, daß kein einziger Papst sie gebilligt hat. Hohe Anerkennung muß jeder humane Mensch Herrn Professor Strack dafür zollen, daß er diesen Kamps im Interesse des Friedens unb der reinen Gotteserkenntniß seit Jahre«« so mnthig führt itub sich weder durch Beschimpfung in der Tagespresse noch durch schwere äußere Nachtheile darin beirren läßt. Es klingt luic ein Wort von Ulrich von Hutten, wenn er im Vorwort zu seiner Neubearbeitung sagt: „Ich werde, so lange ich noch das Schwert des Geistes führen kann, nicht schweigen und ich sorge auch dafür, daß mein Wort denen bekannt rvird, auf die es wirken soll." — Die zweite Schrift ist von dem mnthigen Vorkämpfer gegen den Blntaberglauben in Böhmen Professor T. G. Masaryk. Sie führt den Titel: „Die Bedeutung des Polnaer Verbrechens für den Ri tualab erg tauben" (Berlin 1900, H. S. Hermann). Prof. Masarhk hat den Polnaer Prozeß nach allen Seiten genau überprüft. Er bespricht das neue Gutachten der dortigen Gerichtsärzte, ihre „anatomische Philologie", die angebliche Ausblntnng der Leiche. Zeit und Ort solvie die psychologische«« Motive des Verbrechens und endlich die logische Konstruktion der Schuld des Angeklagten. Das Resultat seiner scharfsinniger! Prüfung ist folgendes: „Das Polnaer Verbrechen ist kein Ritnalverbrechen, iin Gegentheil ist es ein schlagender Beweis dafür, daß der Ritnalaberglanbe in der That im vollsten Sinne des Wortes ein A b e r g l a n b e ist. Dieser Aberglaube ist eine Schmach der Zeiten, eine brennende Anklage des offiziellen Christenthnrns, die offene Thür alles übrigen Aberglaubens, die hohe Schule nationaler und sozialer Verblendung und Gervaltthätigkeiten." Möchten beide Schriften lveite Verbreitung und Beherzigung finden. — Kol Riimo, 40 Sabbath-, Fest- und Gelegenheitsgesänge für Chor und Orgelbegleitnng. Komponirt und lreransgegeben von Professor Ad. Grün zweig, 9!egenschori in Arad, Ungarn. Viele Komponisten, deren Werke in die Welt allsposaunt werden, verdanken es zlnn größten Theil den blindlillgs jubelnden und anbetnngsgeübten, intimen Freunden, die durch Vergütterlnigsgeschrei der Geistesprodllktion Eingang verschaffen. Wenn mir aber obiges Werk einer gerechter!, llnparteiischen Beurtheilung unterziehen «vollen, müssen rvir zunächst zrl vergessen suchen, das rvir es mit einem irr Kantorenkreise«! zur Genüge rühmlichst bekannten, bedeutenden Kornponisten, der bereits nrehrere seiner Musenkinder als Herolde und Verkünder seines Ruhmes in unsere Mitte sandte, zu thnn haben. Herr Professor Grünzrveig, der, rvie oft auch schon früher, nun die Litteratnr unserer Syrragogelirnnsik mit diesem bedeutenden Werke bereichert, erleichtert uns erfrenlicherlveise. sagen rvir lieber klrlgerrveise, dies selbst, indern er beim Komponiren auch seiner sonstigen Korripositionen, so wie auch seines Kal Rinno, Alles geradezu ängstlich verruied, rvas an ein Nacyahrnen an Andere uns erinnern könnte, da lvir zu unseren! nicht gerirrgen Bedauern andern, sogar bedenterrderr Kornponisten diesen Vorrvnrs zri machen, uns nicht erwehrerr können. Professor G. hält die Sache sür lvichtig gerrug. nrn dem Synagogengesang die cdle Ausgabe znznschreiben, mit Wärme nrrd Kraft sür die ideale Richturrg eirrzutreteu. Sein Derrkerr und Trachterr hierbei rvar ans ein garrz anderes Ideal gerichtet, nämlich ein tiefiirhaltliches, leicht dahirrfließeirdes Musikwerk zu schaffen und dies gelang ihrn arich mehr denn Andern, sorvohl früher als and) jetzt. So oft man G.'sche Kompositionen selbst spielt, singt oder arich denselben lauscht, erscheinen sie uns neu und originell, immer ftndeu rvir eine versteckte Schönheit an ihnen heraus; irr der Musik prägt sich vor altem G/s Streberl aus, um jeden Preis von Vorbildern und Schafsnngsarl ariderer Meister rrnabhängig zrr sein. Die Harmonie glänzt und schillert allzeit irr