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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-04-06 · Heft 14 (6.4.1900) · p. Seite 163

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 14 (6.4.1900)
Date
1900-04-06
Page
Seite 163 (sequence 9)
Language
German
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163 genehmes Ganze dar. Das Volksleben der Juden im Mittelalter war hauptsächlich von drei Faktoren beherrscht: einer leidenschaftlichen Anhänglichkeit an die ererbte Religion und an das Studium derselben, ferner bem Handel, hauptsächlich Geld- Handel, welchen man ihnen beim zwangsweisen Ausschluß von Ackerbau, Znnftwerth und Waffenhandwerk als einzige Erwerbsquelle übrig gelassen hatte, und endlich den unglaublichen Bedruckungen, denen sie wehrlos preisgegeben waren. Man sieht, daß gerade diejenigen Elemente, die man in der Volkskunde als die ergiebigsten für ein echtes Volksleben anzusehen sich gewöhnt hat, hier fehlen, nämlich die Beschäftigung mit dem Ackerbau und anderen der Natur nahestehenden Gewerben, ferner die Naivetät der Analphabeten; denn fast jeder Jude und jede Jüdin kannte mindestens die Lettern der heiligen Sprache. Man wundert sich, daß trotzdem Analogien und volkskundliche Parallelen mit dem nichtjüdischer: Volksthum sich in Menge zeigen — ein Beweis für die unveränderlich gleiche Struktur des menschlichen Geistes. Die Religion bestimmte mit ihrem Ceremonialgesetz das ganze Leben von der Geburt bis zur Beerdigung, vorn frühen Morgen bis znm Zubettegehn. Das Studium der heiligen Schriften, das ewige Konnnentireu derselben imb Disputiren über zweifelhafte Stellen erschien als die würdigste, ja als die einzige würdige Beschäftigung des Mannes. Die Ghettos gleichen kleinen Universitätsstädten. Auch die Bnchdruckerkunst wurde bald nach ihrer Erfindung für die jüdische ßitterntnr irr Dienst genommen. Rebell der höheren, ausschließlich religiösen Litteratnr aber bildet sich eine Volkslitteratur, deren Idiom das Jüdisch- Deutsch ist. Sie enthält Prosa und Verse, Erzählungen, Legenden, Scherzreden, Lieder. Romane, Räthselspiele u. s. w., ja, sie hat es auch zn Volksscharrspielen in Knittelversen gebracht. Die Stoffe, die sie benutzte, waren zum großen Theit alte, aus dem Orient mitgebrachte. Es war ja hier in der älterer: rabbinischen Litteratnr durch die Hagada ein Anknüpfungspunkt gegeben. Sie erinnern sich der Heineffchen Verse: Letztere aber — die Hagada Will ich einer, Garten nennen Einer, Garten, hochphautastisch ltub vergleichbar jenem andern. Welcher ebenfalls denr Boderr Babylon's entsprossen weiland Garten der Semirarnis, Achtes Wunderwerk der Welt. An diese Hagada knüpft nun die Volkslitteratur an, indem sie sie — hauptsächlich für Frarren und Kinder — in das Jüdisch- Deutsche übertrug. Aber in gleicher Weise bemächtigte sie sich auch der westeuropäischer: Stoffe und sammelte sie in sogenannten Maasehd. h. Geschehniß oder Geschichtenbüchern. Wir finden in ihr:er: dieselben Stoffe, die in späterer Zeit den schönsten unserer deutschen klassischen Balladen zu Grunde liegen, z. B. dem Ring des Polykrates, den Kranichen des Jbycns, dem Bürger'schen „Kaiser und Abt" n. s. rv. Negelnräßig weiß der Erzähler, um seinem Publikum etwas angenehmes zn sagen, der Erzählung eine oft recht unerwartet kommende Pointe zur Verherrlich:n:g des Judenthulns zn geber:. Für diesmal habe ich als ein Beispiel davor: eine Geschichte arrsgesucht, der ich den paffenden, aber wenig galanten Titel der böser: Rabbinerin geben möchte. Ich bitte um Entschuldigung, wenn der