Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1900)
- Date
- 1900-04-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228380--56327-3292620- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
64. Jahrgang. Nr. 14. Berlin, 6. April 1900. Allgemeine eitung des Judenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Uabbtner S0r Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Expedition: Verl in, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. Inhalt. Leitartikel: Ein wunder Punkt. — Tie Woche. — Ein neues Religionsbuch. — Briefe ans England. Bon Reb. Dr. Ehotzner. — Tas Rtärchen von der bösen Rabbinerin. Bon Tr. Georg Minden. — Feuilletonr Der Becher des Propheten. I. Bon P an la F ab er. — Liiterarische Mittheilungen. - Sprechsaal. — Briefkasten der Redaktion. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Ponitz, Stettin, Myslowitz, Göttinnen, Frankfurt a. Pt., Bruchsal, Laupheim > Wktb.), Wien. — Bon Nah und Kern. Gin wunder Punkt. Berlin, 2. April. er Tod eilies Förderers der jüdischen Wissellschaft, loie wir deren in unserem Jahrhundert nur wenige gesehen haben, erlveckt sicher in Vielen wehmüthige Betrachtungen über den Zustand, in dem diese Wissenschaft sich gegenwärtig befindet. Wir haben schon in der vorigen Nummer in Kurzem anseinandergeseht, was der verstorbene S. I. Halberstam. obwohl er keineswegs zu den sog. „reichen Juden" gehörte, durch seine Mnnificenz für die Wissenschaft des Judenthums lvährelid eines an Schicksalsschlägen reichen Lebens gethan hat. Eilt solches Beispiel steht allerdings vereinzelt da. Große Kanfleute, die ein ganzes Leben einer Wissenschaft lvidmen, sind nur selten allzutreffen. Aber es müßte, so sollte man wenigstens glanben, eine Ehrensache gerade für solche mit Glücksgütern gesegnete Männer sein, die Wissenschaft durch Stiftungen, Institute und Preise wirksam zu fördern. Gerade hier versagt leider der sprichwörtlich gewordene Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen fast völlig. An dell zehn Fingern kann mall die Stiftungen aufzählen, die in dem abgelaufenen Jahrhundert für die Wissenschaft des Judenthums gemacht worden sind, und es erscheült ullbegreiftich, '.vie diese Wissenschaft ohne jede Förderung voll außen, ohne nennenswerthe Unterstützung von innen sich erhalten und 311 solcher Blüthe hat gelallgen können. Und dabei fann nmn heute nicht einmal zur Entschuldigllng sagen, daß das Berständniß für die Wissenschaft des Judeuthums Denen fehlt, ivelche ill der Lage wären, ihr anfznhelfen. Heute weiß Jeder, was das für eine Wissellschaft ist und lvie nothwendig dieselbe der Förderullg bedarf, unb die Ereignisse des letzten Dierteljahrhnnderts haben auch sehr eindrillglich das Wort von Leopold Zunz bewahrheitet, daß die lvirkliche Gleichstellung der Juden in Sitte und Leben nur ans der Gleichstellung der Wissenschaft des Judenthums hervorgehen kann. So mancher Mißgriff der Gesetzgebung, so manches Borurtheil gegen das jüdische Alterthum nlid gegen die jüdische Geschichte überhaupt, so manche Berurtheilung lnoderner Bestrebungen silld eine umnittelbare Folge der Berliachlässigullg, lvelcher die Wissellschaft des Judenthums in unserer Zeit ansgesetzt ist. Für die physischen Bedürfnisse sorgen Hospitäler, Altersversorgnngsanstalten, Waisenhäuser und zahlreiche aridere Institute. Wer sorgt aber für unsere geistigen Bedürfnisse? Es fehlt uns an Seminaren, Akademien, Stiftungen für diesen Zweck. Die wenigen höheren Lehranstalten, welche durch die Mnnifieenz einzelner Personell ins Leben gerufen wurden, j fristen ein geradezu künunerliches Dasein und gelallgen so! kaum in die Lage, das 311 leisten, was sie eigentlich leifteu könnten und sollten. Mall konlite allerdings zur Erklärung dieses Uebelstandes auf die Thatsache Hinweisen, daß auch die deutsche Wissellschaft ben Mallgel an Förderung und Unterstützung durch großherzige Mäcen lebhaft zu beklagen hat, und daß ans Universitätskreisell gar oft die Klage darüber laut wird, daß große wissenschaftliche Ausgabeli nicht ill Allgriff genommen werden können, weil es hierzu all den uöthigen Mittelll fehle. Demgegenüber wird meist auf das Beispiel von Amerika Hingelviesen, wo die großen Millionäre es sich zur Ehre anrechnen, Universitäten und Akademien zu begründen, wissenschaftliche Expeditionen auszurüsten, Bibliothekeli anzukaufen. Wir könnten auch lloch auf ein anderes Verspiel Hinweisen, nälnlich auf das der Judeil im Mittelalter, die überall, auch selbst da, wo es unter ihnen all reichen Männern fehlte, vor i allem die Wissellschaft bedachteil. Das Beth-Hamidrasch, das Lehrhaus, das irr jeder, selbst in der fCeinften Gemeinde existirte, wurde zuerst nlld vor allem durch Stiftnilgell unterstützt und sicher fuubirt. Unsere Alten wußten sehr genall, daß das Judenthnm weniger eilte Religion des Kultus als der That, weniger des Glaubens als des Erkennens, weniger des Betens als des Wissens sei. Voll diesem Grundsatz gingen sie aus, indenl sie die Wissellschaft, so weit sie sie erfaßten nlld verstanden, eifrig förderten. Man kann es verständlich fiitben, wenn unsere Reichen zu einer Zeit, wo lloch kaum die Grundlage unserer Wissenschaft festgestellt lvar, wo man voll jüdischer Litteratnr keine Ahnung llnd für den Geist, der das Jndenthum erhalten, feixt Berständniß hatte, eine gewisse Gleichgiltigkeit an ben Tag legten, daß man die Meinung hegte, sie föime nichts nützen, und daß daraus ein Borllrtheil elltstand, lvelches länger beim ein J halbes Jahrhlmdert aus der Wissenschast des Judenthums I schwer gelastet hat.