Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1900)
- Date
- 1900-03-30
- Page
- Seite 156 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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156 id) habe Sie gewarnt. Habell Sie Ihren Lesern schon etlvas von „Chamberlains Grnndlagen des neunzehnten Jahrhunderts" mitgetheilt? Irr u ris e re m Litteratur-Verein ist dieses Buch bereits dagewesen. Es enthält ein großes Kapitel „der Eintrit der Juden in die abendländische Geschichte", und fast in jedem anderen Kapitel eine wahre Blumenlese der heftigsten Ausfälle gegen Juden und Judenthum, alles natürlich mit rein wissenschaftlicher Objektivität geschrieben, lvie sie seiner Zeit auch Otto Henne am Rhyn in feiner v^eidnclite des jüdischen Volkes sich so rührend bescheidentlich nachgerühmt hat. Den Chamberlain dürfen Sie sich nicht entgehen lassen, geehrter Herr Redakteur, und wenn Sie if)ii selbst in Behandlung nehmen müßten! Ehanrberlaill ist hochmodern . . auch wenn er bloß ein Namensvetter des englischen Ministers ist. — Wenn übrigens in diesem Tempo in unserem Litteratur- Verein fortgearbeitet wird, dann werden uns trotz unseres Ueberflnsses bald die Thernen und die Redner ausgegangen sein imb nur lverdeil wieder anfangen mltjfeu mit der sozialen Frage im Judenthlnn, mit dein Zionismus, mit den bekannten Bortrügen über bekannte nab unbekannte Großen der jüdischen Bergangeilheit und Gegenwart. So lange werden unsere Gemeilldemitglieder geiviß ausharren. Demi noch steht uns der Hanptgennß, die pioeo de resisUmce aller Vorträge unseres Litteratllr-Bereiils in Aussicht. Uilser Herr Chasan roird einen Bortrag halten. Thema und Zeit sind noch in tiefes Dunkel gehüllt, aber bereits haben bem vielgeliebten Herrn „in Anerkennung seiner hervorragenden Verdienste u. s. w." anf Antrag ililseres Parneß die Leiter des Litteratnr-Bereius, d. h. lvieder unser Herr Parneß, eine jährliche Gratifikation von 1000 Mark dekretirt. Zrlin Schlüsse des Vortrags unseres Oberkantors dürfen sämmtliche Kilider uilserer Gemeiilde, deren Elterrr alle Vorträge gediildig über sich ergeheil ließeil, anf säniiiltlichen verfügbarell Klavieren der Genleilldeinitglieder unisono die C-dur Tonleiter spielen! Ist das nicht ein vorzügliches Mittel, die Begeisterung zu wecken und wach 31t erhalten? — Wie immer Ihr Lob Ko rach. Litterarische Mitthrilungen. — Tr. I. Ziegler: Die Geschichte des Zudenthums von dein babyloili scheil Exile bis auf die Gegeliwart. Ein Fanlilienbllch. Prag ilnd Breslau I960. Jakob B. Brandeis. Verdient eine Geschichte der Juden, oder eine Geschichte des Judenthinns als Mittel der Belehrung beu Vorzug? Weilii auch in allen wesentlichen Punkten beide übereinstinilneu iniiffen, da die Juden die Träger des Jlldenthillus finb, das Jndenthlnn lvieder die Geschichte Israels nicht nur beeinflußt, sondern bewirkt hat und noch heute bewirkt, daß das Judellthum nur darum eiue Geschichte hat, weil die Juden es verkörpern und fortbildeu, und die Juden nur eine Geschichte haben, weil das Judenthlnn allein ihnen Zusammenhang und Einheit giebt, bildet doch der Standpunkt des Betrachters einen Unterschied in der Behandlung und Anordnulig des Stoffes. Zn einer Geschichte der Inden lvird die Schilderung der äußeren Verhältnisse der Juden, die Darstellung ihres Lebens, ihrer Kultur und die Anpassung an die Verhältnisse der Länder. in lvelchen sie wohnen, die Grundlage bilben. Von hier lvird ansgegangen, um 31t zeigen, wie sich inmitten dieser Verhältl'.isse das Judenthnul erhalten ulld entwickelt hat. Schlvierigfetten bei der Darstellung ergeben sich dadllrch, daß die in den verschiedenen Lälldern gleichzeitig stattfindenden Ereignisse nicht znsammenhällgend vorgetragen werden können. Die Krenzzüge z. B. bringen unsäglichen Jammer über die Juden in Deutschland, Frankreich, England und Palästina. Jll einer Geschichte des Judenthums eiltsteht diese Schwierigkeit nicht, deiln das Jlldenthnm itnb seine Entwickelung stehen im Vordergrullde, Mld der Eillflliß wird gezeigt, den sie auf die Geschichte der Jlldell ilehmen ohne Rücksicht auf den Schauplatz. Es wird dargestellt, lvie der Gegensatz des Jlldellthnllls 311 den anderen Religionen auch den Gegensatz der Judeil zu beu anderen Völkern hervorgerufen und überbrückt hat oder welligsteils zu überbrücken flicht. Hier aber eiltsteht eine