Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1900)
- Date
- 1900-03-30
- Page
- Seite 155 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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155 3. Die Nachtigall. War einmal ein junger Knabe, der sehr schön zu singen verstand. Und obgleich er noch sehr jung und sogar unverherrathet war, erlaubte man ihm, sich in einen Tallis zu hüllen, vor den Altar hinzutreten und der ganzen Gemeinde vorzubeten. Es dauerte nicht lange und sein Ruhm verbreitete sich in der ganzen Gegend und aus der Ferne karrren die Menscher: nach jener Synagoge, wo der Jüngling vorbetete, um seinen Gesang zu vernehmen. Seine Stimme aber war so süß, wie die einer Nachtigall, und Augen hatte er, die leuchteten, wie die Sterne am Himmel. Man nannte ihn allgemein die Nachtigall. Wenn rnan sagte: die Nachtigall wird an diesem uub diesen: Sabbath beim Gottesdienst vorbeten, oder die Nachtigall fährt nach der und der Stadt auf der: Sabbath, so wußten gleich alle, wer darunter gemeint war. In derselben Stadt aber, im Palast, wohnte die Gräfin, die war eine große und mächtige Herrin und sehr reich. Die hörte davon, daß die Nachtigall unter den Juden einen so großen Namen hatte und dachte bei sich, ich will einmal Nachsehen, lvas da unter den Inden mit ihrem berühmten Sänger los ist. Sie zog Männerkleider an und stahl sich in die Synagoge, man weiß es übrigens bis auf den heutigen Tag nicht genau wie urrd wann. Kurz, sie hörte seinen süßen Gesang und blickte ihm in die leuchtenden Augen. Nun entflannnte sie in sündhafter Lsebe zu ihm. Und da sie, lvie gesagt, sehr reich war und eine große Macht besaß, so setzte sie es sich in den Kopf, unbedingt ihrer: Willen zu erreichen. Der Jüngling fürchtete sich vor der bösen Frau und auch vor sich selber, denr: er wußte, daß wenn er einmal in ihr Netz geriethe, so gäbe es feine Rettung mehr für ihn. Er floh ir: die Fremde und hielt sich ir: kleinen Städtchen verborgen. Doch die böse Frau ließ ihrr: keine Ruhe. Sobald er sich irgerrdwo verbarg, spähten ihn gleich ihre Häscher aus, und hörten rricht auf, ihn weiter zu verfolgen. Seiner Vaterstadt aber drohte sie in ihren: Zorn, daß, wein: ihr: die Inder: nicht ausliefern würden, so würden sie alle bis auf den letzten Maru: ausgerottet werden. Was blieb mm dem armer: Knaben übrig? So, oder so, er war verloren. Wollte er rricht eine schwere Sürrde auf seine Seele nehme::, so gefährdete er das Leben so vieler Menschen. Er betete also zu Gott, daß er ihm seine Gaber: nährne, die die Menschen zrr solch schrecklichen Sünden verleiteten und über arrdere Verderben zu brirrgen drohten. Und Gott erhörte seine Bitte und nahrr: ihm die Stirrune aus der Kehle ur:d das Licht aus der: Augen. Seither vernahm kein Mensch mehr einer: Laut von seirrerr Lippen. Sturnm u::d blind irrte der ehemalige Sänger, der Gott und Menschen mit seirrerr: Singen erfreute, den Bettelstab in der Hand, von Dorf zu Dorf und vor: Stadt zu Stadt. Und das Alles um ein Weib. Unser Litteratur-Uerein. Sehr geehrter Herr Redakteur! un haben auch wir einen . . . und wenn Sie wieder- . um Heerschau halten, dann vergessen Sie nicht, unserer: ' Litteratur-Vereir: aufznführen. Mühe germg Halls gekostet, bis wir soweit rvaren. Unser Herr Rabbiner hat schon seit Jahr und Tag von der Kar:zel herab und privatim dafür gewirkt, daß unter den besten Namen auch der Name unserer Gemeinde nicht fehle. Aber bei uns herrschen eigenthümliche Verhältnisse. Unser Parneß, den Sie wohl noch