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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-06 · Heft 14 (6.4.1900) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 14 (6.4.1900)
Date
1900-04-06
Page
Seite 165 (sequence 11)
Language
German
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165 EUILLETON Der Becher des Propheten. Voll Paula Fab er. I. ^ffenbach am Main. Nor mehr denn hundert Jahren. Der junge Frühling hatte die Natur in vollem Schlafe überrascht, doch that sie mancherorts scholl die Allgen auf. Birn- und Apfelbärlnre bedeckten sich bereits mit Knospen und die Palmkätzchen verschiedener Art schimmertell durch das braune Gezweig rioch mlbelaubter Bäume. An ben voll der Sonne getrofsenerr Hängen trieben schon die Blumen ihre Blütheu, die Primel mit ihren blauen und violetterl Kelchen, die Maiglöckchen, die wilden Erocus. Silberll uild golden im Aberldlicht funkelnd rauschterl die Wogen des Maillstroms. Auf den: ganzell Bilde lag festliche Sabbathstimmung, wie sie der Lenz, das Erwachen frischen Lebells so leicht hervorruft. Jll verstärktem Maße war dles in den engen, sich fast bis an den Fluß hlnabstreckenden Gassen der Fall, die das Judenviertel der kleinen Stadt bildeten. Die m den meisten Häusern der lauenFrühjahrsluftwegen weitgeöffnetellFellster gewährten einen Einblick in die zierlich aufgeputzteu Räume, die, theilweise mit von Urvätern ererbten Prunkgegenstünden geschmückt, voll einem Hallch des Friedens, des Ausrllhens, der Vorfreude erfüllt schienen. War es doch der Vorabelld des Passahfestes. Seit frühem Morgen herrschte bereits nach all dem emsigen Scheuern itnb Putzen, mit dem die geplagten Hausfralleu die acht Tage des Festesfriedens erkaufen rnußtell und — müssen, volle feierliche Ruhe. Jene Ruhe, die sich diese auf Erderl so bitter gequälte, verfolgte Rasse voll jeher für ihre Feste zu wahren verstand llnd die ihnen vielleicht als Kompensation für ihre furchtbaren Leiden hienieden zu Theil geworden ist, — als eine Vorahnullg des dereinstigell ewigen Ausruhens dort droben! Die Gesichter der wenigell Vorübergehenden trllgen fast alle den Ausdruck rllhiger gehobener Vorfreude. Nur jener vor der Thür eines der stattlichstell Häuser der Straße Stehende Ulachte eine Ausnahme. Er schien gar wenig Vergnügen all dem festlichell Aufputz seines Hausflurs, seiner durch die geöffneten Thüren deutlich wahrnehmbaren schön hergerichteten Zimmer zu haben, der erste Vorsteher der kleinen Offenbacher Gemeinde, Hehulallll Baruch Elsässer. Auf den ersten Blick würde ihn Keiner für einen Judeil gehalten habell. Blondhaarig, blauäugig, von Wuchs eine wahre Lohengrinerscheinuug, hätte er füglich von beu Ureinwohnern abstammeu können, der schöne Heymann von Offerlbach, wie er in jüngeren Jahren weit uild breit genarrnt worden lvar. Hent wäre diese Bezeichullng kalnn lloch zlltreffeird gewesen. Dafür war das lichte Haar schon 311 stark mit Grau gernengt, die Haltung zu gebückt, und auf die hohe Stirn hatte die Sorge mit rauher Hand jene Linien gezeichnet, die selbst die Allssicht auf die Ruhe und Weihestimmnng des Passahfestes llicht garlz hinwegzuglätten vermocht hatte. Es waren eben schwere, schlvere Zeiterl, jene Jahrzehnte nach denr siebenjährigen Kriege, Jahre der Theuerung, des Geldmangels, des langsamen, beschwerlichen, uueublid) mühseligen