Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-30 · Heft 13 (30.3.1900) · p. Seite 153

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 13 (30.3.1900)
Date
1900-03-30
Page
Seite 153 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228379--56314-3292606
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

153 Rabbi im Londoner Ghetto, ist mit einem jungen, eben ans Südafrika zurückgekehrteil Manne verlobt. Uuglücklicherweise aber hat sie einmal im Scherze von einem jungen Manne einen Rülg angenommen, der ebenfalls im Scherze die Trauungsformel dabei aussprach. Sie Milßte daher geschieden werden, und da ihr Verlobter ein Kohen ist, kann sie ihn nicht heiratheil. Der Verlobte will mit ihr nach Amerika gehen. Sie schwankt einige Zeit zwischen Liebe und Pflicht, aber schließlich behält die Pflicht die Oberhand. Das ist die ganze Handlung. Alles andere ist eine Vorlesung über jüdische Archäologie mit lebendigen Illustrationen, etwa wie Hagenbeck uns eine Kalmücken- oder Nubierkarawane mit ihren häuslichen, staatlichen itnb religiösen Gebräuchen vorführt. Eine innere Nothweudigkeit liegt dazu nicht vor, und die Paradirung des Chanukaleuchters, des Lulab, des Schofar, des Tallith, des Sterbegewandes und mancher anderer Züge des jüdischen Kultus machen eineil sehr ausdringlichen Eindruck, so aufdringlich wie das Mesnsakttssen des Schnorrers, das auch im Stücke nicht fehlt. Ueber beit eigentlichen Knoten des Dramas ist vielfach in der englischen und amerikanischen Presse gestritten worden. Manche fanden, daß Zaugwill das rabbinische Gesetz falsch interpretire, Andere standen auf seiner Seite. Für mich liegt die Sache höchst einfach. Es handelt sich für den realistischen Dichter nur darum, einen Fall zu ftatniveu, der vorgekommen sein könnte. Da aber Zebi Aschkenasi (Nr. 175), Sanmel Aboab (Nr. 291), Götz Hildesheim in Eben ha Schoham (155 ff.) und endlich auch ein Rabbiner in Zitomir (Hazefirah von: 25. Januar d. I.) ähnliche Fülle im rigoristischen Sinne entschieden haben, kann man Zangwill das Recht nicht bestreiten, diesen Fall als einen wirklichen zu behandeln. Ganz realistisch ist er darum doch nicht, denn wenn man sieht, wie vom fünfzehnten Jahrhundert bis auf unsere Tage autignirte Eheverbote, besonders die, welche den Kohen betreffen, durch rabnlistische Kniffe außer Kraft gesetzt wurden, so muß mail sich wundern, daß Reb Schmuel llicht ein Hinterthürchen gefunden haben svllte,»bei lvelcher mail um das Gesetz hernmkommen könnte. Hat doch der selige Rabbi Isaak Elchanan voll Kowuo eine Art Autoganlie als möglich angenommen uul einem Kohen seine Geliebte zu retten! (Eil Jizchak, Wilna 1888, 1>. 205 ff.) Ebenso wäre es möglich, daß Hanna sich von irgend einem weniger gewissenhaften Rabbiner hätte trauen lassen, und Reb Schliiuel hätte sich, lvie das so oft geschieht, in das Unvermeidliche gefügt. Allerdings hat sich der Dichter gegen beit letzteren Einwand einigermaßen vorgesehen, denn er läßt Hanna sagen: Wenn es nicht mit oem jüdischen Gesetze geht, danil zmn bürgerlicheil Gesetzbnche. Mit der Reform steht Zangivill aus schlechtem Fuße. Das hat er den alilerikailischen Inden deutlich geniig gesagt. Wir nehinen aber gern den konsequenten Rabbi in den Kalif; aber er und seine Tochter machen noch fein Drama. Was uns sonst geboten wird, ist eine Reihe lose verknüpfter Szeileil. Zilerst kommt die sehr breitgetretene Scheidungsszeile, deren Ziveck nur ist, den Zlischauer mit