Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1900)
- Date
- 1900-03-30
- Page
- Seite 154 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228379--56315-3292607- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 3× ep/1004827
OCR text
154 Tag erwacht, oder wenn der Abend sinkt. Und wozu hat Gott den Vögeln die Fähigkeit zum Singen belasse»? Damit der Mensch sich an ihnen ein Beispiel nimmt. So wie sie weder trunkene, noch gottlose, noch unzüchtige Lieder singen, ebenso sollst du, Mensch, solches auch nicht singen. Nur wenn du eine Bitte an Gott hast, oder ihm danken willst, oder wenn es dir traurig in der Seele ist, so singe, und sogleich wird es dir leichter werden. Das Singen gottloser Lieder ist nämlich eine große Sünde, und es harren schwere Strafen darauf in der anderen Welt. Der Mensch aber ist von Natur sehr ausgelassen, und wenn man ihn auf der anderen Welt fragt: ivarnm hast du sündhafte Lieder gesungen? — so möchte er wohl antworten: wenn ich gehabt hätte wie dort an wen ein Beispiel zu nehmen, so würde ich wohl keine sündhaften Lieder gesungen haben. Aber jetzt, da die singenden Vögel da sind, >oas kann er für eine Ausrede haben? Mit dem Gesang kann der Mensch beim Himmel die höchste Gnade sich ausbitten, und wie groß die Macht des Gesanges ander die bösen Engel ist, ist ja bekannt. Aber, auch über böse Menschen hat der Gesang eine große Gewalt. Manche Menschen haben eine hohe Seele h, die sich beim Singen zu Gott erhebt und bei ihm bleibt; solch ein Mensch erleidet weder die Qualen des Todes noch die der Hölle. Ein Jeder iveiß, daß es solch eine Seele war, die jener Chasfid hatte, welcher am Jom-Kipur, beim Beten, vor dem Altar sein Leben beschloß. Er war Chasan und stand am Jom-Kipur vor dein Altar in der Synagoge und sang gerade den Psalm: „Aus den Tiefen rus' ich zu dir, o ©ott" 2>, und ihnen allen griff es ans Herz, so wunderschön sang er. Das ganze Volk weinte, und die Weiber droben, wie das schon ihre Gewohnheit ist, jammerten laut ivie die kleinen Kinder. Indessen fängt der Gesang an immer leiser und leiser zu werden, bis er endlich ganz verstummt. Sie dachten, der Chasan sei ermüdet und möchte eine Weile ausruhen, er aber stand noch immer schweigend da. Endlich tritt Jemand zu ihm heran, zupft ihn beim Aermel und sagt: „Nu, alle Leute warten." Er aber war leblos, wie der Altar, bei dem er stand. Jetzt erst merkten sie, daß die Seele nicht mehr in ihm war. Gott hatte sie beim Singen zu sich genommen. Aber solch einer Gnade wird nicht ein Jeder gewürdigt. Doch wie groß die Macht des Gesanges ist, sogar über böse Menschen, und was für Sünden es auf dieser Welt giebt, das will ich euch erzählen. i. Der Chassid und die Räuber. War einmal ein Chassid, der sehr schön zu singen verstand. Eines Tages ging er, ivie gewöhnlich zum Rebbe auf den Sabbath und es traf sich, daß er sich in einem dichten Wald verirrte. Er ging und ging und konnte keinen Ausgang finden. Und in dem Walde hausten Räuber. Diese überfielen unfern Chassid. schlugen ihn in Ketten und wollten ihn umbringen. Als er sah, daß der Tod nahe war, fing er an über fein Leben und seine Sünden nachzudenken, um die Gnade des Schöpfers auf seine Seele herabznflehen. So lag er da, bis V) Eine „hohe Seele" heißt in der chassidische» Typologie eine ihrem Ursprünge nach zu Höherem bestinnnte und mit besondere» Kräften ansgestattete Seele — zugleich aber