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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-30 · Heft 13 (30.3.1900) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 13 (30.3.1900)
Date
1900-03-30
Page
Seite 152 (sequence 10)
Language
German
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152 Jantzivills Ghellokindrr auf drr Bühne. Von Professor Dr. G. D eilt sch. o ich in beit letzten Tagen hinkvmme, höre ich dieselbe Frage in allen Abarten von englischer, dentseher und deutsch-amerikanischer Sprache wiederholt: „Did you see ihe Cliildren of the Ghetto V Wie habe Sie die Srhow geglichen u. s. w. Und es ist ja in der That ein Ereigniß. Der Jude ist wohl seit Jahrhunderten in verschiedenen Charakteren auf die Bühne gebracht worden. Bon dem allen Christen Rache brütenden Shylock bis zu dem von Edelmuth triefendett Schema Cumberlands, von der aufdringlichen, abstoßenden Gesellschaft in Sessa's „Unser Verkehr" bis zu dem vornehmen Nathan Lessiugs sahen nur den Inden in allen Schattirnugen auf den lveltbedeutenden Brettern. Auch die Jndenfrage ist oft genug vor den Rampenlichtern besprochen worden. Besonders in neuester Zeit hat der Stoff viele Bühnendichter gereizt. Was aber, soweit ich iveiß, noch nie unternommen wurde, ist der Versuch, das Ghetto auf die Bühne zu bringen. Das Ghetto ist ein romantischer Stoff. Eine rasch dahin schwindende Kulturreform prüsentirt uns die sentimentale Seite. Wir sehen riicht mehr die Unsauberkeit, die drückende Enge, die materielle Roth, die geistige Beschränktheit, sondern nur das ideale Familienleben, die rührende Genügsamkeit, sowie die bei aller Einseitigkeit bewundernswerthe geistige Regsamkeit. Zu dem Ghetto der mitteleuropäischen Kleinstadt, wie es Bernstein und Kompert gezeichnet haben, und dem polnischen Ghetto, das in Franzos, Sacher-Masoch und Herzberg-Fränkel seine Darsteller gefunden hat, ist seit dem russischen Exodus von 1882 ein neues, das der englischen und amerikanischen Großstädte getreten. So jung es ist, so rasch verschwindet es. Wir leben im Zeitalter des internationalen Verkehrs, das alle lokalen Eigenheiten abschleift. Das englische Volk ist ein besonders mächtiger Amalgamator. Selbst mehr als jedes andere Kulturvolk aus einer Mischung verschiedener Rassen, keltischer, lateinischer, germanischer und romanischer Elemente hervorgegangen, Erzeuger einer Sprache, die eilt Jargon wäre, wenn sie nicht das geistige Verkehrsmittel einer großen Kulturnation bildete, hat das englische Volk und noch mehr seine Sprache eine bewundernswerthe Absorptionskraft. Chaskeloioicz, Szczebrszynski und Szhdilkowiak verwandeln sich selbst in einer Schwitzbtide des Londoner Ostend im Handumdrehen in einen Davis, Hort, Harris, Lewis und Morris. Ihre Nachkommen sind vollblütige Engländer, die nicht nur das „Iiddish" verlernt haben, sondern häufig genug im Enthusiasmus für Pferderennen und Preisboxen cs den leiblichen Nachkommen der uormännischen Ritter zuvorthtm. Diese Metamorphose hat Zangivill in ihrem Werdeprozesse mit Meisterhand geschildert. Er hat uns die mannigfachsten Typen des Londoner Ghetto, die Schwitzbude und die „Chewreschul", den frommen Rabbi tmd den schnorrerischen Litteraten, den von einem. Erwerb znm anderen greifenden, „Grünen" und den seine Herkunft verleugnenden „genialen Jüngling" mit solcher Realistik vorgeführt, daß sein Werk eine kulturhistorische Leistung ersten Ranges geworden ist. Mit diesem Werke hatte der noch nicht dreißigjährige Mann einen solchen Erfolg errungen, daß die stets nach neuen