Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1900)
- Date
- 1900-04-06
- Page
- Seite 158 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber heute, uw seit mehr als fünfzig Jahren llicht uuv die Grundlagen dieser Wissenschaft festgestellt, sondern der sichere Nachweis erbracht worden ist, daß diese eine organische geistige Thütigkeit sei, die ebenbürtig neben allen anderen Richtungen der Wissenschaft stehe und füglich auch den ©efainmtüitereffen der Menschheit diene, heute, wo die Wissellschaft des Judenthurns, lvenn auch nicht in vollem Maße die ihr gebührende Anerkennung, so doch das Bürgerrecht des Geistes erlangt hat, heilte sollte dieses Vorurtheil längst schon geschwunden und der AchtlUlg uub Allerkennung den Platz geränilit habell, die jedes hohe geistige Strebelt in Anspruch nehmen darf. Statt desselt fütbet man nicht nur unter ben Gleichgiltigen und Indifferenten, sondern selbst unter denen, welchen das Wohl und Wehe des Judenthums am Herzen liegt, noch immer eilte gelvisse Kühtheit unb Verständnißlosigkeit gegenüber der Wissellschaft des Judenthums. Man sehe doch z. B. die Blldgets iluserer Großgeilleillden an. In ben meistert ist gar fein Posten für jüdische Wissenschaft mtb in den welligen, wo eilt solcher allsgeworfell, ist er viel zu gering belllesserr, als daß etlvas Ersprießliches dadurch geleistet lverdell könnte. Was ist llllll die Folge dieses Mißverhältnisses? Die Wissellschaft des Judellthullls, die vor einenr halben Jahrhundert einen so glänzenden Anlauf gellonrnlen, ftnbet immer roelliger Jünger uub Anhänger. Große Aufgabelt könnert überhaupt llicht gelöst lverdell ulld all den Versuch irgend einer wissenschaftlichen Expedition darf man gar nicht einmal deltken. Diejenigen, lvelche auf diesenl Gebiete etwas 311 leisten im Stande wären, lnüsselt sich des Erwerbs willen anderen Fächern zuweuden, ulld so gehen ulls die besten Kräfte verlöret!. Die führenden Geister unserer Wissenschaft gehen einer nach dem anberii dahin, und wo ist irgelld ein Ersatz zu sinden? Mau sollte doch meinen, daß gerade die dem praktischen ^ebeu am lneisten zugelvandteu Männer und aus deren Mitte lvieder diejenigen, die ihrelt Reichthum durch eigelle Arbeit erlvorbeu haben, der Förderung der Wissenschaft zuueigen nlüßten. Sie haben das Elend der Menschheit an sich oder doch in ihrer nächsten Nähe kenneit gelernt und haben geseheit oder erfahren, daß die wirksanlste Aushilfe nur in der Hebltng der geistigelt Potenz, ill der Pflege und Verbreitullg volt Kenrrtnissen zu suchen sei. Sie solltelt ill diesen! Streben die höchste Hulnaltität erkelinerl. Wohl Liegt es beiu warmen und mitfühlenden Herzen am nächsten, deul Hungernden Brod, dem Frierenden die rvarme Stube, denl Kranken sorgsame Pflege zu bieten. Wer aber das Schicksal der Meilschelt auf den: lveiten Erdenrund von eineln höherell Standpunkt ans betrachtet, der lveiß, daß darnit nur Symptome behandelt lverden, größere Hilfe aber nur dadurch geschaffen lvird, lvenn mall auch den Schwachen irr die Lage versetzt, sich vor den Kümlnernissen des Lebens selbst zu schützen. Die höhere Stnse der Wohlthätigkeit strebt llach Hebung der Moral, der körperlichen und intetleftuelXeu Leistungsfähigkeit, der Ausbreitung der Humanität. Nur aus dein Born der Wissellschaft karul die Huruanität unter das Volk sich ergießen, kaull