vom Parnoßim- Tag her kennen, ist prinzipiell für nichts zu haben, was nicht seinem Kopfe entsprungen ist, und wenrlls der Rabbiner vorschlägt, Halls erst recht nicht seinen Beifall. Aber glücklicherweise hat unser Chasar: ir: sich auch das Talerrt zum Vortragsmeister entdeckt, und seinem längst allmächtiger: Einfluß ist es zuzuschreiben, daß unser Parneß umgestimrrrt rvrrrde. Nur: wurde ein Feuereifer entwickelt, wie er in unserer Gemeinde bis jetzt nur bei Tanzvergnügrrngerr, Maskenbällen, Dilettanten- Theatervorstellurrgen rrnd Dilettarckenkorrzerten bekanrrt war. Wir hatten schon Vortrüge über die soziale Frage im Judenthum, über der: Zionisrrurs, über bekannte urrd unbekanrcke Größen der jüdischen Vergangenheit und Gegenroart, und noch lange ist die Liste der uns ir: Aussicht gestellter: Vorträge rricht erschöpft. Wenr: in unserer Gemeinde das Judenthun: nicht gerettet roird, danr: ist ihm nicht zrr helfen. Ich würde Ihnen so gerne von einzelner: Vorträgen erzähle::, aber ich weiß, daß Sie sich immer nur an einer summarischen Aufzählung genügen lasser:, und dann wären all die schönen Worte verloren, die :ch Jhrren zur gefälliger: Nachempfindurrg frei rrach der stenographischen Niederschrift unterbreiten rrröchte. Ohne Stenographen thurlls uärrrlich rrnsere Herren Redner rricht. Eirrer hat die jederrfalls auch Ihnen hochinteressante Entdeckung gemacht, daß rricht bloß Süskirrd vor: Trimberg, wie bisher feststarrd, sondern auch Wolfran: von Eschenbach, Gottfried vor: Straßbrrrg, Walter von der Vogelweide, überhaupt alle Minnesänger Inder: gewesen seien. Wie hätten sie sorrst „Aussprüche urrd Ideen der biblischen und rabbinischen Litteratur" so ausgiebig benutzen können! Ja, sie waren barin bewanderter, wie mancher rrroderrre Rabbiner. Wenr: Walter von der Vogelweide über das rasche Dahinfliehen der Zeit klagt, so kann er das nur aus Hiob gelerrrt haben, roenn er den Frühling besingt, so kann er nur aus dem Hoher: Liede erfahren haben, daß es überhaupt einer: Frühling giebt, und so rroch viele Beispiele, rvie ich sie nachträglich auch in einer Geschichte der Juden gesunder: habe. Dieses Buch scheint für unsere Herren Litteraturredner überhaupt eine wahre Fundgrube der Weisheit zu sein. Sv erzählte uns ein Redner, der Zweck des Chanukkafestes sei, „die Israeliten an die wunderbare Rettung ihrer Religion durch die Makkabäer vor der Verfolgung der Syrer urrd ar: die Wiedereinweihung des Tenrpels, den diese angezürrdet hatten, zu erinnern," Prrrim dagegen sollte an die Erlösung des jüdischer: Stammes „aus dem Rarrde des Verderbens, das Harnar: ihm zugedacht hatte, gemahnen". Wörtlich steht es so ir: dem Buche zu lesen. Noch andere Dinge korrrmer: zurr: Vorschein. So die Erklärung für „Jahrzeit"., „derjenige, welcher „Jahrzeit", d. h. in dem betreffenden Jahre seinen Vater verloren hatte". . . die Entdeckung, daß an den „Fastentagen zur Erinnerung an die Belagerung, Einnahme und Zerstörung Jerusalems". . . die Männer täglich in die Synagoge ginger: (sonst nicht?) und so fort. -- Warum ich Ihnen das schreibe? Damit Sie sehen, daß wir wie mit unseren arrderer: jüdischer: Einrichtungen, so auch mit unserem Litteratrrr-Verein bereits rvieder auf der höchsten Höhe stehen und ar: der Spitze der Civilisation rnarschiren. Und immer haben Sie noch feinen Speziälkorrespondenten hierher gesetzt! Sie wissen gar nicht, was Ihnen und der ganzen Judenheit dadurch entgeht! Wenn Ihnen die Hälfte Ihrer Abonnerrten untreu wird, ich habe keine Schuld daran