Effektstücken ausschauenden „Managers" ihn zur Dramatisirung > seiner Erzählung ermuntert haben. Den Erfolg dieses Versuches hat Zangwill selbst in seiner höchst originellen Art mit den Worten gezeichnet: „The public is a failure (das Publikum ist durchgefallen). Die Thatsache steht fest. In London sowie in New-Hmk und in vielen amerikanischen Großstädten ist das Stück über die Bühne gegangen und bald wieder vom Repertoir dauernd zurückgezogen worden. Die Juden haben das tricht bewirkt, denn obwohl das respektable Judenthum oder richtiger die respektable Judenheit die entsetzlichsten Gefahren darin witterte, daß der naive christliche Nebenmensch und Mitbürger verleitet loerden könnte, zu glauben, daß der richtige jüdische Rabbiner sich eine „Schabbesgoje" zum Auslöschen der Lichter halte, daß der richtige Hebrew sich am Sabbath das Taschentuch um den Leib binde, und daß die moderne israelitische Mitbürgerin eine so scheußliche Perücke aus dem Kopfe trage, sind sie doch alle itt das Theater gegangen. Der Christ theilte die moralische Entrüstung seines israelitischen Mitbürgers erst recht nicht, denn erstens steht er dem traditionellen Judenthum mit kühlem archäologischen Interesse gegenüber, und zweitens gefüllt ihm das Ghettvjudenthum viel besser als das des „Tempels". Zum Beweise dafür zitire ich eine Besprechung des Stückes von Martin Ellis, die in der Monatsschrift: „The Bookman“ Februar 1900, S. 534, erschienen ist. Ellis sagt: „Der reiche, phantasielose, verchristelte Jude des Uptown oder goldenen Ghetto schämt sich seines Judenthums Der East Side- (jüdisches Stadtviertel New-L)orks) Jude ist bekanntlich stolz ans sein Volk. Er bedauert den Nicht-Juden, ohne dabei verletzend zu sein. Der Ilptcnvn-Jude hingegen, der immerwährend seine Rasse verhimmelt tmd dabei die Christen äfft, bringt sie in Verachtung und giebt dem Vorurtheil gegen sich Nahrung. Er will durchaus so sein wie jeder Andere. Er ist ein Protz (snob), ein gesellschaftlicher Eindringling, anmaßend, utaterialistisch und banal. Mag Zangwill über England und Cahan (Abrahant Cahau, Verfasser von New-Norker Ghettogeschichten) über uns Amerikaner schreiben, aber sie sollen die Charaktere nicht berühren, welche sie kennen, jene Kinder Israels, welche weder Engländer noch Amerikaner sind, sondern Juden." Bedarf mein Artikel über den Antisemitismus in Amerika einer kräftigeren Bestätigung? Habe ich schwarz gesehen? Der Leser urtheile selbst von der Antithese: „Wir Amerikaner, ihr Juden!" Der „Amerikaner" sieht ganz gern den Juden des Ghetto, auf den er wohlwollend herabsehen kann. Er mag ihn nur nicht in der fünften Avenue (dem New-Norker Millionärviertel) und in Newport oder einem ähnlichen fashionablen Seebade. Die Ghetto-Kinder ans der Bühne werden kein „Rischuß" machen. Das ist auch sehr überflüssig. Alle Tage prüsentirt das Vaudeville und die Posse, welche ja fast ausschließlich die amerikanische Bühne beherrschen, den Juden als ordinären Geldprotzen, als Bankerotteur und Brandstister und stellt ihn in den widerlichsten Karrikaturen auf den grell bemalten Plakaten aus. Den Juden auf der Bühne brauchen die Inden Herrn Zangwill nicht ttachzutragen, aber die dramatische Muse wird ihm kaitm Dank Nüssen, denn um es kurz zu sagen, Zaugwills Stück ist eine Serie von Bildern aus dem Leben der russischen Juden im Londoner Ghetto, aber kein Drama. Eine Szene bildet eine Ausnahme und das ist der Kampf in der Seele der Heldin zwischen Liebe und Pflicht. Hanna, die Tochter eines

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