Sichdurchschlagens. Uitb roenn HeyillarlN Elsässer, der selbstverställdlich trotz seilles neutralen Aeilßeren mti' dasselbe Handelsgewerbe betreiben kolnlte, lvie es seine Borfahrell vor ihm gethan, auch nr redlicherll Mühen bisher stets das Brod für sich und die Seilleil 31t eriuerben vermocht hatte, - voll jenem fröhlichen Gedeihen, loie er sich alls der Jugelldzeit erinnerte, voll jenem ruhigen Vorwärtskommell, lvie er es für feine und seiner Familie Zukunft erhofft hatte, lvar er himmelfern! — Heut schien es dem in der feiertägigen Muße auf die Vergangenheit Zllrückblickelldell sogar, als habe sich das Unglück von Jahr zu Jahr beharrlicher all seine Fersell geheftet. Noch eülige solcher Fehlschläge, — er wagte nicht, sich dies Zuknnftsbild lveiter allszlnnalen. „Ja", dachte er seufzerld, „die Zeitell silld eben zll schlecht. Gott bessere es! Und doch lvieder, hat der Herr so weit geholfen, so wird er allch lveiter helfen. — Ach, lver es so haben könnte, lvie Jener!" Seine Blicke lvandertell die hoch gelegene Gasse hillab itnb sielen dalln auf ein stattliches am Mairr belegeues, voll hohen Mauern uinfriedetes Grundstück. Voll feinem erhöhten Standpunkt aus konnte man in den Garten schauen. Stattliche Anlagen, ein prächtiges, altes, ill schönem Renaissancestil erbautes Schloß boten sich dem Ange, da jetzt die nlüchtigen Bäunle lloch nicht durch ihre Blüttermassell der forschenden Neugier alle Augellweide entzogen. Dort lebte ein Mann, voll dem nmit bis in die jüngste Zeit llicht gewußt hat, ob er ein betrogener Betrüger oder eine — wenigstens zeitweise — lvirklich einflußreiche Persönlichkeit gewesen ist. Ein Mallll, dessen glanzvolles Auftreten, dessen abenteuerliches Leben ullserer heutigen llüchternen Zeit fast lnärchenhaft erscheillt, desserr Anhällger einft llach Tallsellden zähltell, llnd dessen trügerische, phantastische Vorspiegelungen vielen schwärmerischen Köpfen schließlichen Untergang gebracht haben. Lange Jahre hindllrch hat der Nalne Jacob Frailk ill den Hänserll rechtschaffener Jsraetitell nicht gellallllt werdell dürfen. Heutzutage, da es der Forschung gelungen ist, ben letztell Schleier des Geheimnisses, mit dem der räthselhafte Fremde sich zu umgebell verstand, 31t Lüften, weiß man, daß der sogenannte Baron Frank nichts anderes lvar, als ein begabter, durchtriebener Abenteurer, der es verstandell hatte, durch viele Jahre einer großen Schaar derer, die nach einem bekannten Sprich Worte llicht alle werden, die Mittel 31t seinem üppigen Leben abzulocken. In Polell, m Galizien wurde lange Zeit all ben neuen Messias geglaubt, ihm und seiner Sache von reichen uub armen Juden willig jedes Opfer gebracht. Die guten Offenbacher, die die Resultate dieser Opfer ill Gestalt voll glünzelldem Prullk erblickten, staunten ben Herrn Baron und seine schöne Tochter Eva, die soviel Geld unter die Leute brachten, soviel Fremde ill die kleine Stadt zogen, fast all, wie höhere Wesen. Sie hielten den alten Herrll mindestens für einen Fürstell. — Heymann Elsässer hatte geschäftlich zllweilen mit Jellern zu thull gehabt. Hill und lvieder hatte er sogar die gefeite Schwelle jenes ällgstlich abgeschlossenen Besitzes überschrittelr uub mit dem zeitweiligen Herrn beffetbeu persönlich verhandelt. Kaum

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