Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1900)
- Date
- 1900-03-30
- Page
- Seite 151 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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151 zydzie“ (Hundeblut von einem Juden), was hast du mir da gemacht! Ist aber der Pauer mit der Arbeit zufrieden, so sagt er wieder schmunzelnd: „Psiakrew zydzie", hast deine Sache gut gemacht." Ich mäg' machen, was ich will, so bin und bleib' ich ein Psiakrew zyd." Es giebt aber auch nachweislich eine Menge christlicher Handwerker, welche ihr Gewerbe aufgeben und Schankwirthe und Händler werden. Im Uebrigen läßt sich schwer die Grenze ziehen zwischen eineui leichten und schweren Gewerbe. Wer wollte wohl behaupten, daß es schwerer ist, mit Hobel und Säge zu hantiren, als den Tag über auf dem Schneidertisch, oder auf dem Schusterschemel zu hocken, oder aber, was den: Juden ewig zum Vorwurf gemacht wird, als Hausirer bei Wind und Wetter, mit seinem Packen beschwert, mit gekrümmtem Nacken voll Dorf zu Dorf zu ziehen, um dadurch sein dürftiges Brod zu erwerben! Ob heute hier zu Lande mehr Juden oder Christel: sich vom Hausirhandel ernähren, müßte erst statistisch nachgewiesen lverden. Aber wir hatten früher hier auch viele jüdische Tagelöhner ulld Lastträger, welche ihren christlichen Berufsgenossen sicherlich nichts nachgaben. So starb tu unserem Orte vor einige!: Jahre:: ein jüdischer Tagearbeiter, welcher als Autorität in seinem Fache galt u::d bei seinen christlichen Bernfsgenossen ::: höchster Achtung stand. Er ragte nicht nur durch seine herkulische Kraft hervor, sondern auch durch seine Unverdrossenheit u: der Arbeit und die Anwendung geschickter Handgriffe. Bei Umzügen war dieser in der Regel der Unter::ehmer. Wollten die anderen Arbeiter durch höhere nicht zu rechtfertigende Löhne prellen, so trat er rnit Entschiedenheit dageger: auf und drohte, falls sie nicht angreifeu wollten, die Sache allein bezw. unter Mitwirkung seines christlichen Intimus Werlek auszuführen, und das wirkte. Und solche:: Repräsentanten des Arbeiterstandes gab es in früherer Zeit im Posenscheu viele, unter den Juden auch heute noch in großer Menge in: angrenzenden Polen. Daß wir keine Holzhauer und Steinklopfer haben, ist für uns keine Schande u::d auch kein Schaden. Aber die Bezeichnung „leichte Gewerbe" hat den Beigeschmack, als sollte damit des Juden Scheu vor einer schweren Arbeit ausgedrückt werden. Wer aber die Augen offen hat, wird sehen, daß die Inden hier, von unserer Provinz ist doch die Rede, vor keiner schweren Arbeit zurückschrecken, wo es gilt, für sich und die Familie den Lebensunterhalt zu erschwingen; ebenso anderwärts. Viele Juden betreiben hier ein mühsames Fnhrgeschüft. Bei Frost und Hitze, bei Sturm und Regen, in stockfinsterer Nacht, wenn sie ermattet von einer Fahrt heimgekehrt sind, stehen sie ihrer Kundschaft unverdrossen zu einer neuen Fahrt bereit, übernehmen allerlei Aufträge nach auswärts, die sie pünktlicher als die Post selbst ausführe::, und sie zählen wegen ihrer besonderen Zuverlässigkeit nicht zun: geringen Theil Christen zu ihren Kunden. In: Geographiebüchlein von Tromnau ist ferner zu lesen: „Abstaunnung: Außer Deutschen und Polen wohnen Juden in der Provinz." „Religion: Die Deutschen bekennen sich größtentheils zur evangelischen, die Polen mit wenigen Ausnahmen zurkatholischen Kirche. Die Juden haben die mosaische Religion. Ihre Zahl hat sich in letzter. Zeit vermindert." Sowie