Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1900)
- Date
- 1900-04-06
- Page
- Seite 166 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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166 hatte er sich dem wunderbar gewinnenden Zauber, der van der Persönlichkeit des „Santo Signor", - wie dieser sich von seinen Anhängern nennen ließ, ansging, zn entziehen vermocht. Aber gerade ihm waren zufällig. durch einen Geschäftsfreund, über das Vorleben des geheimnißvollen Fremden aus Polen und Galizien, ja, ans »och größerer Ferne, so gravirende Gerüchte zn Ohren gekommen, daß ei» gewisses Granen in seiner mit Respekt gemischten Bewunderung überivog. Er hatte seinen Aufenthalt in jenen prächtige» Räumen immer thunlichst abgekürzt und dem niwerkennbaren Entgegenkommen der Begleiter des „Heiligen Herrn" einen passiven Widerstand bezeigt. Jetzt öffnete sich die stets streng verschlossen gehaltene Pforte des Frank'schen Schloßhoss, um Jemanden herauszulassen, den Elsässers scharfe Angen sofort, selbst auf die beträchtliche Entsernnng hin, als landfremd erkannte». Der Fremde begann langsam die Gasse hinanzusteigen. „Kein Jude", dachte Elsässer, „welcher Fromme verreist über die Feiertage?" Mit einer gewissen Neugier sah er den Wanderer allmählich näher kommen. Es war eine stattliche Erscheinung, mittelgroß. mit durchdringenden, dunkeln Augen. Sein Alter schien schwer zn bestimmen. Das Haupthaar war schon stark vom Schnee der Jahre gestreift, aber die straffe Haltung, die feurig funkelnden Blicke des Unbekannten straften jenes Zeichen des Altseins Lügen. Das Gesicht trug vollkommen den orientalischen Typus, so daß Elsässer in seiner ersten Annahme schwankend wurde. Der „Heilige Herr", — das wußte er, — hatte Beziehungen zu Menschen ans aller Herren Länder, von allen Konfessionen, es waren das, nebenbei bemerkt, nicht eben immer Leute, deren Lebenswandel über allen Tadel erhaben ivar. Vielleicht war dieser einer Abtrünniger, ein Renegat. Der Herannahende war inzwischen auch ans ihn aufmerksam geworden. Bei ihm angelangt, blieb er stehen und begrüßte ihn mit jenem Jahrtausende alten Gruß, der in seiner schlichten Schönheit zugleich eine Verheißnng enthält: „Friede sei »nt Euch!" „Mit Euch sei Friede!" antwortete Elsässer in hergebrachter Weise, nm dann ebenfalls gewohnheitsgemäß fortznfahren: „Fröhliche Feiertage!" Hierauf gab der Andere die übliche, dem Erste» ein Gleiches lvünschende Antwort und fügte dann hinzu: „Soweit man in der Fremde ein fröhliches Fest zn feiern vermag." „Ihr seid zum ersten Mal in Offenbach?" fragte Elsässer. „Freilich. Ich hatte dort" — er deutete mit den Augen ans den Frank'schen Wohnsitz — „einen Auftrag anszurichten." Gar z» gern hätte Elsässer nunmehr etwas Näheres über jenes verwunschene Schloß gehört, auch, ob der Fremde, der sich im Laufe des Gesprächs jetzt als frommgläubiger Jude erwies, dort Gastfreundschaft im Hause des Renegaten,"des Paten des Königs von Polen, annehmen ivürde. Allein Jener wich ihm mit freundlicher Bestimmtheit aus. Auch über sei» eigenes Woher und Wohin schien er sich ungern äußern zu wollen. Auf eine direkte Frage, von wo er komme, hatte er kurz erklärt: „Ich komme weit her. aus dem Reich, ans Wien." Eine fernere Frage, ob dort sein Wohnsitz, überhörte er offenbar mit Absicht. Dann aber begann er, von Elsässer zum Niederlassen auf der vor dem Hause befindlichen Bank ausgefordert, eine Unterhaltung über Allgemeines, die er! so spannend und fesselnd zu gestalten wußte, daß Jener als- I bald alle Neugier vergaß, und nur den Zauber seiner Rede auf sich wirken ließ. Wie rasch sie miteinander bekannt geworden waren! Wie es der Fremde verstand, ihn, den sonst ziemlich Schweigsamen, beredt zu machen! Ohne ihn irgendwie auszuhorchen, hatte Jener bald von ihm erfahre», wie schwer auch er unter den trüben Zeiten litt. „Nun," meinte der Unbekannte darauf tröstend, „Ihr steht mit dieser Klage nicht allein. Wohin man hört, überall dasselbe Seufzen!" „Das macht es mir nicht leichter," warf Elsässer etwas bitter ein. „Ich habe nie in dem Gedanken, daß es Andern auch schlecht geht, eine Beruhigung finden können." „Wolan!" sagte der Fremde sich erhebend und seine leuchtenden Augen mit dem Ausdruck herzlicher Güte auf den Klagenden heftend, „es kommt auch einmal anders. Dies Jahr wird besser werden. Ich wünsche es Euch ivenigstens von ganzem Herzen. Gehabt Euch wohl. Und nochmals: „Gut Jontef!" Er hatte ihm abschiednehmend die Hand gereicht und ivar dann so rasch entschwunden, daß Elsässer ihm diesmal den Gegenwunsch schuldig bleiben mußte. In seltsam gehobener Stimmung kehrte er in sein Hans zurück. Als er dann nachher in gewohnter Weise den Sederabeud mit Weib und Kindern beging, konnte er sich nicht versage», ihnen beim Abendessen von seinem neuen Bekannten, von dessen gewinnender Güte zn erzählen. Seine Gattin bedauerte hierauf vor allem nach Frauenart, daß er diese Unterredung nicht benutzt hatte, um etwas mehr über den geheimnißvollen heiligen Herrn in Erfahrung zn bringen. Da sie selbst mit dem Fremden nicht in Berührung und daher nicht in die Lage gekommen waren, den Zauber seiner Persönlichkeit zn empfinden, so konnten seine Familienangehörigen die freudige Zuversicht, die er ihrem Oberhaupt anscheinend eingeflößt hatte, nicht recht verstehen. Speziell die Hausfrau, die die Roth der Zeit ebenso schwer empfand wie ihr Herr und Gebieter, verhielt sich sehr ablehnend und bemerkte zum Schluß ziemlich ungeduldig: „Ich iveiß nicht, worüber Du Dich so freust. Ich gebe nicht viel auf solche hohle Redensarten. Ja, hätte er Dir irgend ein gutes Geschäft nachgewiesen, hätte er Dir bei dem da," — ivieder zeigte sie nach der Richtung des Schlosses —, „etwas ansgewirkt." — „Mit dem da will ich, wo es zn vermeiden ist, nichts zn schaffe» haben, Hannah." „Und von dem Fremden mag ich nichts mehr hören. Gieb Acht, das ist ein ganz gewöhnlicher Schnorrer." „Den Eindruck machte er wahrlich nicht. Doch genug davon. Was soll er »ns den Sederabeud verderben! Morgen, in Schul, werden wir erfahren, iver er ist. Und jetzt lesen wir weiter." Der Abend wurde in gewohnter Weise mit Vorlesung des zweiten Hagadah-Abschnittes beschlossen. Aber über den Fremden vernahm Elsässer nichts mehr. Derselbe war weder am nächsten Morgen in der kleinen Synagoge, noch hatte ihn überhaupt Jemand erblickt. Vielleicht weilte er wirklich als East unter dem Frankschen Dache oder er hatte Offenbach schon wieder verlassen. lFartsehung folgt.)