auch eine solche, die hieniede» dnrch Leiden, religiöse Nebnngen, Wohlthun und Erkenntniß der Thora zu den höchsten Stufen sich einporgeschwnngen hat. -) Der 130. Psalm wird in den Synagogen des polnischen Ritns an allen zehn Bußtagen beim Morgeugebet rezitirt. der Abend sank. Inzwischen erinnerte ersieh, daß es grade Freitag Abellds war, da alle Welt in den Synagogen versammelt ist, um zu beten und Lieder zu Gott zu singen, und nun wetzten die Mörder ihre Messer, mit denen sie ihm den Garails machen wollten. Er flehte sie also an, ihm noch ein Stündchen am Leben zu lassen, damit er Zeit hätte, sein Gebet zu verrichten, wie Gott geboten, denn er wollte nicht ohne Gebet aus dieser Welt scheiden. Die Räuber lachten ihn aus, aber um Possen zu treiben und ihn zu verhöhnen, lösten sie seine Fesseln, stellten sich im Kreise um ihn herum, und er mußte sich in die Mitte stellen, um nicht entfliehen zu können. Da er wußte, daß dies das letzte Mal sei, daß er auf dieser Welt beten konnte, nahm er all seine Kraft zusammen, uitd als er die Sabbathlieder zu singen anfing, sang er und sang ohne Aufhör; die Verzückung übermannte ihn immer mehr so daß er am Ende die ganze Welt ringsum und auch seinen nahen Tod vergaß. Den Räubern aber drang der Gesang in die verhärteten Herzen und zerknirschte sie so sehr, daß sie nicht länger an sich halten konnten. Sie fielen ihm zu Füßen, und fingen an, ihn um Verzeihung zu bitten. Er aber sprach zu ihnen: nicht mich, nicht mich, sondern Gott müßt ihr um Verzeihung bitten. Dann führte er sie zum Rebbe. dieser bekehrte sie und sie wurden fromme Leute. Als Buße für ihre schiveren Sünden legte ihnen der Rebbe auf, daß sie mehrere Jahre ein unstätes Wanderleben führten, nie zweimal an demselben Ort übernachteten, nie um ein Almosen oder um einen Bissen Brot baten, sondern schweigend bei der Thüre standen, wartend, bis die Hausfrau, selber ihnen etwas verabreichen lvürde. 2. Das Todtenlied. In einer fernen Stadt war einmal ein großer Herr. Dieser große Herr war von Natur nicht böse, aber wenn einmal der böse Geist in ihn fuhr, konnte er die schlimmsten Dinge von der Welt anstellen. Einmal kam ihm der Gedanke in den Kopf, alle Juden, die in seiner Stadt wohnten, umzubringen Er läßt sie also in den Kerker werfen und spricht zu ihnen „Hier werdet ihr ein paar Tage brummen, bis ich Galgen in genügender Anzahl für euch aufgerichtet habe." Die Juden dachten bei sich: nun ist unser Ende gekommen und wir werden die lichtige Welt nicht mehr sehen. Sie sagten also zum Chasan, der unter ihnen war: „Wir müfseu alle sterben; aber nach unserem Tode wird Niemand sein, der über unsere Seelen das „LI mol« nichaminr sänge. Weißt Du was, sing jetzt das „LI mole rachainim“ über unsere und Deine eigene Seele. Bei Gott wird das gerade so lieb sein, wie wenn Du es nach unserem Tode sängest." Der Chasan stimmte das Lied an, und sang laut und ans tiefstem Herzen, wie er es so oft an der Bahre der Todteu gethan. Da fügte es Gott, daß der grausame Herr gerade in diesen. Augenblick vor den Fenstern des Gefängnisses vorbeiging und den Gesang vernahm. Der Gesang aber ist, wie bekannt so ergreifend, daß er einen Stein rühren könnte. Der Herr blieb stehen und lauschte; und das Singen drang ihm so sehr zu Herzen, daß der böse Geist ihn verließ. Er befahl auf der Stelle, die Gefangenen zu befreien, und den Chasan beschenkte er noch dazu reichlich.