sie Eintracht und Verständigung bereiten. Es muß daher die Aufgabe aller Derer bleiben, denen die Zukunft der Wissenschaft des Judeuthums anr Herzen liegt, in den Kreiselt unserer lvohlhabenden und reichen Glaubensgenossen dafür zu lvirkell, daß diese nicht nur den physisch Armen, sondern auch der inuner lnehr eiureißenden geistigen Armnth ill Israel ihr Herz uub ihre Theiluahrne zuwenden mögen. Wir schließen mit dem heffeubelt Worte unseres Alt Meisters Leopold Zunz. „Wenn die Emancipation und Wissenschaft kein leerer Schall sein soll, keine feile, gleißnerische Mode waare, sonderlr die Lebensquelle der Sittlichkeit, die mir llach langen Irrfahrten in den Wüsten lvieder gefunden: so muß sie I n st it n t i 0 ll e n befruchten!" Me Woche. Berlin, 4. April fie antisemitische Meute ist lvieder all der Arbeit, die Blutlüge zu fruktifiziren. Das Rezept ist genau dasselbe mie bei alleil früheren Fällen. Mit heuchlerische! Miene lvird zunächst versichert, daß man selbstverständlich an einen Rituatluord llicht glauben könlle, dalln aber kommt sofort der Tartüsfe zum Vorschein, dernr unlnittelbar darauf wulldert man sich, daß doch gerade immer vor dem Osterfeste solche Fall! eintreten ulld daß wiederunl — sehr merkwürdig. auch dies mal bei der Leiche fast gar fein Blut gefunden worden sei. Zum Schlüsse verlangt Tartüffe, daß eigentlich die Juden selbst alle^ Mögliche aufbieten müßten, um diese alberne Fabel zu wider legen. Gelegentlich führt er auch einnlal einen jüdischen Krön zeugen auf, der uatiirUdE) nicht genannt wird, oder lvenll ec genannt lvird, sich als ein Geisteskranker oder als ein getaufte! Jude und Judenfeind entpuppt. Genau nach dieseul Rezep! sind in den letzten Jahren die lneisten Blutlügen fabriziri worden. Auch bei dein Konitzer Fall liegt die Sache nichl anders. Es wäre in der That lächerlich, lvenll es nicht über aus traurig wäre, daß gewisse Volkskreise den Tartüffe noch immer nicht erfeuneit und seine scheinheilige Miene für bitteren Erllst nehlllen. Diese Volkskreise aufznklären, lvird allerdings sehr schwer werden, denn sie rekrutiren sich aus solchen, bü gegen ihre Ueberzeugnng die Blutlüge verbreiten oder am der großen Schaar derer — die nie alle lverdell. Abgesehen voll diesen Erscheinungen aber Nluß es be frelnden, daß in solchen Fällen nicht sofort der Weg ein geschlagen wird, auf den doch die Erfahrung längst hingewieseu Hätte man In Polna lvie irr Kouitz sofort tüchtige Kriminalisten ulld erfahrene Gerichtsärzte zur Untersuchung herangezogen so wäre das abscheuliche Blutmärchen gar nicht aufgekommen oder doch im Keime erstickt worden. Inzwischen hat es aber namentlich bei deul Landvolk, bedenklich all Konsistenz ge Wonnen. Antisernitische Flugblätter verbreiten es überall hin Hoffentlich wird die numnehr fachlnänllisch geführte Unter suchung bald Licht in die Sache bringen. Daß die anti semitische Meute auch selbst in diesem Fall ihr trauriges Hetz geschäft lveiter treiben wird, wird Niemand bezweifeln, der bei! Kampf gegen Bosheit und Unwahrhaftigkeit je auflnerksam ver folgt hat. * Das dritte Vierteljahrsheft der Zeitschrift des königlich preußischen Statistischell Bureaus bringt die genauen Ziffern über die Bevölkerungsbewegung in Preußen während des Jahres 1898. Danach ist die Geburtenziffer der Juden noch ungünstiger geworden als im Jahre vorher.