Verfasser dieses Letztere weiß, so hätte er doch auch wissen können, daß es mit den Schankwirthschaften und dem leichten Gewerbe unter den Juden auch anders geworden. Aber wie der Jude in beide Rubriken „Abstammung und Religion" hiueinkommt, erscheint doch befremdlich. Der Jude ist also weder ein Deutscher rioch ein Pole; er nimmt demnach eine Sonderstellung ein! Wir dürfen jedoch mit Recht behaupten, daß der Jude ein Deutscher ist. Vor Jahrhunderten sind die Juden aus Deutschland hier eingewandert und sind hier wie in Russisch-Polen und Galizien der deutschen Sprache treu geblieben. Dasselbe kann man beispielsweise nicht von allen eingewanderten deutschen Katholiken behaupten. In vielen deutschen Familien ist im zweiten und dritten Geschlecht keine Spur mehr vom Deutschthnm zurückgeblieben, wie das Löhrke in seiner Geographie selbst zugesteht. Dort heißt es: „Die Bamberger wurden nach dem nordischen Krieg (1700—1721) aus der Gegend von Bamberg in das Land gerufen. Leider ist gegenwärtig den Bambergern das Bewußtsein, daß sie Deutsche sind, gänzlich verloren gegangen; sie halten sich nun auch für Polen. Ja einige haben sogar ihre deutschen Namen in polnische umgewandelt z. B. Schulz in Sculo, Müller in Mylen, Krieg in Krhg, Becker in Bekier." Die Königliche Regierung hat sich auch veranlaßt gesehen, solche korrumpirte Familiennamen wieder richtig zu stellen. Wir begegnen aber hier vielfach christlichen Gesichtern u:it echt orientalischem und wiederum Juden :::it teutonischem Gepräge; aber jene sind Katholiken, oder Protestanten, und darum, nach der hier üblichen Bezeichnung, Polen bezw. Deutsche. — Die Juden haben trotz ihrem vielhundertjährigen Aufenthalt in Polen, wozu früher auch die Provinz Posen gehörte, ihr Deutschthnm bewährt, und wenn sie sich hier und dort, so es sich um städtische oder auch politische Interessen handelt, mit den Polen vereinigen, so sind sie ebenso wenig Polen, wie die Polen Deutsche, oder umgekehrt, wenn Katholiken und Protestanten zu gleichen: Zwecke Hand in Hand gehen. — Außer den: hier Beanstandeten sind die beiden Schulbücher hübsch und dem Zwecke entsprechend bearbeitet; aber da sie Schulkindern in die Hand gegeben lverden sollen, so wäre doch bezüglich der beregten Stellen mehr Vorsicht an: Platze gewesen. Für spezifisch jüdische Schulen fallen derartige Uncorreetheiten weniger in die Wage. Der jüdische Lehrer berichtigt dies mit einigen Worten, und die Sache ist erledigt. Versetzen wir uns aber in eine Simnltanschule. Wie beschämt und verlegen sitzt das jüdische Kind da, :vie verletzt in seinen: innersten Gefühl, wenn bei jenen ominösen Stellen seine christlichen Mitschüler es bedeutungsvoll, ja mit Spott und Hohn anblicken. Wenn christliche Lehrer sich hierbei schweigsam verhalten, so wollen wir ihnen darob keinen Vorwurf machen; vielleicht sind sie rnit den: wahren Stand der Verhältnisse nicht genügend vertraut und verlassen sich auf das gedruckte Wort. Belehrungen solcher Art, welche nachgewiesener Maaßen der Begründung entbehren, sind durchaus nicht geeignet, Eintracht und Liebe zu erwecken unter den einzelnen Konfessionen, welche von Kindheit an unter einander leben und später als Mitglieder ein und desselben Staates in Verkehr treten. Wie schweres dem Heranwachsenden Geschlecht wird, sich von den in der Jugend empfangenen Vorurtheilen loszusagen, lehrt genugsam die Erfahrung. Hier insbesondere gilt das Wort: „Für die Jugend ist nur das Beste gut genug."