den Gebräuchen bekannt gl machen, und trotz pedailtischer Details ist sie höchst unwahr. Eberl hat Saiil Levine Hanna beit Ring angesteckt und der anwesende Schnorrer-Poet Melchizedek Pinchas erklärt, daß dies eine rechtmäßige Heirath sei, und sofort ivird der Rabbi geholt, der erst beste Hausirer als „Sopher" engagirt nnb die Scheidung ist vollzogeil. Dieser Melchizedek Piilchas ist der gelungenste Charakter des Stückes, denn die Koniik fiubet doch. in dem Juden die bildsamste Bühnenfigur. Ein hebräischer Dichter, der immer mit Dedikationsexeiiiplaren seiner Gedichte in der Tasche herumgeht, bei dem Rabbi die Mesnsa küßt, bei den Sozialisten antireligiöse Reden hält, bald als Zionist mld bald als Kosmopolit auftritt, ist gallz aus dem Leben gegriffen. Hingegen ist David Brandoil, Hannas Bräutigam, eine ganz mißglückte Figur. Das; ein Müdchell, die nicht die Dienste des Schadcheii in Ailspruch nehinen will, über die Schwierigkeiten, die sich ihrer Verheirathung mit diesenl Bürschchen entgegenstellen, unglücklich sein soll, versteht man gar nicht. Derartige Alltagsjnngen hat Sugarmau, der Schadchen, zll Dlltzelldeil im Tascheilbnch. Der Schleiiiihl des Ghetto Schoschi Schiuendrik ist oft so gewaltig karrikirt, daß er höchstens für das Tingeltangel brauchbar wäre. Mit anderen Figuren geht es llicht besser, sie sind eiltweder hölzern oder karrikirt. Mail sagt, daß Zangivill au einem neuen Stücke arbeite. Vielleicht ist er glücklicher, wenir er das Drama gleich aus dem Rohstoff prodnzirt, statt es aus einer Novelle zu appretiren. EUILLETON Jüdische Sagen und Volksmärchen. Mitgetheilt von Bin ja in in Segel. I. Die Macht des Gesanges.') s ist allgemein bekannt, daß das schönste Geschenk, welches der Mensch von Gott erhielt, in der Fähigkeit besteht, die er ihiil verliehen hat, alles, was feine Seele bedrückt, aus sich herauszusingen. In alten, sehr alten Zeiten, kilrz ilach Erschaffung der Welt, koiinten alle Thiere singen, wie davoll in den heiligen Büchern geschrieben steht2). Alle fangen sie, ein jedes auf feine Art, ein Lied zu Ehren Gottes. Doch als später die Welt verdorben wurde, und sogar die Thiere sündigteil, uild Gott die Sintsluth über die Welt kommen ließ, wurde die Gabe des Siilgeus ben Thiereil genommen, und nur ben Menschen und manchen Vögeln belassen. Heutzutage können die Thiere nur brüllen, heulen, bellen und giiacken, mail che können auch das nicht. Aber singen? Wer kailn fingen? Nur der Meli sch allein und die Vögel ein wenig. Denn die Vögel sind voll alleil Geschöpfeil die reinsten und Gott am allgenehmsten. Und wozu singen die Vögel? Gott znin Preis fingen sie, wenn der Frühling koulmt, wenn der ') Die folgenden Sagen sind von mir vor mehreren Jahren nach dem Vortrage eines chaffidischen Märchenerzählers ausgezeichnet ivorden. Die vorangehende Einleitung bildet gleichsam ein Prälndimn und spiegelt trefflich die naive und zugleich von einem gewissen mythischen Schwung beseelte Anschannngsiveise der Chassidim lvieder. Die Uebertragnng ins Hochdeutsche schließt sich möglichst wortgetreu dem Original an. -) Das bezieht sich ivahrs.cheinlich ans den bekannten Traktat „Perek Schiroh", ivo die Dankeslieder ausgezählt siild, die die Geschöpfe zum Preise Gottes singen, — zumeist ein oder zwei Verse ails beu Psalmen. Doch übersah der Erzähler, daß hier nicht nur die belebte, sondern oiicl) die unbelebte Natur Lieder singt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.