Titel Anstoß erregen sollte. Die Geschichte spielt im fernen Lande und in längst vergangenen Zeiten; heutzutage giebt es gewiß nur gute Rabbirrerinnen, überhaupt nur gute Frauer:. Durch die Erzählung weht ein Hauch fröhlicher: Stndentenlebens, der dem Endzweck unserer Vorlesungen gut entspricht. Aber ich muß auch noch einschalten, wie ich z:r derselben gelangt bin. Vor etwa zwei Jahren hatte ich in den: unter Leitung des Professors Weinhold stehenden Verein für Volkskunde einer: Vortrag über die jüdische Volkslitteratur gehalten :n:d als Beispiel eine Erzählung vorgetragen, welche lebhaft an die später durch einen Sohn unseres Stamrnes so berühmt gewordene Sage vor: Diobert dem Teufel erinnerte. Ich hatte die Erzählung nicht ohne große Mühe aus der jüdisch-deutschen Schrift übertragen :n:d konnte behaupterr, daß dies znm ersten Male gegeschehen sei. Dernr soweit ich die Litteratnr zurückverfolgte, konnte ich innner mir Texte mit hebräischen Lettern entdecken. Der Professor Wilhelm Schwartz, der rühmlichst bekannte Erforscher märkischer Sagen, welcher als Epmnasialdirektor in Pvser: und Berlin gelebt hat und erst im letztvergangener: Jahr verstorben ist, sagte mir nach dem Vortrage, daß er ein Büchlein besitze, rvelches mich interessiren würde, und er sandte mir dasselbe zu. Es war 1617 in Gießen gedruckt, von einem Professor an der dortiger: Universität, Ehristophorns Helvicus, heransgegebeu. Sein Titel lautete: Talmudische und Rabbinische, wunderbartiche Legenden, so von den Inder: als wahrhastige und heilige Geschichte an ihrem Sabbathe und Feiertagen gelesen wurde ::. s. w. Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich die von mir, meiner Meinung nach zum erster: Male in deutschen Lettern wiedergegebene Geschichte schon 1617 deutsch gedruckt vorfand? Karpeles giebt in seiner Geschichte der jüdischen Litteratnr an, daß eine der erster: Drucklegurrgen des Maaseh-Bncbes in Basel 1662 erfolgt sei. Konnte ich ahnen, daß schon 5n Jahre früher ein christlicher Professor dasselbe mit seinen allerdings nicht sehr jndenfreundlicheu Glossen hatte deutsch drucken lassen? Die hebräischer: Drucke müssen also noch älter sein. Aber ich tröstete mich bald, da ich jetzt eine Quelle hatte, aus der ich bequemer schöpfen konnte und las mit Jrckeresse die erste in diesen: Büchlein enthaltene Geschichte mit der Ueberschrift: „Vor: einem Rabbi, der einen köstlichen Wünschelrirrg fartb und wie es ihm so rvnnderbar'lich mit gangen ist." Sie erinnerte mich ans das Lebhafteste an eine Erzählung aus 1001 Nacht, welche Ihnen wohl auch erimrerlich ist, und welche uns in der Kindheit ein lebhaftes und nachhaltiges Entsetzen verursacht hat. Dort sieht nämlich Harm: al Raschid bei einem seiner Spaziergänge in Bagdad einen jungen Reiter, der sein Roß auf das Grausamste behandelt. Zornglühend läßt er ihn kommen, um ihn zu bestrafen; aber dieser, Sidi Nnman genannt, erzählt dem Kalifen, rvas es damit für eine Bervandtniß habe. Er habe e:n schönes, anscheinend sanftmüthiges Mädchen, Amine, geheirathet und in sein prächtiges Hans geführt. Es sei ihm ausgefallen, daß dieselbe die guten Speiser: seiner Küche verschmähte mrd stets nur einige Reiskörner ur:d einige Brodkrümchen verzehrte. Er ertappt sie. lute sie sich Nachts aus seinem Hause schleicht, sich nach einem Kirchhof begiebt, dort in Gemeinschaft nüt einen: Währwols die Gräber anfwnhlt und mit großem Appetit einen verrvesten Leichnam verspeist. Als er ihr deswegen Vorwürfe macht, besprengt sie ihn nüt

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