den sattesten Färber«, und scheint uns sichtlich, daß dieselbe von dem Kornponisten mit einer fast zu weitgehenden Vorliebe beharrdelt rvorden sei. rrnd zrvar zrnn Vortheile der Gesangsstimmerr. Ar« der Fülle dieser rrrarrchrnal arich tief verborgenen Schörrheiterr liegt es wohl znrn größter« Theil, daß mau G.'s Gesänge in«nrer und inrnrer rvieder, ohne zu ernrüden, hörerr rrrag. Wir neunen Professor G. mit Stolz einen „unserer Meister", der zrlriächst sich zeigt als Meister der Form, deren Votleudring ihn« in erster Linie wohl am nieisten an« Herzer« zu liegen scheirrt. Die G.'scheu Konrpositionen gehöre«« z«i den Werker«, die arrch r«lls ein Starlrren Über ihres Schöpfers Jnstrrluientationskrinst in der Orgelpart abnöthigen nr«d in« tiefster« Innern rühren. Diejer«igerr Kar«torer«, liamerrtlich solche größerer Gerrieiuden. die ihrer« Zrihörerr« beim Gottesdienst et rvas Gediegenes, ja Anfprecherrdes zu bieten bestrebt sirrd. «irögen G.'sche Gesangslverke sich airschaffeu, rvas sie nie zu bereuen haben rvürdei« r«nd ihnen zu erfolgreichen« Wirker« verhelfen rvird. Oberkantor Ehrlich. Oppeln. Sprerhsaak. A n srn f. (9/^it den« 20. Febr««ar ist der Schreckeristag sür Boryslarv eingetroffer«. Mit diesem Tage mußte «rach der« Vorschriften der Bergpolizei der garrze Betrieb in aller« Schächten eingestellt rverden. Tausende von jüdischer« Arbeiter«« sii«d nnnrnehr dem bittersten Elend und der größten Noth arisgeliefert. Hurrderte«« vor« jüdischen Fan«ilier« nrarrgelt es bereits an« Allerrrothwerrdigsten, an Brod. Oesters schor« ist der Nothschrei von Borlislaro hinarrsgebrrirrgen, es wirrde arich Hilfe geleistet, aber ir« einer Weise, die die gräßliche Lage nur um so greller beleuchtete. Arrch gegenwärtig arbeitet eil« bestehendes Unterstützungs-Komitee mit Eifer nach den« festen Plärre, die arbeitslosen Fainilien allinälig nach Maßgabe der Mittel nach Anierika zu befördern. Was solle«« aber jene Unglücklichen beginne!«, ans die noch nicht das glückliche Los der Ausivanderrurgsbegünstigung gesaller« ist? Sie fönneu nicht mehr warten, beim warten ist für sie gleichbedeutend mit Hungertod. Unmöglich kann die jüdische Barnrherzigkeit ein solches Elend mit Gleichgültigkeit betrachten, llnd so rvenden rvir uns noch einural an die jüdische Oeffentlichkeit mit den« dringenden Aufrufe, der jüdischen Arbeiter vor« Boryslarv, die nicht durch eigene Schiild. sonder«« durch rrnerbittliche Verhältnisse ir«s Elend gerather« sind, nicht zr« vergessen. Die Hilse «nr,ß rasch sein, denn die Gefahr ist groß. Bor«)slaw. irrl April. Der Bürgermeister: K o r r« h a b e r. i Sehr geehrte Redaktion! lOV^cie vieler« gleich mir rvird schwere Wehmnth das Herz erfüllt haben ltnb rverderi die Angen von Thräuer« überlaufen sein, rvenn sie den Leitartikel „Boryslarv" ir« Ar. 8 Ihres geschätzten Blattes gelesen, in rvelchen, so drastisch das hoffnnngslose Elend der armer« Boryslarver Arbeiter geschildert rvird. Hier sind es nicht Farrllenzer, nicht arbeitsscherre, unfähige Taugenichtse, die dern Hunger, dem Verderben preisgegeben rverden. nein, es harrdelt sich nrn bervährte, fleißige rrnd rrüchterne jüdische Arbeiter, rvelche nicht etwa den Achtstundentag, hoher, Lohr« und prozerrtuale Partizipirrrrrg am Reingervinn streikend fordern, sondern die 16 Stunden täglich rvirklich arbeiten rrrrd dabei glücklich rrnd zrrsrieden sind, in ihren Leistungen den arischer« Brüder«« kei««esloegs nachstehei« und i«« jeder Beziehung vorrv«>rfssrei dastehe«,. Solchen jüdischen Arbeitern Hilse zu bringe«« sollte m«s Inden gar so schwer sein? „Hilf' dir selbst. Hilst dir Gott." sagt das Sprichwort. Wo bleibt aber — nicht das jüdische Herz «vollen rvir ir«s erste Treffen führe,« -- wo bleibt der jüdische Unternehmungsgeist, der überall, wo sich nur irgend ein Vortheil heransschlagen kö«mte, ir« die