andere Schwierigkeit; es mangelt die Bodeuställdigkeit, der inllige Zusamlllellhallg zlvischell beu historischell Ereignissen und Entwickelung des Judenthlnns fann llicht genügelld znlll Allsdrllcke gebracht lverden, so z. B.. daß gerade tu Deiltschlaiid zuerst das Verbot der Polygamie eine religiöse Jllstitlltion wlirde. Was ist aber das Judeuthum, desseil Geschichte gegebell lucrbeu soll? Ullbedingt die Religion Ulld die ganze Kultur der Jllden. Die Aufgabe, dies darzllstellen, ist feine gerillge. Das Judellthum voll der Rückkehr aus Babyloll bis heute uinfaßt einen Zeitrallm voll fast 2500 Jahreil, sein Schauplatz ist säst die ganze bewohnte Erde, und lvenn es auch liicht in alle Ereignisse uild in alle Verhältnisse eillgreist, es loird von afiru berührt und beeinflußt. Ziegler versllcht llun im vorliegelldeil Werke eine Geschichte des Jlldeilthlllns 311 gcbell. Im Ganzen kann Ulan mit bem Bllch sehr zllfriedell fein. Jll gedrängter Kürze lverden die Verhältllisse des Judenthlnns. seine bedeutendsten Männer lind ihre Bestrebungen und Leistlingen vorgesnhrt. Jln Eilizelllen lvird mall hier unb da anderer Meinung fein müssen, trotzdem oder rveil sich der Verfasser strellg an Grätz hält. So z. B. lvird lllan bei Belirtheilullg Philos zlniächst das. was er wollte, in Betracht zieheil müssen, lNld llicht allein die Art, lvie er es unternahm. Mallcher lvird allch die Zeitperioden anders eiugetheilt sehen wollen, vielleicht für mallche historische Gestalt eine lebhaftere Veichullng verlaligeil. Mall lvird allch verlangen, daß alle Werke jener großen Männer, die tief in die Elltwickekllllg des Jndenthnms eil'.gegriffen habell, in illnigen Zusauilneilhang gebracht lverdeil. Jehuda Halelvi z. B. ist derselbe als Religionsphilosoph lvie als Dichter, ja mail versteht seine Zionslieder erst, lvenil man fei neu Knsari keilnt, wie Ulan auch den Codex von Mainllnli 11 itu verstehen kann, wenn man sein religionsphilosophisches System fennt, lvährelld Ziegler die Materien gänzlich tremlt, so daß es llicht möglich erscheint, Bild unb Begriff vom Wesen des großen Maniles 31t erhaltell. Wer aber eiue Ueoersicht über die einzelnen Materien erhaltell lvill: Bibelexegese, Codices. Dichtlnlgell u. a. findet sie bei Ziegler. Hervorgehoben soll auch lverden, daß der Verfasser, ohlle Partei für die eine oder andere religiöse RichtlNlg zu llehmell, alle berücksichtigt und sich bemüht, Samson Raphael Hirsch z. B. eben so objektiv lvie Geiger 311 schildern. S. Im Verlage der Hahn'schen Buchhandlung in Hanllover ist, vor einigen Tagen erschienell: S ch re ib l ese fi b el lmd Lesebuch, erster Theil, für jüdische Schlilen. Der zlveite Theil lvird im Sommer erscheinen. Der Verein jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover lvählte vor mehreren Jahrell eiue Lesebuchkommission, zu welcher die Herreil Levy-Norden. Renß-Aurich, Spanier-Stolznatt ulld Stern-Hildesheim gehören. Diese hat das Lesebuch, herausgegeben vom Lehrerverein der Stadt Hailllover, mit dessen Genehlnigllng für jüdische Schllleli nmgearbeitet. — Wir niöchten llicht uilterlassen. schon heute auf ein Buch aufmerksam zu machen, dasLandrabbiner Dr. M. Fr eud en th al in Dessall unter dem Titel: „Ans der Heiul a th Mell d el ss0h lis" bei F. Lederer,Berlin, soeben erscheinen läßt. Ein Einblick, den wir iit dasselbe nehmen dursten, überzeugte uns, daß wir es mit einem hochinteressanten Buche zu thnn haben, das das große Publikum ebenfo interessiren wird lvie die Gelehrten. An die feffelub geschriebelle Geschichte einer Falllilie, bereu Stamm schon im 16. Jahrhundert wurzelt und deren Zlveige tiocf) heute blühen, knüpft der Verfasser eine Schilderung von Begebeilheitell, die zn erfahren, gerade in der jetzigen Zeit voll großem Interesse sind. Dem Litteratlirfreulld und Bibliographen aber brillgt das Buch in seiner letzten Abtheilnng viel lleues, fleißig gesamnleltes Material zur Ergälizung und Berichtigullg der bisherigen wissenschaftlichen Forschung. Eine das Buch voll würdigende Besprechllllg aus bcrufeiler Feder lverden wir noch bringen. Der älißerst billige Preis (4Mk. bei Vorausbestelllmg) und die vornehme Ausstattluig lverdeil auch dazli beitragen, denr Buche die weite Verbreitung 311 verschaffen, die wir ihm wüllschen. Druck mld Vertag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch wit; in Berlin.